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Die Lobbyarbeit hatte Erfolg.

Fußball-Neustart

Geisterspiele in der Bundesliga: Der letzte Kick fehlt

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Gnädige Politik: Die Bundesliga darf wieder starten. Doch rechte Freude mag nicht aufkommen.

Die beharrliche Lobbyarbeit und ein klug ausgetüfteltes Medizinkonzept ist von vorläufigem Erfolg gekrönt: Die Fußball-Bundesliga darf die unterbrochene Saison wie erwartet ab der zweiten Mai-Hälfte mit Geisterspielen fortsetzen. Darauf einigten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder bei ihrer Schaltkonferenz am Mittwoch. Merkel teilte am Mittwochnachmittag mit, dass der Spielbetrieb unter den genehmigten, aber auch erforderlichen Bedingungen wieder hochgefahren werden darf. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fügte einen Appell an die Fußballprofis hinzu, sich darüber bewusst zu werden, dass sie „Konsequenzen fürchten“ müssten, wenn sie sich nicht an das Hygienekonzept hielten. Hamburgs Oberbürgermeister Peter Tschentscher (SPD) ergänzte, der Beschluss sei „einvernehmlich und einstimmig“ getroffen wurden.

Einigung über Neustart: Ein hartes Ringen

Das klingt mehr nach Konsens als nach scharfer Debatte. Wahr ist allerdings auch, dass hart gerungen wurde. Niedersachsen Ministerpräsident Stephan Weil erklärte jedenfalls freimütig, der Bundesliga-Neustart habe einen „langen Teil unserer Beratungen eingenommen“. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sprach von einer „intensiver Diskussion“ in dieser Frage. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte sagte, es sei vor allem um den Termin gestritten worden und dabei „ordentlich zur Sache gegangen“. Wie dem auch sei: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet grinste wie ein Honigkuchenpferd, als er die aus seiner Sicht erfreuliche Nachricht kundtun durfte.

Für die mehr als tausend Profis der ersten und zweiten Liga heißt der politische Entscheid, dass sie – entsprechend kollektives diszipliniertes Verhalten vorausgesetzt – mit relativ bescheidenem Gehaltsverzicht von über die gesamte Saison gerechnet allenfalls rund fünf Prozent aus der Corona-Krise herauskommen könnten. 

Treffen ohne Mindestabstand: Wie hier zwischen Mönchengladbach und dem 1. FC Köln darf es bald ohne Zuschauer wieder losgehen.

Die Drohkulisse einer schwerwiegenden Finanzkrise im deutschen Profifußball ist somit zunächst abgewendet worden. Denn die vereinbarten, wegen der Krise unwesentlich gekürzten und verspätet ausgezahlten Medienerlöse von durchschnittlich rund 20 Millionen Euro pro Erstligist fließen nun uneingeschränkt und ersparen vielen Klubs die Aufnahme teurer Bankkredite und weiterer komplizierte Verhandlungen um Gehaltsverzichte ihrer Profis. Zudem ist die Bundesliga bei einer Wiederaufnahme der letzten neun Spieltage in der Lage, die Saison bis zum 30. Juni abzuschließen, dem Zeitpunkt, an dem auch die Verträge mit den Spielern enden. 

Mitgliederversammlung der DFL am Donnerstag

Die DFL hat für Donnerstag, 11 Uhr, eine Mitgliederversammlung mit den 36 Profivereinen als Videokonferenz anberaumt, die bereits vierte seit dem 10. März, die seinerzeit noch als Präsenzsitzung in Frankfurt stattfand. Kurz darauf musste der Spielbetrieb eingestellt werden und ruht nun schon seit zwei Monaten. 

Entsprechend erleichtert und demutsvoll äußerten sich Protagonisten aus der Branche. „Ich darf mich bei der Politik dafür bedanken, dass sie die Möglichkeit geschaffen hat, die Saison zu Ende zu spielen“, äußerte Bayern-Boss Kalle Rummenigge bei Sky und lobte die DFL für deren „hervorragendes organisatorisches und medizinisches Konzept“. Und er appellierte an die Profis, die Maßnahmen „vorbildlich und extrem diszipliniert zu befolgen.“ 

Fredi Bobic, Sportchef von Eintracht Frankfurt, bekundete, er sei „sehr glücklich“ über die Botschaft der Politik. Die nun bevorstehenden sechs Wochen würden alle Beteiligten „brutale Disziplin“ abverlangen. „Eigentlich gibt es nur die Privatwohnung, das Mannschaftshotel und das Stadion.“ Das Signal auf grün „bedeutet für den deutschen Fußball einen riesigen Vorsprung“. 

Meldungen, die Politik erwarte 14-tägige Quarantänemaßnahmen, ehe wieder gespielt werden dürfe, erwiesen sich als falsch. Markus Söder konkretisierte, dass diese Quarantäne aufgrund der vorausgegangenen Testreihen der Klubs keinesfalls volle zwei Wochen andauern müsse. 

Auch Nachholspiele müssen terminiert werden

Die Fortsetzung der Saison wäre damit bereits am Wochenende 15. bis 17. Mai möglich. Der FSV Mainz 05 äußerte in Person seines Vorstandschefs Stefan Hofmann allerdings: „Wir hoffen dabei auch auf eine solidarische Entscheidung in den Ligen, denn wir halten im Sinne eines fairen Wettbewerbs eine mindestens 14-tägige Vorbereitungszeit im Mannschaftstraining für notwendig.“ Hieße: Re-Start nicht vor dem 20. März, einem Mittwoch. So wie Mainz sieht es auch der Vorletzte Werder Bremen unter Rücksichtsnahme auf das Verletzungsrisiko seiner Profis und der Integrität des Wettbewerbs, da anderswo schon viel länger in größeren Gruppen trainiert worden sei. Leipzig und Wolfsburg, die schon wieder im nahezu vollen Übungsbetrieb sind, halten dagegen und wollen schneller wieder anfangen. 

Um die neun Spieltage sowie das Nachholspiel Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt zeitig absolvieren zu können, müssten drei Wochenspieltage eingeschoben werden. Hinzu kämen die DFB-Pokal-Halbfinals Bayern München gegen Eintracht Frankfurt und 1. FC Saarbrücken gegen Bayer Leverkusen sowie das Endspiel in Berlin. 

Auch DFB-Präsident Fritz Keller meldete sich nach der viereinhalbstündigen Sitzung der Bundesregierung mit den Ministern der Länder zu Wort: „Die Entscheidung ist ein Vertrauensbeweis, für den wir dankbar sind. Es ist ein erster Schritt, Sport wieder sichtbar stattfinden zu lassen, der Hoffnung darauf macht, dass der Fußball sukzessive wieder in den Alltag der Menschen zurückkehrt, wenngleich zunächst via Fernsehübertragungen in die Wohnzimmer.“ Zugleich äußerte Keller die Hoffnung, dass diese grundsätzliche Erlaubnis die Dritte Liga und die Frauen-Bundesliga sowie den DFB-Pokal „auch unter dem Aspekt der Gleichbehandlung von Berufsfußballerinnen und -fußballern“ mit einschließe. 

Prominente Spitzensportler begleiteten den genehmigten Bundesliga-Neustart allerdings mit überaus kritischen Worten. „Ich finde es nicht schön, dass der Fußball eine Sonderrolle einnimmt und sich über alles hinwegsetzt, nur weil die Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger stimmt“, monierte Kugelstoßerin Christina Schwanitz in der „Sächsischen Zeitung“. Auch Speerwerfer und Fußballanhänger Johannes Vetter kritisierte den Re-Start mit harschen Worten: „So verkauft der Staat die Gesundheit des Volkes und der leidenden Menschen an den Fußball. Das ist pervers.“ (mit dpa)

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