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Die Gelbe Wand als harte Front

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Von: Daniel Theweleit

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Harte Bandagen: Der verletzte Dortmunder Reus (rechts) und der Leipziger Orban treffen diesmal nicht aufeinander.
Harte Bandagen: Der verletzte Dortmunder Reus (rechts) und der Leipziger Orban treffen diesmal nicht aufeinander. © rtr

Beim Spiel gegen Leipzig muss die Polizei wieder mit Aggressionen der BVB-Fans rechnen.

Die neueste Studie des britischen Meinungsinstituts „YouGov“ zur Beliebtheit deutscher Fußballklubs werden viele Anhänger von Borussia Dortmund mit einem gewissen Unbehagen zur Kenntnis nehmen. Klar, die Bayern sind vorne, der BVB ist Zweiter – dass RB Leipzig nach Auskunft der fußballinteressierten Befragten über 14 Jahre auf Rang drei im Ranking steht, ist aber ein Rückschlag. Schließlich arbeiten die schwarz-gelben Menschen von der berühmten Südtribüne seit Jahren mit viel Aufwand an der Diskreditierung des Leipziger Fußballprojekts. Offenbar mit bescheidenem Erfolg. Am Samstag werden die Sachsen zum zweiten mal im Westfalenstadion antreten, und wie schon beim ersten Besuch im Februar, sind energische Protestaktivitäten geplant: ein Fanmarsch, Transparente, Gesänge. Und womöglich auch illegale Aktionen, die von der Polizei unterbunden werden müssen.

RB bleibt für viele der Feind

Im Februar waren die Aktivitäten ja zu brutalen Übergriffen auf friedliche RB-Fans eskaliert, bevor auf der Südtribüne etliche beleidigende Transparente entrollt wurden. Vier dieser Banner wurden mittlerweile als justiziabel kategorisiert, die Tribüne wurde für ein Spiel gesperrt, zuletzt wurden fünf Einzeltäter zu Geldstrafen zwischen 800 und 3600 Euro verurteilt und gut 20 bundesweit gültige Stadionverbote ausgesprochen. Die Wirkung dieser Sanktionen ist allerdings umstritten. „Die Stimmung gegenüber Leipzig und vor allem Red Bull hat sich nicht verändert, sie ist eher noch kritischer geworden“, sagt Thorsten Schild von der Fanabteilung des BVB in einem Gespräch mit der Funke-Mediengruppe. Am Samstag drohen erneut Übergriffe und Gesetzesbrüche.

RB Leipzig, dieser Klub, den der Getränkehersteller Dietrich Mateschitz als Marketinginstrument ersonnen hat, bleibt für große Teile des Anhangs ein Feind, der nicht nur sportlich bekämpft werden muss. Auf der Homepage der Ultragruppierung „The Unity“ wird dazu aufgerufen, „vor dem Spiel ein starkes Zeichen gegen den RB-Konzern und sein Verständnis von Fußball zu setzen“. Es soll einen Fanmarsch geben, natürlich friedlich, was sich Einzelne oder Splittergruppen sonst noch ausdenken, ist aber unklar. In jedem Fall hat RB Leipzig eine renommierte Sicherheitsfirma beauftragt, die die Mannschaft auf der ganzen Reise schützen soll, und die Anzahl der Einsatzkräfte rund um das Spiel wurde gegenüber der Begegnung aus dem Februar von 237 Beamten auf über 1000 angehoben. „Wer Gäste anpöbeln oder angreifen will, wird eine sehr aktive Polizei erleben“, sagt Einsatzleiter Edzard Freyhoff und kündigt an: „Wir haben auch schon über Dinge hinweg sehen können, aber diesmal ist die Schwelle, ab der wir einschreiten, extrem niedrig.“ Deeskalation klingt anders.

BVB-Ultras formieren sich

Auf ein Angebot, Vorgespräche zu führen, gingen die Ultras laut Polizei nicht ein, stattdessen heißt es auf der Homepage der Gruppierung „The Unity“: Die „Medien-Lawine“ und die „bis dato beispiellose DFB-Sperre“ seien „natürlich kein Grund, jetzt klein beizugeben. Dietrich Mateschitz‘ Projekt ist heute genauso abzulehnen wie damals. Wir dürfen es niemals hinnehmen, dass ein Konzern den Fußball als Werbeplattform für sein Produkt missbraucht, allen Hofierungen und Anbiederungsversuchen der Medien- und Sportlandschaft zum Trotz.“ Das klingt nach harten Fronten, oder besser: nach einer harten Front. Denn auf Leipziger Seite gibt es bisher keine Anzeichen für Gegenaggressionen. Vielmehr verzichten viele RB-Anhänger lieber auf die Reise ins Revier; im Februar war das Team von 8000 Gästefans begleitet worden, am Samstag werden nur noch 3000 erwartet. Schon jetzt ist klar: Das Topspiel wird kein unbeschwertes, fröhliches Fußballfest werden.

Was angesichts all dieser Meldungen untergeht, ist, dass es ja durchaus schlüssige Kritikpunkte am RB-Konstrukt gibt. Diese kann aber kaum jemand ernstnehmen, wenn sie derart unsachlich und aggressiv vorgetragen werden wie im Februar. Das reflektierende und um einen halbwegs respektvollen Umgang bemühte Online-Fanzine schwatzgelb.de schreibt daher: „Nur in Folge eines gewaltfreien Szenarios kann die Karte des Schwarzen Peters den Leipziger Verantwortlichen immer wieder zugeschoben werden.“ Lediglich „guter Protest“ sei geeignet, RB wirksam zu kritisieren, Ausschreitungen und Übergriffe führen hingegen eher zu einem Ansehensverlust des BVB-Anhangs.

Der Fanmarsch und die Proteste im Stadion werden damit auch zu einer Herausforderung für die oft beschworenen Selbstregulierungskräfte, die unter Fußballfans wirken. Die Vertreter der Fanprojekte sagen immer wieder, viele schlimme Dinge passieren nicht, weil Mehrheiten Einzelne oder Kleingruppen bremsen und aufhalten können. In Dortmund hat das zuletzt nicht so gut geklappt.

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