Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit: Die Solardächer vom Schwarzwaldstadion des SC Freiburg. imago images
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Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit: Die Solardächer vom Schwarzwaldstadion des SC Freiburg. imago images

Bundesliga und Klimaschutz

„Greta hat uns allen den Spiegel vorgehalten“

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Warum der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig den Klimaschutz zur Verpflichtung in der Lizenzierung machen will und die EM 2020 und WM 2022 für arg umweltschädlich hält.

Herr Rettig, haben Sie eine Einladung für den Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Dienstag in Offenbach bekommen?

Nein, ich habe leider keine erhalten.

Stehen Sie als Querdenker womöglich auf einer Roten Liste?

Ich denke, das ist keine persönliche Sache, sondern einfach dem Protokoll geschuldet: Weil ich in keiner Funktion mehr bin, verstehe ich, dass man nicht jeden mehr einladen kann.

Sie haben in einem gemeinsamen Interview mit Dietmar Hopp, dem Mäzen der TSG Hoffenheim, die DFL aufgefordert, dass der deutsche Profifußball etwas für den Klimaschutz tun müsse. Sie hatten das Thema schon beim FC St. Pauli in die Öffentlichkeit getragen. Hatten Sie damals nicht genügend Gehör gefunden, dass Sie jetzt noch einmal vorgeprescht sind?

Ja und Nein. Während meiner St.- Pauli-Zeit hatten wir die DFL angeschrieben, aber nicht wirklich Resonanz auf das Thema gefunden. Der Interviewidee mit Dietmar Hopp ist aus einem Hintergrundgespräch anlässlich meines Besuchs der Klima-Arena in Sinsheim entstanden.

Sie bemängeln, dass es zu ökologischen Themen in den DFL-Lizenzierungsvorschriften null Vorgaben gebe. Was soll denn drin stehen? Der deutsche Profifußball sollte weniger Talente züchten, sondern mehr Bäume pflanzen?

Nein, sicherlich nicht (lacht). Wir haben mit dem Lizenzierungsverfahren ein bewährtes System, das dem übergeordneten Verband erlaubt, allgemeinverbindliche Vorgaben durch die Klubs beschließen zu lassen und dann auf jeden Klub anzuwenden. Seit jeher steht die Prüfung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung, aber tatsächlich geht es um viel mehr. Ich erinnere an die Einführung der Nachwuchsleistungszentren als Vorgabe im sportlichen Bereich vor fast 20 Jahren.

Und so etwas ähnliches soll jetzt auch passieren?

Es könnte im Kreise der Bundesligaklubs auch besprochen werden, ob Klimaschutz zur gemeinsamen und verpflichtenden Sache werden könnte und sollte. Als wir die Montagsspiele für die zweite Liga abgeschafft haben, haben Faninteressen die entscheidende Rolle gespielt. Und so könnten in Zukunft ökologische Aspekte in Entscheidungen einfließen, ohne diese gegen ökonomische Interessen auszuspielen. Wenn Fanbeauftragte verlangt werden, können wir beispielsweise auch hauptamtliche CSR-Verantwortliche fordern, die sich um solche Themen kümmern. Der Klimaschutz hat eine für die Zukunft unseres Planeten so wichtige Bedeutung bekommen, dass er auch die Profivereine mit konkreten Handlungsempfehlungen erreichen sollte.

Der Profifußball ist keine produzierende Branche mit einem gewaltigen Emissionsausstoß. Geht es Ihnen nicht auch um Symbolwirkung?

Andreas Rettig. 

Natürlich. Wenn wir auf der einen Seite reklamieren, dass der Fußball Volkssport und Kulturgut ist, mitten in der Gesellschaft steht und solch eine große Bedeutung – manchmal auch zu große – besitzt, dann sollte es nicht nur das Streben sein, Pokale zu holen, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. So wie das übrigens auch große DAX-Unternehmen wie aktuell die Bayer AG tun. Warum denn nicht proaktiv zeigen, dass es im Profifußball nicht nur um goldene Steaks geht?

Ist es denn realistisch, TV-Geld nicht nach Tabellenplatz, sondern nach der Zahl der E-Ladestationen und Solaranlagen zu verteilen?

Diese oder andere Parameter zu berücksichtigen, die auf die gesellschaftliche Verantwortung abzielen, sollte auf jeden Fall diskutiert werden. Wer der gesellschaftlichen Verantwortung in besonderem Maße nachkommt, könnte belohnt werden. Oder es wird ein Investitionstopf geschaffen, aus dem Zuschüsse für nachhaltige Projekte oder Investitionen getätigt werden.

Bei einem Gesamtumsatz im deutschen Profifußball von 4,6 Milliarden Euro muss das möglich sein?

Absolut. Es geht auch um eine glaubwürdige Strategie. Wir buhlen alle um eine Generation Z, die mit 15, 16 Jahren für diese Themen auf die Straßen geht. Also sollte der deutsche Fußball dokumentieren, dass er sie ernst nimmt. Dann grenzt er sich auch deutlich vom angelsächsischen Modell ab, das nur auf die nächste Umsatzsteigerung aus ist. Früher waren wir stolz auf die Losung ‚Made in Germany‘, nun könnte es im Fußball heißen: ‚Play in Germany‘, weil sich der Profi in einem besonderen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Klima bewegt. Und dafür kommt ein Spieler, dem so etwas wichtig ist, vielleicht auch mal für einen Euro weniger.

Zur Person

Andreas Rettighat von 2013 bis 2015 die Geschicke bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) als Geschäftsführer den sportlichen Bereich und als Manager des SC Freiburg, 1. FC Köln und FC Augsburg vier Bundesliga-Aufstiege mitgestaltet. Der gebürtige Rheinländer war bis September vergangenen Jahres als Geschäftsführer für den Zweitligisten FC St. Pauli tätig, ehe er aus privaten Gründen aufhörte und seitdem wieder in Köln lebt. Vor dem Neujahrsempfang der DFL am Dienstag in Offenbach hat der 56-Jährige die Forderung erhoben, dass sich der deutsche Profifußball mit dem Klimaschutz auseinandersetzt. 

Aber ist das nicht ein eher sozialromantischer Ansatz? Viele Jugendliche schauen heutzutage lieber Premier League statt Bundesliga. Die lechzen trotz allem nach den teuren Stars.

Es kann sein, aber vielleicht kippt das schneller als wir denken. Wir sollten einen Prozess des Umdenkens in Gang setzen. Klima, Umwelt, Migration, Fachkräftemangel werden bestimmende Themen für die nächsten Jahre bleiben. Hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen, kann auch für Unternehmen interessant sein, die dann sagen: In dieser Kultur wollen wir investieren.

Sie sagen, Sie interessieren sich nicht erst für Ökologie, seitdem Greta Thunberg durchs Land zieht, sondern haben in Augsburg das Stadion klimaneutral gebaut, in Freiburg Solardächer installiert oder auf St. Pauli sogar Bienenvölker angelegt…

…und ich erinnere mich noch gut an den Antrag eines jungen Mädchens auf der Mitgliederversammlung am Millerntor, die angeregt hat, die Produktion der Merchandising-Artikel nachhaltiger anzugehen. Es braucht genau solche starke Signale.

Würden Sie den Ultras auch erklären, dass Bengalos eine Menge Feinstaub erzeugen und das Einatmen solcher Dämpfe höchst gesundheitsschädlich ist?

Alles was gesundheitlich bedenklich ist, findet nicht meine Zustimmung. Im vergangenen Jahr sind fast drei Millionen Euro Strafgelder für Pyrotechnik zusammengekommen. Auch da vermisse ich kreative Lösungsansätze.

Wer hat beim Thema Umweltschutz und CSR außer dem Vorreiter SC Freiburg die Zeichen der Zeit schon erkannt?

Werder Bremen, FSV Mainz 05, TSG Hoffenheim oder FC Augsburg muss man in diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnen, fairerweise auch den VfL Wolfsburg. Aber womöglich gibt es auch bei anderen Klubs Maßnahmen im Verborgenen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen würden.

Wo jeder einzelne Fußballfan etwas tun kann, ist bei der Stadionanreise. Ein Familienvater aus dem ländlichen Raum mit zwei Kindern wird zu einem Abendspiel jedoch kaum mit dem öffentlichen Verkehrsmittel kommen können.

Natürlich brauchen wir umsetzbare Vorschläge. Deshalb wäre die Deutsche Bahn ein idealer Liga-Partner. Ein Mobilitätsunternehmen könnte ein Reisemanagement auf den Weg bringen, dass ökologische Aspekte mehr berücksichtigt.

Die Klimadebatte ist wegen einiger diskussionswürdiger Greta-Aktionen – etwa bei ihrer Bahnreise durch Deutschland – ein Stück weit vergiftet. Wie stehen Sie dazu?

Man muss sicherlich aufpassen, sich nicht vor den Greta-Karren spannen zu lassen und sein Gewissen zu beruhigen. Trotzdem hat ein junges Mädchen uns allen den Spiegel vorgehalten und aufgerüttelt, aber jetzt müssen daraus konkrete Dinge abgeleitet werden.

Haben Sie das Gefühl, dass sich DFL-Chef Christian Seifert dieses Themas annimmt?

Ich halte Herrn Seifert für einen guten, verantwortungsbewussten und strategisch denkenden Manager, der der Liga ohne Wenn und Aber gut tut. Ich hoffe, dass nach der erfolgreichen Medienausschreibung im Frühjahr Kapazitäten frei werden, sich diesen Themen zu widmen.

Im kommenden Sommer wird die EM 2020 in zwölf Spielorte über ganz Europa verteilt sein, die WM 2022 wird in Katar in klimatisierten Stadien gespielt und vier Jahre später bei der WM 2026 fliegen 48 Mannschaften und deren Fans zwischen den USA, Kanada und Mexiko hin und her. Das konterkariert doch jedes Mal den Klimaschutz immens.

Bei diesen drei Turniervergaben ist zu besichtigen, wozu sportpolitische Machterhaltung führt. Diese Entscheidungen sind ausschließlich getroffen worden, um eigene Machtpositionen abzusichern. EM und WM verkommen deswegen zu einem zähen Einheitsbrei. Mit zu weiten Reisen und zu vielen Teilnehmern, was zu Lasten von Fans, Spielern und sogar Sponsoren – und selbstredend auch des Klimas geht. Das ist ein Unding.

Interview Frank Hellmann

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