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Aus Zucker ist nur Putin. Infantino (li.), Macron und Grabar-Kitarovic dagegen nicht.

Fußball

Die ganz speziellen Momente des Fußball-Jahres 2018

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  • Thomas Kilchenstein
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  • Jan Christian Müller
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  • Frank Hellmann
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  • Daniel Schmitt
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Weltmeisterschaft in Russland, seit langer Zeit mal wieder ein Überraschungssieger im DFB-Pokalfinale: Es gab viele Höhepunkte im Fußball-Jahr 2018, und es gab ganz besondere Augenblicke.

Der Regenschirm des Jahres

Das wirklich Erstaunliche an dem Moment, als Wladimir Putin seine Gäste an jenem Sonntagnachmittag in Moskau buchstäblich im Regen stehen lässt, ist doch, dass ihm das Ganze kein bisschen peinlich ist. Ungerührt steht Russlands Präsident da im gerade einsetzenden strömenden Regen, gut behütet, weil ihm als Einzigem auf dem Podest bei der Siegerehrung nach dem WM-Finale ein Schirm aufgespannt wird. Er steht da im Trockenen und guckt stoisch zu, wie alle anderen klatschnass werden, Fifa-Boss Gianno Infantino, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic in ihrem Schachbrett-T-Shirt, Hostessen mit seltsamen Hüten. Auf sie alle prasselt ungeschützt Starkregen hernieder, unablässig, unbarmherzig, ein wahrer Guss, wie aus Eimern. Die Anzüge triefen bald vor Nässe, die Frisur ist hin, das Wasser quietscht und knatscht in den Schuhen.

Doch der Schirmherr verzieht im Feuchtgebiet keine Miene. 

Warum ist ihm das nicht peinlich? Gar unangenehm? Warum reicht er seinen Schirm nicht weiter, um wenigstens der präsidialen Dame eine sehr unangenehme Situation zu ersparen? Besitzt er nicht wenigstens einen Funken Höflichkeit? Um nicht das altmodische Wort Anstand zu verwenden? 

Kolinda Grabar-Kitarovic zieht sich bemerkenswert souverän aus der Affäre, sie herzt jeden, der sich nicht schnell genug unterstellen kann, drückt junge Männer in Fußballschuhen, ganz egal ob kroatische oder französische. 

Erst nach quälend langen Minuten tauchen weitere Schirme auf, erst einer, dann zwei, drei. Doch da ist es längst zu spät, sie alle sind nass gemacht worden. Vom Regen, klar, und von Wladimir Putin, dem nichts peinlich ist, man weiß es seit langem.

Vielleicht, aber das ist nur eine trockene Vermutung, stimmt das fiese Gerücht ja doch: Der Mann ist bloß aus Zucker. kil

Das Tennismatch des Jahres

Es ist Montag, der 19. Februar 2018. Im Stadion im Frankfurter Stadtwald steht das mit Spannung erwartete Duell der Fußballfans gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) an, das allererste Montagsspiel in der Geschichte der Bundesliga. Aus den Lautsprechern dröhnt: „I don’t like mondays.“ Die Nordwestkurve auch nicht. Mit Trillerpfeifen begleiten die Fans die Partie zwischen der Eintracht und Leipzig, das schrille, ohrenbetäubende Getöse wird nur kurz von den beiden Frankfurter Toren ein bisschen unterbrochen. Für die spielentscheidende zweite Hälfte haben sich die Frankfurter Ultras jedoch einiges vorgenommen. Die Kurve ist bereit, gleich wird Schiri Felix Zwayer wieder anpfeifen. Er blickt auf die Uhr, die Tennisbälle werden aus den Taschen geholt, der Wurfarm wird geschwungen, ein Pfiff - uuuund los geht’s: Hunderte gelbe Filzbälle fliegen in den Strafraum des Leipziger Keepers Peter Gulasci. Begleitet von „Fußballmafia DFB“-Rufen. Die Returntechnik der Leipziger Spieler lässt ziemlich zu wünschen übrig. Miserable Fußstellung, ein viel zu lascher Volley, zack landet die Kugel wieder vor ihren Füßen. Die Balljungen mit gelben und orangenen Westen haben die grüne Wiese fast schon wieder von den gelben Punkten befreit, da folgt auch schon der nächste Tennisschauer. Und danach noch einer. Und noch einer. Mit neunmonatiger Verzögerung, am 21. November 2018, ein Mittwoch, gibt die DFL die Abschaffung der Montagsspiele ab der Saison 2021/2022 bekannt. Spiel, Satz und Sieg: die Fans. tim

Der Lauf des Jahres

Das Tor zum totalen Triumph hätte jede halbwegs rüstige Großmutter hingekriegt, stand ja niemand mehr drin in der Kiste in Berlin, mit der Pike drauf und drin ist das Ding. Sven Ulreich glaubte ja, vorne treffen zu können, als Torwart. Wie lächerlich. 

Die Kunst war der Lauf zuvor. Was für ein herrliches Gefühl für den Spieler - das ganze, weite Feld vor einem, viel, viel grüne Wiese, ein Tor, nicht behütet, dahinter die eigene Kurve mit den Jungs und Mädchen und der Zwölf auf dem Buckel. Das Ganze Sekunden vor dem Ende eines großen Finales. Endlich wird der Ball abgewehrt, eine Körpertäuschung noch, und alles liegt vor einem, vielleicht 70, vielleicht 80 Meter. Du musst nur noch rennen. Oder früh schießen. Mijat Gacinovic entscheidet sich fürs Rennen, das kann er eh besser, in 80 Bundesligaspielen sind dem schmächtigen Serben drei Tore gelungen. Also rennt er los, und rennt und rennt, wie eine Frankfurter Ausgabe von Forest Gump, er rennt, guckt ab und zu hinter seine Schulter, er sieht Mats Hummels hinterherjapsen, er weiß: Das ist es, der kriegt mich nie mehr, nicht in diesem Leben, das ist der Pokalsieg. 

Mijat Gacinovic wäre auch weiter gelaufen, aus dem Stadion hinaus, nach Charlottenburg und weiter bis Serbien, aber die Fans waren rübergeklettert auf die Tartanbahn, hatten ihn eingefangen, erst sie, dann halb Frankfurt, den kleinen, fast zarten Mijat, der zum Helden wurde, weil er schnell rennen kann. Und weil zuweilen ein einziger Lauf schöner, bedeutsamer, spektakulärer, atemberaubender ist als ein Tor. kil  

Die Leuchte des Jahres

Hinterher, als die Bilder der Erleuchtung raus waren und nicht wieder zurück ins Schattenreich des Deutschen Fußball-Bundes geholt werden konnten, hat Joachim Löw bekundet, er habe einem Fotografen lediglich einen Gefallen tun wollen. Freundlicherweise also kurz anhalten beim morgendlichen Jogging an der geliebten Promenade von Sotschi, einen kurzen Plausch, ein paar fixe Fotos an der Laterne. Die stand da halt gerade rum und lud zum Anlehnen ein.

Der Bundestrainer hatte die Macht der Bilder ganz ähnlich unterschätzt, wie er seine Mannschaft überschätzt hatte. Daheim in Deutschland, vor allem aber drinnen im Teamquartier, schüttelten die Leute den Kopf: Ist der Jogi völlig verrückt geworden? Merkt da einer gar nicht mehr, dass um ihn herum die Weltmeisterwelt in sich zusammenbricht wie ein Kartenhaus, derweil er posiert wie ein König? 

Nur Siege in der Mehrzahl hätten die Symbolik der Überheblichkeit zu einer Symbolik des unerschütterlichen Selbstbewusstseins umdeuten können. Es gab den Erfolg dann nur in der Einzahl, ein letzter lichter Moment von Toni Kroos gegen Schweden, kaum anderthalb Kilometer die Promenade runter in der Fisht-Arena von Sotschi, ein brillantes 2:1 aus spitzem Winkel in den langen Winkel, ein Tor, das nicht lange leuchten sollte. 

Später, wenn Joachim Löw auf seine bemerkenswerte Karriere zurückblickt, könnte er die Sekunden an der Laterne verwünschen. Wahrscheinlich wird er das nicht tun. Wahrscheinlich hängt das Bild dann in seinem Wohnzimmer.  jcm

Der Wurf des Jahres

Vielleicht hatten es die Anhänger der Reds ja geahnt. Wer mit Fans des FC Liverpool am Tag vor dem Champions-League-Endspiel in den Kneipen von Kiew ins Gespräch kam, der bekam auf die deutschen Beiträge vor dem Showdown gegen Real Madrid die unterschiedlichsten Reaktionen. Jürgen Klopp? Daumen hoch. Top-Typ. Top-Trainer. Loris Karius? Daumen runter. Angeber-Torwart. Sicherheitsrisiko. Doch war zu ahnen, welches Drama sich im herausgeputzten Olympiastadion der ukrainischen Hauptstadt abspielen sollte? Wohl kaum. Es stand noch 0:0, als der frühere Mainzer Schlussmann den Ball abwerfen wollte, aber nicht registrierte, dass Karim Benzema schräg vor ihm stand. Das Schlitzohr spannte den Fuß – und von dort prallte die Kugel ins Tor. Kurz vor Schluss ließ der blonde Beau einen harmlosen Schuss von Gareth Bale durch die Finger gleiten. 1:3. Wegen zweier dilettantischer Torwartfehler. Die Tragik war komplett.

Der 24-Jährige schaffte es auf die Titelseiten in halb Europa. Als Torwart, der gerne den dicken Max macht, den Körper tätowiert, schnelle Autos fährt und goldene Uhren trägt – aber sein Handwerk nicht beherrscht. Klopp beschönigte hernach nichts. „Jeder hat gesehen, warum wir dieses Endspiel verloren haben.“ Dass dieser Keeper an der Anfield Road keine Zukunft haben würde, war klar. Alisson Becker, der deutschstämmige Brasilianer, kam als neue Nummer eins. Karius wurde zu Besiktas Istanbul verliehen, hat aber die Flatter nie ganz ablegen können. Vielleicht wird in 2019 ja alles ein bisschen besser. hel

Die Menschenrechte des Jahres

In der sehr langen Geschichte schief gegangener Pressekonferenzen ist sie die am meisten schief gegangene. Sie machte zugleich aber auch dem Letzten sehr deutlich, dass immer noch Rummenigge und „der große Demokrat“ Hoeneß allein entscheiden, wer Respekt und Anstand verdient (nämlich: Hoeneß und Rummenigge, und natürlich der ganze FC Bayern), wer nicht (der „Dreck“ spielende Özil, der „geisteskrank“ foulende Bellarabi, der „einen Scheißdreck“ spielende Bernat, die Springer-Presse, eigentlich alle Journalisten, die eine „herabwürdigende, hämische, faktische Berichterstattung“ pflegen) und was es mit der viel zitierten Würde des Menschen auf sich hat. Unantastbar ist sie gemäß Hoeneß-Rummeniggescher Lesart stets dann, wenn der FC Bayern betroffen ist, es sei denn, Brazzo Salihamidzic sitzt dabei. Dem fährt der Vorstandsvorsitzende mitunter persönlich über den Mund.

Sachliche Kritik lasse man, Hoeneß/Rummenigge, zu. Was sachlich ist, definiert freilich der FCB. Und auch was „polemisch, respektlos, unverschämt“ ist, so wie sich das in einer Demokratie gehört, in der Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist. 

Man fragt sich oft: Hören sich diese Herren beim Reden (auf schief gegangenen Pressekonferenzen etwa) manchmal auch zu? Gibt es bei einem wie Uli Hoeneß keinen kleinen Mann mehr im Ohr, der ihm zuflüstert: Uli, halt mal den Ball flach, lass mal die anderen von Anstand, Würde, Respekt reden, nicht du, denk an die 28,5 Millionen Euro, um die du die Gesellschaft betrogen hast? Der kleine Mann ist still, geknebelt liegt er in der Ecke. kil

Der Keller des Jahres

Ein Spiel dauert 90 Minuten. Eine Herbergersche Fußballweisheit, die, nun ja, nicht wahr ist. Drei Minuten Nachspielzeit sind üblich, vier oder gar fünf keine Seltenheit. Selbst auf die ersten 45 Minuten wird gern mal ein bisschen draufgepackt. So geschehen am 16. April - wenn auch auf vorher nicht gekannte Art und Weise. Besagte Montagabendpartie zwischen Mainz und Freiburg ist eine umkämpfte, manch einer mag auch sagen, eine langweilige. Nach 45 Minuten steht es 0:0, Schiedsrichter Winkmann pfeift pünktlich ab. So weit, so gut - dachten alle. Die Fans marschieren zum Bierstand, die Kicker zum Pausentee, die Reporter ans Kuchenbuffet. Bis plötzlich Hektik aufkommt.

Videoassistentin Steinhaus meldet sich aus Köln, aus diesem sagenumwobenen Keller, den noch kein Normalsterblicher zu Gesicht bekommen hat, in dem sich am Wochenende die Elite der deutschen Pfeifenkunst trifft, um über das Geschehen auf dem Rasen zu wachen. Steinhaus also, die Weltschiedsrichterin, erkennt in ihrer Flimmerkiste unter der Erde ein Handspiel des ehemaligen Frankfurters und heutigen Freiburgers Kempf. Sie funkt Winkmann an, der schaut erst verdutzt, dann auf einen Monitor und entscheidet auf Elfmeter für Mainz. Ja sapperlot, was ist hier denn los? Ob nun gerade biertrinkend, Tee süffelnd oder Kuchen essend, alle erleben etwas, was davor und danach noch nie jemand erlebt hat. Denn auf eine Fußballweisheit ist an diesem Abend Verlass: Das Runde muss ins Eckige. Im Zweifel auch mal sieben Minuten nach Abpfiff. Dem Keller des Jahres sei Dank. dani

Die Zeitumstellung des Jahres

Irgendwann erwischt es einen, wenn man nur genug darum bettelt. Der HSV hat verdammt hartnäckig gebettelt. 2014 in Fürth und 2015 in Karlsruhe zog der Dino seinen runzligen Hals in letzter Minute aus der Schlinge. 2017 kratzte ein Tor von Luca Waldschmidt die Relegation am letzten Spieltag aus der Nordkurve. Dann war das Konto leergeräumt, der Überziehungskredit überzogen und keine weiteren Darlehensgeber mehr zur Stelle. Noch nicht mal der olle Kühne.
Seitdem ist die berühmteste Uhr der Ersten Fußball-Bundesliga, ach was, der ganzen großen Fußballwelt, bloß noch eine ganz normale Uhr der zweiten deutschen Lizenzliga. Statt die Jahre zu zählen, die die Rothosen frei von Unterbrechungen in der Beletage verbrachten (fast 55), werden auf der digitalen Anzeige nun die Jahre gezeigt, seit der Traditionsverein am 29. September 1887 gegründet wurde, also inzwischen mehr als 131. Gähn.

Den Abschied aus dem Oberhaus garnierten ein paar besonders Frustrierte anlässlich eines 2:1-Sieges über Borussia Mönchengladbach, der zu spät kam, mit Rauchbomben und Kanonenschlägen im Strafraum. Die Partie musste unterbrochen werden, die Polizei aufmarschieren. Und dann passierte etwas Ungewöhnliches. Die stumme Mehrheit auf den Tribünen wurde plötzlich laut. Sie rief: „Wir sind Hamburger, und ihr nicht“ und sie rief außerdem: „Holt sie raus!“ So wurde der Tag des Abstiegs auch ein Tag des Aufbegehrens. Ein Aufbegehren, das der HSV in die zweite Liga hinübergetragen hat. Er ist dort gerade Erster. jcm  

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