Prozess

„Gegen die Warnung meines Arztes“

Ehemaliger DFB-Präsident Niersbach nimmt nun doch am Sommermärchen-Prozess teil.

Mit entschlossener Miene und einem dicken grauen Schal um den Hals marschierte Wolfgang Niersbach am Mittwochmorgen zum Schweizer Bundesstrafgericht in Bellinzona. Während die ebenfalls angeklagten Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt auch zum zweiten Startschuss des großen Sommermärchen-Prozesses nicht erschienen, nahm der frühere DFB-Präsident Niersbach überraschend auf der Anklagebank Platz, um seine Sicht der Dinge im Fall um dubiose Millionenzahlungen rund um die Heim-WM 2006 darzulegen.

„Ich bin angereist gegen den eindringlichen Rat meines Arztes, sogar gegen seine Warnung, sich angesichts der aktuellen Lage in der Schweiz und dem nahen Italien nicht der Gefahr einer Infektion auszusetzen“, hatte Niersbach vor Verhandlungsbeginn mitgeteilt. Dem ursprünglichen Prozessbeginn am Montag war der 69-Jährige ferngeblieben – umso überraschender seine Kehrtwende. Er müsse „dieses gesundheitliche Risiko in Kauf nehmen, weil ich mich endlich vom Albtraum dieses über vier Jahre dauernden Verfahrens befreien will. Dadurch wolle er „verhindern, dass in meiner Abwesenheit verhandelt wird, ohne dass ich persönlich Gelegenheit habe, die gegen mich erhobenen Vorwürfe mit allem Nachdruck zurückzuweisen, weil sie völlig haltlos sind“.

Dennoch verlangte Niersbachs Anwalt Bernhard Isenring am Mittwoch erneut eine Verschiebung der Verhandlung bis zum 15. März. Zwar findet diese wegen der Virusbedrohung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Isenring verwies aber auf das Ansteckungsrisiko außerhalb des Gerichtssaals. Richterin Sylvia Frei lehnte jedoch ab. Am Montag war Niersbach wie auch der frühere DFB-Präsident Zwanziger und Schmidt, der ehemalige Schatzmeister und DFB-Generalsekretär, dem Prozess ferngeblieben. Richterin Frei hatte deren Fehlen als „unentschuldigt“ gewertet und die Verhandlung auf Mittwoch vertagt. Der ebenfalls angeklagte frühere Fifa-Generalsekretär Urs Linsi (70/Schweiz) war am Mittwoch erneut vor Ort.

Die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) forderte, auch Zwanzigers und Schmidts weiteres Fehlen trotz ärztlicher Atteste als „unentschuldigt“ zu werten. Wird die Abwesenheit entsprechend beurteilt, könnten die Beschuldigten keine Wiederholung der Verhandlung verlangen. Eile ist geboten, da am 27. April die Verjährung der Vorwürfe eintritt, wenn kein erstinstanzliches Urteil vorliegt.

Die Richterin bestellte deshalb am Mittwoch einen Sachverständigen, der die Reisefähigkeit Zwanzigers und Schmidt beurteilen soll. Schmidts Anwalt Nathan Landshut hatte zuvor argumentiert, es sei ein „Skandal“, dass das Gericht seinen Mandanten einem „lebensbedrohlichen Risiko“ aussetze. Den Angeklagten wird von der BA Mittäterschaft (Zwanziger, Schmidt, Linsi), beziehungsweise Gehilfenschaft (Niersbach) zum Betrug vorgeworfen. Sie sollen über den eigentlichen Zweck einer Zahlung aus dem Jahr 2005 in Höhe von 6,7 Millionen Euro vom DFB an die Fifa getäuscht haben. Die Beschuldigten haben den Vorwurf stets bestritten. 

sid

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