+
Eröffnungsredner auf der Mitgliederversammlung: Max Kruse, Kapitän von Werder Bremen.

Werder Bremen - Bayern München

Gegen die römischen Truppen

  • schließen

Das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Werder Bremen und Bayern München wächst immer weiter ? sportlich könnten die Bremer erstmals wieder gleichziehen.

Die jährliche Mitgliederversammlung beim SV Werder Bremen bietet regelmäßig das Kontrastprogramm zum angeblich abgehobenen Fußballgeschäft. Die Veranstaltung steigt in einer Turnhalle mitten in einem Wohngebiet, die Fußballstars sitzen unter dem Publikum an einem langen Tisch und hinterher treffen sich alle noch bei Frikadellen und Flaschenbier in der Vereinsgaststätte. Und doch gab es diesmal etwas ganz Neues: Erstmals eröffnete in Max Kruse der Kapitän der Profimannschaft die Zusammenkunft, wobei der 30-Jährige eingedenk des Heimspiels gegen den FC Bayern (Samstag 15.30 Uhr) sagte: „Ich kann kein Versprechen abgeben, dass wir nächstes Jahr europäisch spielen, aber ich kann versprechen, dass die Mannschaft alles dafür gibt.“

Kruse beteuerte bereits, dass ein Sieg ausreicht, um mit den Münchnern in der Tabelle gleichzuziehen. Das ist insofern mutig gerechnet, weil die Hanseaten sich nicht gerade leichtfüßig durch die Liga bewegen. Vieles wirkt in diesen Wochen merkwürdig schwerfällig an der Weser, und bei aller Freude über das späte 1:1 beim SC Freiburg sollte niemand vergessen, dass die Bremer den eigentlich den Bayern zugeschriebenen Dusel benötigten, um den Punkt zu vereinnahmen.

So gab Geschäftsführer Frank Baumann eine deutlich realistischere Einschätzung wieder: „Es ist wie jedes Jahr hier: Die Bilder mit den jubelnden Spielern sind schon ein bisschen her. Wir sind nicht zufrieden. Verglichen mit den Vorjahren fühlt sich die Unzufriedenheit aber ganz anders an.“ Und dann klärte der Ehrenspielführer auf: „Wir haben nicht acht Punkte, sondern 18. Wir sind nicht Vorletzter, sondern Siebter. Wir haben hohe Qualität im Kader, wir haben ein hohes Level erreicht und wollen nach Europa.“ Und so eine Mini-Kampfansage formulierte der ansonsten ja eher vorsichtige 43-Jährige auch an den kriselnden Konkurrenten: „Wenn wir Mut und Geschlossenheit demonstrieren, werden wir am Samstag die römischen Truppen gewaltig ärgern.“

Als der gebürtige Franke noch selbst als grün-weißer Anführer in die (Fußball-)Schlacht zog, bewegten sich Werder auf Augenhöhe. Nach der Double-Saison 2004 gelang es über Jahre, sich als erster Herausforderer zu positionieren. Doch mittlerweile muss der Blick auf die Rahmendaten erschrecken: Während die Hanseaten am Montag beinahe stolz schienen, dass bei einem Umsatz von 118,7 Millionen Euro noch ein schmaler Gewinn von 500.000 Euro übrig blieb, verbuchen die Bayern einen solchen Posten beinahe allein im Merchandising. Der Rekordmeister wird bei der Mitgliederversammlung einen Rekordumsatz von 657,4 Millionen Euro verkünden: Das ist mehr als das Fünffache.

Und doch will natürlich Trainer Florian Kohfeldt nicht klein beigeben. Der Gegner sei zwar „durchgängig mit Weltklassespielern“ bestückt. Gleichwohl gilt für ihn: „Es ist nicht leicht, aber nicht unmöglich zu punkten. Wir werden einen ordentlichen Plan haben.“ Und Maximilian Eggestein, der in 2019 der nächste Nationalspieler aus dem Werder-Stall werden könnte und am Samstagabend gemeinsam mit Bruder Johannes im ZDF-Sportstudio zu Gast ist, versichert: „Wir sind alle heiß auf das Spiel.“ Dennoch: Werder beschäftigt nach den Bayern den zweitältesten Kader der Liga, und die Tempodefizite machten gerade bei den Pleiten gegen Leverkusen (2:6) und Mönchengladbach (1:3) keinen guten Eindruck. Ergo müssen die so gut gestarteten Bremer bei einem Abschlussprogramm mit Auswärtsspielen in Dortmund und Leipzig und einem Heimspiel gegen Hoffenheim aufpassen, nicht noch ins Mittelmaß abzudriften. Aber gehört der aktuelle Kader da nicht auch hin?

Wo früher noch Artisten wie Diego oder Mesut Özil die Bayern ab und an schwindlig spielen konnte – letztmals gelang das im September 2008 bei einem 5:2-Auswärtssieg – war irgendwann nur noch Schadenbegrenzung angesagt. Seit einem Jahrzehnt wartet Werder in diesem Duell auf einen Sieg, hat in der Liga 15 Mal in Folge verloren. Das Torverhältnis lautet 9:59! Das Lied mit den ausgezogenen Lederhosen trällerte im Weserstadion zuletzt niemand mehr. Trotzdem glaubt Präsident Hubert Huss-Grunewald: „Ich habe das Gefühl, dass wir nach zehn Jahren mal wieder dran sind, gegen die Bayern zu punkten. Sie sind nicht in einer Verfassung, wo man von vornherein die Segel streichen muss.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion