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Gegen die Geister von Kasan

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Von: Jan Christian Müller

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Das Entsetzen war groß, als sich 2018 das deutsche Vorrunden-Aus abzeichnete.
Das Entsetzen war groß, als sich 2018 das deutsche Vorrunden-Aus abzeichnete. © dpa

Die Ausgangslage vor dem Gruppenfinale gegen Costa Rica erinnert an die debakulöse WM 2018. Warum diesmal trotzdem (fast) alles anders ist.

Thomas Müller war vor vier Jahren schon dabei. Und vor acht Jahren und vor zwölf Jahren. Der Routinier weiß also, wovon er spricht, wenn er vergleichen soll, wie es damals war und wie es jetzt ist. „Ich verstehe, welche Geschichten Sie im Kopf haben. Aber die Geschichten“, sagt der 33-Jährige, „werden halt immer erst nachher geschrieben.“ 2018 in der russischen Vielvölkerstadt Kasan schied Deutschland debakulös als amtierender Weltmeister gegen Südkorea aus. Hatte das vorher jemand geahnt? Vielleicht! Haben es hinterher alle schon vorher gewusst? Ganz bestimmt!

Gibt es begründete Hinweise, dass es am Donnerstag beim Entscheidungsspiel in Al Khor gegen Costa Rica (20 Uhr/ARD) kein Déjà-vu geben wird? Fast der halbe Kader ist identisch. Die Zweifel waren mit am Ball, aber Müller ist jetzt „sehr positiv gestimmt“. Denn: „Wir haben die Dinge umgesetzt, die uns zu einer Mannschaft machen – ich hätte nicht gedacht, dass wir auf höchstem Niveau gegen einen Gegner wie Spanien so bestehen können.“ Auch wenn am Ende nur ein Punkt stand. Aber einer, der sich – spät erkämpft – wie ein Sieg anfühlte.

Joachim Löw verlor in Russland nach dem 0:1 zum Auftakt gegen Mexiko die Kontrolle über Stimmung und Leistung. Nach dem 2:1 im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden wechselte er gegen Südkorea die halbe Startelf durch. Ein Ausdruck der Hilflosigkeit: Goretzka, Khedira, Özil, Hummels, Süle rein, Draxler, Müller, Rüdiger raus, Boateng fehlte gesperrt, Rudy mit gebrochener Nase. Hansi Flick wird eine ähnlich umfangreiche Rotation gewiss nicht anordnen. Der 57-Jährige, der sein persönliches Stimmungstief gerade rechtzeitig überwunden hat, denkt konsequent strukturkonservativ.

Damals gegen Südkorea spielte statt des formschwachen Müller Leon Goretzka Rechtsaußen. Es wurde ein furchtbares Spiel – von der ganzen Mannschaft, die längst keine Mannschaft mehr war, und von Leon Goretzka persönlich, der noch im Jahr zuvor beim triumphalen Confederations Cup der Primus eines jungen, wilden Teams gewesen war. Gegen Südkorea kumulierte das Anti-Momentum in einer Trägheit, der sich niemand auf dem Spielfeld unter der sengenden Sonne Kasans entziehen konnte. ZDF-Kommentator Bela Rethy prägte dort entsetzt den legendären Satz: „Das ist hier alles keine Zeitlupe, das sind reale Bilder!“

Die Routiniers fühlten sich nicht nur von aggressiven Gegenspielern, sondern auch von den Jungen im eigenen Kader unangemessen bedroht, es gab leistungshemmendes Revierverhalten, die Unterkunft war grauenvoll, und: Zwischen denen mit Migrationshintergrund und denen ohne taten sich im Zuge der Debatten um Mesut Özil und Ilkay Gündogan Gräben auf. Die Risse gingen quer und längs durch den Kader. Löw, da schon spürbar entrückt, ließ es geschehen.

Viereinhalb Jahre später sagt Müller: „Das Zwischenmenschliche bei uns ist wunderbar. Wir sitzen oft noch lange zusammen. Aber das Entscheidende passiert auf dem Platz und nicht, ob man sich nach dem Essen noch ein paar Witze erzählt.“ Das mag stimmen. Wenn eine Mannschaft jedoch aufhört, abseits des Feldes als Gruppe zu funktionieren, wird es schwierig. Das weiß jeder, der eine Kabine von innen kennt.

Es lassen sich 2022 in Katar aber auch Parallelen zu 2018 in Russland finden. Nach dem späten 2:1 gegen Schweden sagte Matchwinner Toni Kroos grimmig: „Ich hatte das Gefühl, relativ viele Leute in Deutschland hätte es gefreut, wenn wir heute ausgeschieden wären, aber so einfach machen wir es denen nicht.“ Ähnlich äußern sich nun Kai Havertz und Niclas Füllkrug. „Ich weiß“, rügte Havertz, „dass immer viel geschossen wird und nicht jeder voll hinter uns steht.“ Füllkrug beschlich ein ähnliches Gefühl, er mutmaßte, „ob sich nicht der eine oder andere online mehr darüber freut, dass wir Misserfolg haben“.

Während die Mannschaft 2018 den Özil-Konflikt nicht loswurde, ist die belastende öffentliche und interne Diskussion um die „One Love“-Binde und eine adäquate Reaktion der Startelf gegen Japan abgeschlossen. „The politics are finished“ – „die Zeit der Politik ist vorbei“, erklärte Gündogan dem Portal „The Athletic“. „Der Fußball steht wieder im Mittelpunkt“, sagte Niclas Füllkrug erleichtert. „Darauf liegt jetzt hundert Prozent unser Fokus“, ergänzte Kai Havertz. Der Umgang mit einer unerlaubten Binde ist leichter als mit einem Mitspieler, den viele Kollegen und der Trainer nicht mehr verstanden und der sich seinerseits nicht verstanden fühlte.

Nun also Costa Rica statt Südkorea. Katar statt Kasan. „Eine ähnliche Situation“, so Müller, „aber wir müssen es jetzt anders machen.“ Die Mittelamerikaner dürften kaum das Niveau der Asiaten erreichen. „Wenn der Weltfußball auf Deutschland gegen Costa Rica schaut“, weiß der Angreifer, „sind wir natürlich Favorit. Aber wir haben erst einen Punkt und minus eins Torverhältnis.“ Und doch geht es allen miteinander jetzt besser als damals, in einer längst noch nicht vergangenen Zeit in Kasan.

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