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Club aus der Retorte: Viele betrachten den Verein mit dem Maskottchen Bulli argwöhnisch.

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Gefährlicher Abgang

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Ralf Rangnick hat RB Leipzig nach oben geführt und die vielen Millionen gut investiert - bei aller Kritik ist das anerkennenswert. Der Kommentar.

Man muss den zuweilen arg oberlehrerhaft und selbstgerecht daherkommenden Ralf Rangnick nicht mögen, um seine konsequente Aufbauarbeit zu würdigen. Das Mastermind hat das Projekt RB Leipzig zwar nicht aus der Taufe gehoben, das war natürlich Ultramilliardär Dietrich Mateschitz 2009, doch Rangnick hat Red Bull tatsächlich Flügel verliehen. Keine Frage.

Seit sieben Jahren arbeitet der 60-Jährige für die Sachsen, er hat den Retortenklub nach oben geführt und perspektivisch wachsen lassen. Der Schwabe hat dafür unverschämt viel Zaster in die Hand nehmen dürfen, was den Anti-Traditionsverein nicht gerade liebenswert und sympathisch macht. Viele betrachten das Konstrukt argwöhnisch, für viele Fußballfans, nicht nur für unverbesserliche Romantiker, ist der Verein einer aus Plastik und daher Feindbild Nummer eins. RB gilt als Inbegriff der Kommerzialisierung, der Inbegriff eines Geschäftsmodells ohne Herz und Seele, dafür mit Kohle ohne Ende. Ein Kunstprodukt eben. Mag alles stimmen.

Und doch muss man die geleistete Arbeit anerkennen, denn man kann auch viel Geld gekonnt in den Sand setzen. Ralf Rangnick hat nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investiert: Unter seiner Ägide wurde das beispielhafte Leistungszentrum am Cottaweg errichtet, Kostenpunkt: satte 35 Millionen Euro. Kann sich nicht jeder leisten.

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Rangnick hat die vielen Brausemillionen sinnvoll eingesetzt, er verfügt über das fußballerische Knowhow, hat Leitlinien aufgestellt und eine Mannschaft mit einer klaren Philosophie erschaffen; junge, hungrige, talentierte Fußballer geholt und sie zu einer schnellen Eingreiftruppe geformt, die zeitweise rasanten Fußball spielt. Das ist mit vielen von außen reingesteckten Millionen leichter als mit einem beschränkten Budget, über das viele „normale“ Bundesligisten verfügen. RB setzt 245 Millionen um und steckt 100 Millionen in seine Mannschaft – das ist mehr als doppelt so viel wie Mainz 05 und fünfmal so viel wie Fortuna Düsseldorf. Aber immer noch weniger als etwa der FC Schalke 04, der das Geld einfach sinnlos verprasst und verbrannt hat. Leipzig hat viele Klubs auch dank einer klugen Transferpolitik einfach überholt und schon abgehängt. Das ist auch eine Frage der Kompetenz. Die hat Rangnick. Ganz gewiss.

Der Abschied von seinem groß gewordenen Baby ist ihm dennoch leichter gefallen als gedacht, weil es auch im Binnenverhältnis mit Vorstandsboss Oliver Mintzlaff nicht mehr stimmte, das einstige Vertrauensverhältnis ist im Laufe der Jahre doch merklich abgekühlt. Da sagt man leichter mal Lebewohl. Sein Abgang kann für RB durchaus gefährlich werden, als Rangnick damals in Hoffenheim das Weite suchte, brach erst einmal das Chaos aus, und die TSG brauchte eine ganze Weile, um sich mit dem unterschätzten Manager Alexander Rosen und Glücksgriff Julian Nagelsmann wieder zu stabilisieren.

Rangnicks Nachfolger in Leipzig ist Markus Krösche, 38 Jahre alt, bisher Manager in Paderborn. Er wird erst einmal beweisen müssen, dass er auch in anderen Gewässern angeln kann, in solchen, in denen dickere Fische schwimmen – da muss man aber auch die richtigen herausziehen. Wie der unbequeme Ralf Rangnick.

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