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Dietmar Hopp mit FR-Redakteur Müller in Hopps Büro vor einem Poster der genau zehn Jahre alten Rhein-Neckar-Arena.

Dietmar Hopp

Gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass

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Der Klubchef des Bundesligisten TSG Hoffenheim, Dietmar Hopp, spricht über seinen Einfluss, sein Engagement und seine Energie.

Dietmar Hopp empfängt braungebrannt in seinem Büro im Golfclub St. Leon-Rot. Anfang Dezember ist der 78-Jährige aus dem Urlaub in Florida eingeflogen, um dringenden Geschäften nachzugehen. Weihnachten wird der Mann, der den einstigen Dorfklub TSG Hoffenheim zum Champions League-Teilnehmer großzog, bei den Enkelkindern in Walldorf verbringen, ehe es am 25. Dezember in aller Früh zurück zur Ehefrau nach Florida auf das imposante Anwesen geht. Hopp, der als Mitbegründer des Softwareriesen SAP reich wurde, ist voller Tatendrang: „Ich bin viel auf dem Laufband und absolviere Krafttraining. Weil ich durch Sport auch im Kopf fit bleiben will.“ Rechtzeitig zum ersten Heimspiel gegen Bayern München am 18. Januar wird er zurück sein. 

Herr Hopp, gehen Sie nach größeren Siegen eigentlich noch immer in die Mannschaftskabine und stimmen ein zünftiges Zicke-Zacke-hoi-hoi-hoi an?
Ich gehe nach jedem Sieg in die Kabine, um der Mannschaft zu gratulieren. Das Zicke-Zacke gibt es aber nicht mehr. Ich habe diese Tradition in die Schublade gesteckt, auch weil so gut wie kein Spieler weniger als 50 Jahre jünger ist als ich. Trotzdem glaube ich, dass die Spieler sich freuen, wenn ich zum Gratulieren komme.

Wie aktiv greifen Sie noch in das operative Geschäft ein? Schließlich haben Sie vor nicht allzu langer Zeit noch Trainer persönlich geschasst und neu eingestellt, und manchmal war Ihr Machtwort gar dringend nötig!
Natürlich saß ich mit in Krisensitzungen und habe auch meine Meinung geäußert. Es ist selbstverständlich, dass bei wichtigen Personalentscheidungen die Gesellschafter gemeinsam mit der Geschäftsführung die Entscheidung treffen, das galt generell bei allen Trainerverpflichtungen und auch Entlassungen. Aber ich habe noch nie persönlich einen Trainer entlassen oder eingestellt.

Auch nicht Markus Gisdol im April 2013, nachdem Sie Trainer Marco Kurz und Manager Andreas Müller nach jeweils nur kurzer Amtszeit beurlaubt hatten?
Ich hätte Markus Gisdol gern schon früher geholt. Seinerzeit befand ich mich im Urlaub. Manager Müller teilte mir in einer E-Mail mit, er habe Marco Kurz eingestellt und nicht Markus Gisdol. Ich bin aus allen Wolken gefallen, wollte aber keinen Skandal daraus machen, obwohl es mich sehr geärgert hat. Es hat dann ja auch nicht funktioniert. Dann habe ich gemeinsam mit Alexander Rosen den Markus Gisdol geholt. 

Sie sahen Ihr Lebenswerk in Gefahr? 
Wir wären auch im Falle eines Abstiegs direkt wieder aufgestiegen, da hätte ich keine Zweifel gehabt. Aber es wäre eine teure Angelegenheit gewesen und ein Rückschlag in meinem Bestreben, dass sich der Verein alleine trägt. Im Übrigen würde es unter dem aktuellen Management sicher nicht mehr vorkommen, dass ein Trainer eingestellt wird, ohne dass ich davon weiß.

Wie war das dann bei Julian Nagelsmann, nachdem Huub Stevens seinen Abschied angekündigt hatte?
Ich hatte den Julian schon länger bei der A-Jugend beobachtet und war beeindruckt von seinem Talent und seiner Persönlichkeit. Ich habe dann gesagt: „Den nehmen wir.“ Und niemand hat „Nein“ gesagt (lacht). 

Wie stellt sich die Zusammenarbeit in der TSG-Führung konkret dar? 
Über den Beirat, dessen Vorsitzender ich bin und der regelmäßig tagt, informieren die Geschäftsführer und die Direktoren über alle wichtigen Entwicklungen. Wir pflegen ein harmonisches Miteinander und ich bin stolz darauf, dass die Besetzung der Unternehmensleitung in den Schlüsselpositionen hervorragend ist – die Ergebnisse sprechen für sich. Über die Beiratssitzungen hinaus habe ich auch ziemlich regelmäßig Kontakt, wenn es zum Beispiel um Adhoc-Investitionen oder wichtige Personalien geht. 

Zum Beispiel der Zeitpunkt von Nagelsmanns Abschied. 
Als ich vergangenes Jahr bei der Mitgliederversammlung darauf hingewiesen habe, dass Julian Nagelsmann vertraglich noch bis zum 30. Juni 2019 gebunden ist und ein vorheriger Wechsel nicht möglich sein wird, haben viele Medien von einem ,Machtwort‘ gesprochen – das war es aber nicht, sondern nur den Hinweis auf eine Tatsache, die dann in der Tat auch die Wechselgerüchte gestoppt hat. 

Sind Sie zufrieden mit dem bisher Erreichten?
Wir sind nunmehr im elften Jahr nacheinander in der Bundesliga. Das haben noch nicht so viele Klubs in Deutschland geschafft. In den vergangenen Jahren zeichnet uns eine große Konstanz aus, auf und außerhalb des Platzes. Die Verantwortlichen im Klub machen eine herausragende Arbeit. Das manifestiert sich nicht nur im sportlichen, sondern auch im wirtschaftlichen Erfolg. Und der Klub hat sich in den vergangenen Jahren auf allen Ebenen enorm entwickelt. Also kann ich doch nur zufrieden sein. 

Sie haben ihr Büro am Golfplatz in St. Leon-Rot. Wie oft sind Sie im nur 20 Kilometer entfernt gelegenen TSG-Trainingszentrum in Zuzenhausen vor Ort?
Ich schätze das sind rund fünfzehn Besuche pro Jahr, aber ich habe auch sicher ähnlich viele Sitzungen mit dem TSG-Management in meinem Büro im Golfclub!

Was halten Sie vom Salzburger Coach Marco Rose? 
Ich kenne ihn zu wenig, um mir auch nur annähernd ein Urteil erlauben zu können. Ich sehe die Ergebnisse, die er mit RB Salzburg erreicht hat. Und die sprechen für eine erfolgreiche Arbeit.

Fürchten Sie nach Nagelsmanns bevorstehendem Abschied einen Einbruch?
Sicher ist er nicht eins-zu-eins zu ersetzen. Aber ich habe große Hoffnungen, dass wir einen Trainer finden, der ähnlich tickt. Wir werden bestimmt keinen alten Fahrensmann holen. Wir sind in Kontakt mit einem Kandidaten. Wenn das funktioniert, sehe ich eine gute Chance, ähnlich erfolgreich zu spielen wie derzeit. 
 
Was haben Sie aus den Krisenjahren gelernt, als Sie persönlich Transfers mit eingefädelt haben, die TSG fast abgestiegen wäre und Sie Millionen in vermeintliche Topstars investiert haben, ohne dafür auch nur den Hauch eines erwarteten Gegenwerts zu bekommen?
Wie jedes Unternehmen braucht auch ein Fußballklub ein hochprofessionell arbeitendes Management, um erfolgreich zu sein, vor allem aber braucht er einen guten Trainer. Wir hatten in Ralf Rangnick einen sehr guten Trainer, der aber für Hoffenheimer Verhältnisse eine zu große Nummer war. Dennoch waren die Jahre mit ihm eine solide Basis. Aber mein Ziel, die TSG unabhängig von mir zu machen, war nicht vereinbar mit den enorm hochgesteckten Zielen. Ich habe keine Transfers eingefädelt, zudem haben wir keinen Top-Star gekauft, den wir nicht mit Gewinn wieder verkauft haben: Carlos Eduardo, Luis Gustavo, Roberto Firmino, Kevin Volland oder aus unserer eigenen Jugendförderung, Niklas Süle sind dafür beeindruckende Beispiele. 

Stimmt, aber da gab es, nicht zu vergessen, auch noch einen berühmten Nationaltorwart, der Sie viel Geld gekostet hat.
Wenn Sie auf Tim Wiese anspielen, dann war das kein vermeintlicher Topstar, sondern der damals zweitbeste deutsche Torhüter. Ich gebe ja zu, dass ich an dessen Verpflichtung eine Mitschuld trage. Aber es war eine Jahrhundertchance. Er kam ja ablösefrei. Warum er bei uns seine Leistung nicht bringen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel. Im Übrigen haben wir seit langer Zeit eine sehr positive Entwicklung bei unseren Transfers. Und die TSG ist unabhängig von mir. Ich habe zum letzten Mal in der Saison 2011/2012 Kapital zugeführt.

Die TSG hat zuletzt 163 Millionen Euro Umsatz ausgewiesen, viermal so viel wie im ersten Bundesligajahr 2008. Zuletzt gab es fette 28 Millionen Euro Gewinn. Aber was würden Sie tun, wenn es unerwartet wieder rote Zahlen gäbe? 
Dann würde ich natürlich zur Verfügung stehen. Das wäre meine Verpflichtung: Denn ich halte 94 Prozent der Stimmrechte und 99,9 Prozent des Kapitals. 

Fußballklubs lassen sich inzwischen durchaus profitabel führen. Roman Abramowitsch hat rund 1,2 Milliarden Euro in den FC Chelsea investiert, der laut Forbes-Liste inzwischen mehr als zwei Milliarden Euro wert ist… 
Deshalb sind ja auch so viele Investoren an Profiklubs interessiert. In der Bundesliga verdienen die meisten Klubs inzwischen Geld, allen voran die Bayern und Borussia Dortmund. Aber Sie können sicher sein: Ich werde die TSG Hoffenheim niemals verkaufen. 

Ihr Vermögen wird auf mehr als neun Milliarden Euro beziffert. Sie schwimmen sozusagen im Geld. Warum pushen Sie die TSG nicht zur europäischen Spitze wie es in Manchester und Paris der Fall ist? Sie haben doch ohnehin schon 350 Millionen Euro in den Klub gesteckt!

Ich habe Geld in den Klub investiert, um ihn lebensfähig zu machen. Das ist grandios geglückt. Selbst wenn es kein Financial Fairplay gäbe, würde mein Verständnis von Fairplay es mir verbieten zu versuchen, die TSG Hoffenheim in die europäische Spitze zu pushen. Das würde mir nicht den geringsten Spaß machen, es sei denn, wir könnten dieses Ziel mit Spielern erreichen, die bei uns ausgebildet wurden. Und vergessen Sie nicht, dass ein großer Teil der Investitionen in Infrastruktur geflossen ist. Unter anderem in die Arena in Sinsheim, das Trainings-und Geschäftsstellenzentrum und vieles andere mehr.

Rund sechs Milliarden Euro haben Sie in Ihre Stiftung investiert?
Ja, den Großteil meines Vermögens habe ich in meine Stiftung eingebracht. Sie ist mein Vermächtnis und ich freue mich, dass wir mit ihr so vielen Menschen in der Region und weit darüber hinaus helfen können. Wir haben schon mehr als 700 Millionen Euro in Projekte rund um Medizin, Soziales, Bildung und Jugendsport investieren können. Geld, das ganz direkt bei den Menschen ankommt, die es brauchen. Und durch die Investitionen in die Forschung profitieren davon im Prinzip alle. Das ist es, was mich antreibt. 

Apropos Fairplay: In der Bundesliga wird heftig über die 50+1-Regel gestritten. Wäre es nicht ehrlicher, diese Regel abzuschaffen, um Chancengleichheit herzustellen mit jenen Konzernklubs wie Wolfsburg oder Leverkusen, die wie Sie als langjähriger Mäzen eine Ausnahmegenehmigung von der Regel beanspruchen durften?
Mein ideelles und finanzielles Engagement bei der TSG Hoffenheim begann im Jahr 1989. Es war lange nicht mein Ziel, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen. Im Jahr 2004 gründeten der Verein und ich gemeinsam die TSG Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH unter Wahrung der geltenden 50+1-Regel und der damit verbundenen Stimmenmehrheit für den Mutterverein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Verein also schon 15 Jahre gefördert, danach dann beide, Verein und GmbH. Durch meine Einlagen in diese GmbH hatte ich schon frühzeitig die Mehrheit der Geschäftsanteile, nicht aber die Stimmenmehrheit. Die Ausnahmegenehmigung wurde 2015 erteilt – bis dahin war der Lizenzfußball bei der TSG längst auf einem hohen Niveau etabliert. 

Was hat Ihnen die Ausnahmegenehmigung gebracht?
Mit dieser Ausnahmegenehmigung erhielt ich dann die dem eingelegten Kapital entsprechenden Stimmrechte. Meine mehr als 25 Jahre währende Förderleistung und der damit verbundene Aufbau sowie die Entwicklung des Amateur-, Jugend- und Profifußballs in der Rhein-Neckar-Region durch eine Einzelperson ist laut DFL einzigartig und deshalb explizit nicht mit den Grundlagen zu vergleichen, auf denen die Ausnahmegenehmigungen zum Beispiel in Leverkusen oder Wolfsburg basieren. Die TSG Hoffenheim ist keine Tochtergesellschaft eines global agierenden Großkonzerns. 

Sie sind einer der Gründer der SAP, zweifellos ein global agierender Großkonzern. Hinkt der Vergleich?
SAP hält nicht einmal Anteile am Klub, sondern ist vom Fördervolumen mit 6,2 Millionen Euro her ein marktüblicher Partner und Sponsor. Mein Ziel beim Antrag auf Erteilung der Ausnahmegenehmigung war, die geschaffenen Werte für mich und meine Familie sowie die TSG Hoffenheim abzusichern und den Klub damit nachhaltig zu stabilisieren. Im Übrigen halte ich die 50+1-Regelung durchaus für sinnvoll. 

Und wenn die Regel kippen sollte?
Dann fließt viel Kapital in den deutschen Profifußball. Mehr, als mir lieb wäre. 

Weil die Konkurrenz für die TSG dann größer würde?
Wir hätten es jedenfalls schwerer, uns zu behaupten. 

Wenn es 18 Männer wie Sie gäbe, würden – zugespitzt formuliert – in der Bundesliga jetzt 18 Dörfer mit je 3000 Einwohnern spielen. Können Sie nachvollziehen, dass viele Menschen Ihr erhebliches und vorbildliches soziales Engagement bewundern, Ihre Investitionen in den Profifußball aber gerade nicht?
Das ist schon mehr als überspitzt formuliert und hat mit Realität rein gar nichts zu tun! Wenn man sich davon abgesehen die Mühe macht, nicht reflexartig zu reagieren und unter die Oberfläche zu schauen, nein, dann kann ich es nicht nachvollziehen. Es ging und geht nicht darum, einen Dorfverein auf Teufel-komm-raus in die Bundesliga zu hieven. 

So sah es aber viele Jahre lang aus der Ferne betrachtet aus.
Es ging immer um Zukunftschancen, um Angebote und das für eine Region, in der Millionen Menschen leben und viele Kinder und Jugendliche, die nach Perspektiven suchen. Sport ist bei uns immer verbunden mit Ausbildung, Nachwuchsarbeit, Innovation und gesellschaftlicher Verantwortung. Ein Fußballverein unserer Prägung und mit der Kraft, die wir aufgebaut haben, muss anno 2018 mehr sein als das 1:0 am Wochenende. Es ist mir wichtig, mich darauf zu konzentrieren, und ich würde mir wünschen, es würden mehr Menschen so sehen. Schauen Sie sich doch mal in den deutschen Profiligen um, wie viele Spieler und Trainer da aktiv sind, die bei uns ausgebildet wurden. 

Stimmt, die TSG gilt als führend auf diesem Gebiet. Allein die Trainer: Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco, Markus Gisdol, David Wagner, Tayfun Korkut oder die aktuellen DFB-Trainer Guido Streichsbier und Frank Kramer.
Unsere Innovationen und die damit verbundenen wissenschaftlichen Arbeiten am Standort Zuzenhausen stoßen mittlerweile auf ein weltweites Interesse. Im Übrigen sehe ich eigentlich mehr Großstadtklubs, die sich nach Investoren umschauen. 

Die TSG Hoffenheim tut das in diesem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb nicht?
Wir arbeiten bescheiden und mit Blick auf die Ausbildung junger Menschen. Das ist es, was ein Klub als Auftrag hat, ob er in einem 3000-Einwohner-Dorf beheimatet ist oder in einer Metropole. Diesen Ansatz kann ich nicht bei allen Investoren erkennen.

Also suchen Sie Ihren eigenen Weg durch die Klippen?
Die TSG hat längst bewiesen, dass sie eine Bereicherung für diese Liga ist und alles Recht hat, in der deutschen Fußballelite nicht nur mitzuspielen, sondern eine bedeutende Rolle einzunehmen. Bis auf wenige Ausnahmen haben wir in jeder Spielzeit offensiven, frischen, mutigen und attraktiven Fußball präsentiert. Auch international. Und das mit einer Mannschaft, die keineswegs gespickt ist mit teuren Stars. Eine intelligente Einkaufspolitik, die Fähigkeit unseres Trainerteams, Spieler weiterzuentwickeln und nicht zuletzt der Mut, auf eigene Nachwuchsspieler zu setzen, haben uns in die Europa- und Champions League gebracht. Unsere Entscheidung, auf einen jungen Trainer aus der eigenen Jugend zu setzen, hat uns zunächst viel Häme eingebracht. Es war glaube ich Ihre Zeitung die von einer ,Schnapsidee made in Hoffenheim‘ schrieb, als wir Julian Nagelsmann vorstellten.

Ja, da lagen wir ein wenig daneben.
Sehen Sie. Und damit haben wir aber nicht weniger als einen Trend in Bewegung gesetzt. Seitdem habe viele neue junge Trainer in der Bundesliga eine Chance bekommen. Und das ist doch eine wundervolle Entwicklung, die nicht zuletzt dem deutschen Fußball zugutekommt.

Als Sie selbst noch für die TSG aktiv waren, gab es schon mal heftige Niederlagen gegen den Nachbardorfverein aus Zuzenhausen und als Torprämie eine Dose Leberwurst für den Mittelstürmer Dietmar Hopp. Trauern Sie dieser Zeit manchmal noch hinterher? 
Nein. Der Blick zurück mag romantisch sein, aber wir alle profitieren doch vom Fortschritt, der jeden Winkel unserer Gesellschaft erreicht und gravierend verändert hat. Gespräche wie diese werden heute mit einem Smartphone aufgezeichnet, anschließend surfen Sie damit im Netz, interagieren in Sozialen Netzwerken, schreiben Nachrichten und schauen Videoclips an. Früher hätte hier ein Magnetband gelegen – das kommt uns schon wie Steinzeit vor. 

Wir erinnern uns dunkel… 
Veränderung gehört zu unser aller Leben – lassen Sie uns also bitte nicht so tun, als würde der Sport und insbesondere das Milliardengeschäft Fußball davor verschont. Gerade die Medien haben diese Veränderungen doch massiv angeschoben, Stichwort: TV-Rechte. Und selbst in der Kreisliga ist diese Romantik doch längst Vergangenheit. Auch da wird Geld bezahlt, vielleicht hinter vorgehaltener Hand. Das macht das Ganze nicht ehrlicher. 

Die Anfeindungen gegen Sie sind oft größer als gegen andere Protagonisten der Branche. Warum lassen Sie die gelegentliche Fanwut nicht einfach sachte an sich abprallen und rauben ihr so die Schlagzeilen?
Leider wird da ja Legendenbildung betrieben. Genau das, was Sie und viele andere als Patentlösung vorschlagen, war ja keine. Ich habe über Jahre hinweg alles an mir abtropfen lassen, habe so getan, als würde ich weghören. Aber es wurde nicht weniger, sondern mehr, insbesondere, als die TSG erfolgreicher wurde. Was die Fans einiger großer Vereine der Liga sich erlauben, geht weit über das hinaus, was ich für meine Familie und mich als zumutbar erachte. Diese Beleidigungen haben nichts mit den beim Fußball akzeptablen Emotionen zu tun, nein, sie sind lange geplante, gezielte, sich wiederholende perfide Aktionen. 

In der Kurve geht es natürlich schon mal rau zu, Herr Hopp.
Wir reden viel über die Auswüchse in unserer Gesellschaft, denen man mit Zivilcourage und Mut begegnen muss, um unser Miteinander lebenswert zu machen. Gilt das für das Zusammenleben in einem Stadion nicht? Da schwingen sich einige zu selbsternannten Hütern und Bewahrern von – ja was denn eigentlich? – auf. Glauben die, ihnen gehört der Fußball? Da faseln Zwanzigjährige etwas von Tradition und Kultur und lassen genau das vermissen. Grotesk, um nicht zu sagen absurd ist, dass ich beschimpft werde auch durch Anhänger von Klubs, die selbst nur durch die Hilfe von Investoren oder Mäzenen in der Bundesliga mitspielen können. Daran sieht man, wie verlogen und voller Doppelmoral diese Debatte ist.

Offenbar werden die Gräben immer tiefer. Finden Sie es nicht auch sozial unverträglich, wenn Spiele der Champions League nur noch im Pay-TV zu sehen sind?
Das ärgert mich auch. Ich hätte Sie vor sechs Monaten noch aus großen Augen angeschaut, wenn Sie mir die Buchstaben D-A-Z-N genannt hätten. Heute logge ich mich wie selbstverständlich dort ein, wenn die TSG in der Champions League spielt und streame die Partien. Aber natürlich wäre es auch für uns als Klub schöner gewesen, wenn unsere ersten Champions League-Auftritte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen gewesen wären. 

Die „Football Leaks“-Veröffentlichungen zeigen, dass ein knappes Dutzend der Branche immensen Druck ausübt, damit sie noch mehr Einnahmen generieren und die Kluft zum Rest noch größer wird. Wäre deshalb die Gründung einer Euro Super League nicht logisch?
Auch wenn offenbar einige dieser Enthüllungen nicht ganz so sensationell sind, wie sie verkauft werden und andere einer harten Überprüfung erst noch standhalten müssen, gebe ich Ihnen Recht, dass sie teilweise erschreckende moralische Abgründe und eine gewisse Skrupellosigkeit offenbaren. Das war ja bei den Panama Papers oder bei den Steuer-CDs nicht anders. Auch hier ist der Fußball nicht besser als andere Ecken unserer Gesellschaft. Daraus eine Logik für eine Super League abzuleiten, erschließt sich für mich allerdings nicht. 

Wir zielten eher auf die riesigen finanziellen Abstände ab, die den nationalen Wettbewerb oft ersticken. 
Alle Klubs, egal welche Größe sie erreicht haben, sollten wissen, wo ihre Heimat ist, woher sie kommen und was sie den Menschen zu verdanken haben, die sie haben groß und erfolgreich werden lassen. Davon sollten sie sich nicht abkoppeln. Wenn dann zudem Top-Spiele inflationär angeboten und damit zur Normalität werden, raubt man dem Fußball seine außergewöhnlichen Momente und somit seinen Zauber. Gigantismus hat noch niemandem zum Erfolg verholfen, sondern schon immer zu Übersättigung und Verdruss geführt.
 
Der Profifußball gibt vor, dass er neben Hochleistung auch Werte vermittelt. Tut er das tatsächlich oder ist das nicht in Wahrheit kompletter Unfug?
Es kommt ganz darauf an, wie man an die Sache herangeht. Oft wird da tatsächlich ein großer Ballon voller heißer Luft aufgeblasen. Aber bei einigen Vereinen hat sich mittlerweile schon die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Profi-Fußballklub mit seiner exponierten Stellung für mehr stehen muss als den sportlichen Wettstreit. Es geht darum, ein Teil der Gesellschaft zu sein, seine Kraft und seine Möglichkeiten zu nutzen, Angebote zu machen, Menschen teilhaben zu lassen. Und damit auch das Unternehmen und seine Mitarbeiter weiterzuentwickeln. 

Und am Ende zählt doch nur der sportliche Erfolg?
Ohne Frage: Fußball ist das Kerngeschäft. Rund um den Fußball haben die Klubs aber einiges an Know-how angesammelt. Dies gilt es auch anderen zugänglich zu machen. Wir sagen zum Beispiel, dass wir modern, jung und innovativ sind. Wenn das so ist, dann müssen wir das auch beweisen und mit unseren Ideen auch anderen Menschen helfen: Wie können wir dazu beitragen, dass Menschen ein gesünderes Leben führen, oder wie können wir uns in der Krebs-Prävention einbringen? Für uns war klar, dass die Erfolge der vergangenen beiden Jahre zwar schön sind, wir uns darauf aber nicht ausruhen können. Der Klub muss diesen Rückenwind vielmehr dazu nutzen, sich weiter zu bewegen. Auf allen Ebenen. 

Die Bundesligaklubs schaffen es nicht, wie von ihnen vorgeschlagen und persönlich mit der TSG Hoffenheim weit überdurchschnittlich praktiziert, zumindest ein einziges Prozent ihres Umsatzes für soziale Zwecke zu verwenden. Warum nicht? 
Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich versteh das auch nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies allen möglich sein sollte.

Finden Sie, die Klubs sollten sich noch deutlicher radikalen politischen Auswüchsen entgegenstellen? 
Ich bin fest davon überzeugt, dass man in diesen unruhigen Zeiten und angesichts der schon beschriebenen Position eine klare Haltung zeigen muss. Die hat der Klub nicht nur mit eindeutigen Stellungnahmen zu vielen unserer aktuell drängenden Probleme dokumentiert. 

Was tun Sie und was tut die TSG Hoffenheim auf diesem Gebiet?
Die TSG engagiert sich ganz aktiv in vielen Projekten, die wir zum Großteil selbst initiiert haben, Stichworte sind dabei: Hoffe gegen Rechts, Flüchtlingshilfe, Integration und Toleranz. Wir engagieren uns in Afrika. Auch hier haben wir einiges Know-how im Umgang mit Kindern und Jugendlichen beim Thema Ausbildung und Weiterbildung entwickelt. Es geht darum, die Menschen dabei zu unterstützen, ihre Umwelt zu verändern, Ressourcen zu schonen, sich selbst zu helfen. Dieses Engagement weiten wir aus, und zuletzt hat sogar die Bundesregierung eine Kooperation mit der TSG vereinbart. Zudem engagieren wir uns stark in der Aus- und Weiterbildung unserer Jugendlichen, bei der die aktuellen gesellschaftlichen Auswüchse und Strömungen immer wieder aufgegriffen werden. 

Was treibt Sie an, sich mit bald 80 Lebensjahren noch so reinzuhängen?
Mir liegt sehr viel an einem respektvollen, werteorientierten Miteinander. Darüber hinaus engagiere ich mich mit meiner Stiftung auch stark im Klimaschutz mit der neu entstehenden Klima-Arena. Auch da ist die TSG als Partner in führender Rolle mit dabei. Wir werden auch beim Thema Nachhaltigkeit ein noch stärkeres Zeichen setzen als bisher. Den Auswüchsen und Strömungen muss man inhaltlich begegnen. Darum haben wir alle Aktivitäten in unserer Initiative „TSG ist Bewegung“ gebündelt, auf die ich sehr stolz bin. Viele Entwicklungen sind sehr bedenklich und sollten uns alle sensibilisieren. Es gilt, alle Antennen auszufahren und darauf hinzuwirken, dass Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass kein Platz in unserer Gesellschaft haben. Wir sind heute verantwortlich für die Welt von morgen. Egal wie klein der Teil ist, den man dazu beitragen kann, es ist unsere Pflicht, ihn auch beizutragen. Und darin liegt auch der Grund, warum ich mich in hohem Alter noch stark engagiere. 

Sie haben die Schrecken eines Weltkrieges noch als kleiner Junge selbst erlebt. Haben Sie die Befürchtung, dass gegenwärtig wieder einiges schiefläuft und deshalb Acht gegeben werden sollte, die Demokratie zu stärken? 
Ja, diese Bedenken habe ich. Sie manifestieren sich aber nicht in Furcht, sondern in Entschlossenheit, seine Stimme zu erheben, Aufmerksamkeit zu schaffen und seine Meinung zu äußern. Diese artikuliere ich persönlich und durch das Engagement mit der Stiftung, der Klima-Arena und schließlich über die vielfältige Arbeit in der TSG Hoffenheim, bei den Adler Mannheim, den Rhein Neckar Löwen, über den Golfklub St. Leon-Rot oder bei Anpfiff ins Leben. Dieses gemeinsame Wirken ist immer wieder ein klares Statement für das, wofür wir einstehen und gegen die Auswüchse, gegen die wir kämpfen. 

Schauen die Menschen verstärkt zu sehr auf sich selbst und zu wenig auf den anderen?
Es wäre anmaßend von mir, ein Pauschalurteil zu fällen oder über andere zu richten. Ich verurteile niemanden, der zuerst auf sich schaut. Aber es gibt sehr viele Menschen, die sich engagieren, die kämpfen, die für eine Sache einstehen, an die sie glauben, selbst wenn ihnen Ungemach droht. Überall in der Welt. Es ist unser aller Aufgabe, ihnen zuzuhören, ihnen Gehör zu verschaffen. Die, denen es möglich ist, Plattformen dafür zu schaffen, haben die Pflicht, sie zur Verfügung zu stellen. Da ist es, was ich mit Anstand und gesellschaftlicher Verantwortung meine. Daraus muss ein Gegengewicht, eine Bewegung entstehen.

Interview: Jan Christian Müller

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