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Gebeugt vor Scham

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Verrannt: Filip Kostic (Mitte) bei der Juve-Blamage in Haifa. afp
Verrannt: Filip Kostic (Mitte) bei der Juve-Blamage in Haifa. afp © AFP

Fürs Erste steht die Alte Dame Juventus Turin vor den Trümmern einer Saison, die im Zeichen des Wiederaufbaus stehen sollte.

Andrea Agnelli dürfte sich bestätigt fühlen. Der italienische Industrielle, seit 2010 Präsident von Juventus Turin, war einer der Vorreiter, als im April 2021 zwölf europäische Top-Fußballklubs die Super League ausriefen. Es wäre eine Liga der Superreichen geworden, in denen das sportliche Abschneiden keine Rolle spielte für das finanzielle Fortkommen. Mit Geld überschüttet worden wären sie alle, immer und in jedem Fall, unabhängig von den launischen Beinen der Fußballer.

Die Super League ist geplatzt, weil die Fans in England auf die Barrikaden gingen. Aber Agnelli träumt weiter davon, vermutlich drängt der Traum mehr denn je. Denn die launischen Beine der Juventus-Kicker machen dem Präsidenten gerade gar keine Freude. In der Liga ist der italienische Rekordmeister nur Achter zurzeit, in der Champions League hat er soeben bei Maccabi Haifa verloren, mit 0:2. Die Mannschaft von Maccabi hat einen geschätzten Kaderwert von 20 Millionen Euro, bei Juventus liegt er bei 502 Millionen. Da geht den Fußballromantikern das Herz auf, und einem Geschäftsmann wie Agnelli platzt die Hutschnur.

„Wir wissen, dass wir uns schämen müssen, wir müssen uns bei den Fans entschuldigen, die gerade Schwierigkeiten haben, auf die Straße zu gehen“, hat Agnelli gesagt nach der Blamage in Israel. Die Qualifikation fürs Achtelfinale in der Königsklasse ist schwer in Gefahr, um nicht zu sagen: kaum mehr möglich. Den Trainer Max Allegri hat der Boss nicht weiter belastet („es kommt nicht auf einen an“), aber fürs Erste steht die Alte Dame Juve vor den Trümmern einer Saison, die im Zeichen des Wiederaufbaus stehen sollte.

Nach einer Turiner Meisterserie von neun Ligatiteln in Folge hatten ja zuletzt die beiden Mailänder Klubs oben gestanden, erst Inter, dann AC, während Juventus jeweils auf Rang vier strandete. Die Mailänder, ausgerechnet. Die Konkurrenz im Norden Italiens ist feurig, kein Wunder also, dass die Juve Fans gerade „Schwierigkeiten haben, auf die Straße zu gehen.“ Gebeugt vor Scham drohen sie die Treppe hinunterzustürzen.

Alle Maßnahmen, die Dinge wieder geradezubiegen, scheinen fürs Erste gescheitert. Erst wurde ja der alte Meistercoach Allegri zurückgeholt, der sich 2019 privaten Angelegenheiten zuwandte und Juventus mit einer Siegesquote von 70,48 Prozent verließ, die höchste in der Klubgeschichte. Danach kam Sarri und scheiterte. Danach kam Pirlo und scheiterte. Danach kam also Allegri zurück aus dem Privatleben und droht nun auch zu scheitern, trotz Großoffensive auf dem Transfermarkt, durch die nicht nur der Frankfurter Filip Kostic den Weg ins Piemont fand, auch die Stürmerstars Dusan Vlahovic, Federico Chiesa sowie der schillernde Weltmeister Paul Pogba wurden verpflichtet.

Doch was bringt es? Das Glück hat sich abgewandt von Juve. Chiesa schwer am Knie verletzt, genau wie Pogba. Allegri versucht krampfhaft, sich zu erinnern, wie er das damals hingekriegt hat mit den ganzen Meistertiteln, während in der Liga der größte Erzrivale ganz oben steht, der SSC Neapel aus dem verhassten Süditalien. Und Agnelli träumt: Hach, die Super League. Schön wär’s.

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