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Ordentliches Debüt: Robin Gosens.

Deutsche Nationalmannschaft

„Geht mir auf den Zünder“

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der erfrischend auftretende Debütant Robin Gosens schwankt zwischen Lust und Frust und muss seine Lektion lernen.

Läuft das?“ Ehe Robin Gosens das erste Interview als deutscher Nationalspieler gab, wollte der Debütant wissen, ob Mikrofon und Kamera von ZDF-Reporter Boris Büchler wirklich eingeschaltet waren. Aber hätte er sonst anders gesprochen? Es fielen Begriffe und Bezeichnungen wie „ultrahappy“ und „gigantischer Abend“, dazu gab der Neuling unverblümt zum Besten, was er vom Ausgleich durch Luis Jose Gaya in der sechsten Minute der Nachspielzeit hielt: „Das geht mir ordentlich auf den Zünder, dass wir in der letzten Sekunde dieses Eier-Gegentor bekommen.“ Das war mal eine klare Ansage. Die Befragung beschloss der Neuling von Atalanta Bergamo übrigens mit den Worten „Danke vielmals.“

Zwischendrin hatte der 26-Jährige zugegeben, dass er an dem für ihn so besonderen Abend noch Nachhilfe in Sachen Regelkunde erhalten habe. Als er vergeblich in die Flanke vor dem Ausgleich grätschte, dachte er tatsächlich, er könne hinter der Grundlinie liegend die Abseitsstellung aufheben. „Ich habe auf jeden Fall wieder etwas gelernt. Ich dachte, wenn ich hinter der Grundlinie bin, dann bin ich nicht mehr Teil des Spiels. Aber scheinbar ist das wohl der Fall“, sagte die deutsche Nummer drei. Gosens fing sich dafür gleich noch einen Rüffel vom neuen ZDF-Experten Per Mertesacker ein: „Das muss er wissen als Fußballprofi!“

Bundestrainer Joachim Löw befasste sich in seiner Beurteilung vorrangig mit den guten Szenen eines Linksverteidigers, der zum Konkurrenten von Marcel Halstenberg (RB Leipzig) und Nico Schulz (Borussia Dortmund) werden dürfte. „Er hat mir lange gut gefallen. Er hat viel gearbeitet, war dynamisch, hatte eine gute Passtechnik und präzise Flanken.“ Seine flache Hereingabe – nach einer perfekten Spielverlagerung von Ilkay Gündogan – führte zum 1:0 von Timo Werner. Vom „kleinen Wechselbad der Gefühle“ sprach Gosens, der ein bisschen an Lukas Podolski erinnert. Beide eint die geradlinige Herangehensweise auf dem Platz und danach. Der größte Unterschied ist, dass „Poldi“ der Rubrik Stürmer zugeordnet war, während Gosens am besten in einer Dreierkette funktioniert, die ihm viele Freiräume nach vorne öffnet.

So hat er in der italienischen Serie A insgesamt neun Treffer erzielt und Bergamos Siegeszug in der Champions League mitgeprägt. Deswegen interessierte sich auch der niederländische Bondscoach Ronald Koeman für ihn, der den Sohn eines Niederländers für die „Elftal“ gewinnen sollte. Es sei eine Entscheidung des Herzens gewesen, sich für Deutschland zu entscheiden, schließlich sei er hier aufgewachsen, sagte Gosens kürzlich. Als ihn Löw die Nominierung überbrachte, war er gerade auf einer Serpentinenstraße in den Dolomiten unterwegs und musste erstmal mit Warnblinker auf den Standstreifen halten.

Der unverkrampfte junge Mann stammt vom Niederrhein, aus Elten, einem Stadtteil von Emmerich. Die Niederlande liegen quasi um die Ecke, und so war es nicht völlig abwegig, dass ihn in jungen Jahren die Scouts von Vitesse Arnheim über die Grenze holten. Dort schulte ein gewisser Peter Bosz, heute Trainer bei Bayer Leverkusen, den Deutsch-Niederländer vom Mittelfeldspieler zum Linksverteidiger um. Weiter ging’s bei Heracles Almelo, bis er vor drei Jahren nach Bergamo wechselte, wo ihm das laufintensive Spiel wie auf den Leib geschneidert war, um seine Geschwindigkeit und Geradlinigkeit, seine Lauf- und Zweikampfstärke einzubringen.

Der Bundestrainer hätte den Spätstarter bereits im März zu den Testspielen in Spanien und gegen Italien eingeladen, bis das Corona-Virus wütete. Kaum eine Region war so schwer betroffen wie die norditalienische 120 000-Einwohner-Stadt Bergamo, wo 6000 Covid-19-Tote gezählt wurden. Seinerzeit war der Italien-Legionär im ZDF-Sportstudio zugeschaltet, um nicht nur über sein eingeschränktes Trainingsprogramm in der Isolation mit seiner Lebensgefährtin zu berichten, sondern auch eindringliche Appelle nach Deutschland zu richten: „Ich hoffe, dass wir zumindest das sein können: ein Vorbild, wie es nicht gemacht werden sollte.“

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