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Nachfolger gefunden: Im Hause Tinç erblickte während der WM ein neuer Messi das Licht der Welt - vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Fußball-WM in Russland

Der ganz spezielle WM-Moment

Neun Kollegen, neun Geschichten: Wie die Sportredaktion die WM erlebte.

Jeder erlebt eine Fußball-Weltmeisterschaft anders, jeder erzählt später eine eigene Geschichte darüber. Neun FR-Kollegen erzählen, wie sie die WM erlebten.

Lieblingsspieler? Unsinn!

Von Ingo Durstewitz

Schon als Niko Kovac neu war in Frankfurt, hatte er uns stichelnde FR-Schreiberlinge als die Achse des Bösen ausgemacht. Na ja, okay, so schlimm war es nicht, aber nach dem Klassenerhalt, sagte der gute Niko, wolle er doch mal den kritischen Ansatz der FR bei einem Bierchen erörtern. Haben wir dann gemacht. Irgendwann, man kannte sich ja besser, hat Kovac dann allen Ernstes gedacht, er könne mich als Fan eines Spielers outen (als würde es so was geben). „Ah, es geht wieder um Ihren Lieblingsspieler“, Ante Rebic oder Antä Räbbitsch (O-Ton Kovac).

Nun gut, ich kann nicht verhehlen, dass ich eine gewisse Sympathie für den Spielstil des Bullen aus Imotski hege, dieses Brachiale, Unzähmbare und Urgewaltige finde ich ganz cool. Und so hat sich mir diese Szene ins Hirn gebrannt, als dieser dänische Grobian Mathias Jörgensen unseren Ante alleine vor dem leeren Tor in einem Akt der Legendentötung umnietete, gerade, als er einschießen wollte, der Ante, zum 2:1-Achtelfinalsieg seiner Kroaten kurz vor Schluss. Ante aber stolperte, strauchelte – und fiel hin. Tor geklaut, nix da Held. Tags drauf habe ich in die Tasten gehauen und mich wortreich beschwert, dass unserem Bruda seine „Unsterblichkeit“ stibitzt worden sei. Aber Lieblingsspieler? So ein Unfug.

In Messis Fußstapfen

Von Timur Tinç

Seit der Weltmeisterschaft 2006 habe ich kein einziges Spiel mehr verpasst. Selbst die parallel ausgetragenen Partien habe ich gleichzeitig im Fernsehen und auf dem Laptop geschaut. Aber bei dieser WM gab es eine Partie, die ich tatsächlich komplett verpasst habe. Vom 3:0 der Kroaten gegen Argentinien habe ich keine einzige Minute live geguckt. Erst in den Highlights habe ich die Tore von Brruda Ante, Luka Modric und Ivan Rakitic gesehen, und wie Lionel Messi betrübt vom Feld geschlichen ist.

An diesem Donnerstagabend im Juni hat sich nämlich mein Sohn entschieden, auf die Welt zu kommen. Da musste die schönste Nebensache für das schönste Lächeln der Welt zurückstehen. Die kleinen Hände zu halten und den winzigen Körper auf der Brust zu spüren, dieses Gefühl ist einfach überwältigend. „Der neue Messi“, bekam ich von meinem Sportchef Jörg Hanau als Glückwunschnachricht, und nur wenig später kam hinterher: „Lieber nicht - nach dieser Leistung.“

Da wusste ich noch gar nicht, wie der für mich beste Fußballer aller Zeiten aufgetreten ist. Wenn mein Sohn irgendwann in die Fußstapfen des kleinen Argentiniers treten sollte, hätte ich nichts dagegen. Und versprochen: Ein Spiel von ihm werde ich ganz sicher nicht verpassen.

Kühles Blondes zum Verdauen

Von Daniel Schmitt

Was sind das nicht alles für Sensationen bei dieser WM gewesen: Deutschland, Spanien, Argentinien, Portugal. Alle früh raus. Insofern hätte es mich nicht überraschen dürfen, was da am späten Abend des 3. Julis in Moskau passiert ist.

Aber von vorn: Am 3. Juli, da spielt das englische Nationalteam gegen Kolumbien um den Einzug ins Viertelfinale. Zwei gute Mannschaften, die Jungs mit den drei Löwen auf der Brust aber in der Favoritenrolle. Meine Wenigkeit liegt bequem zu Hause auf dem Sofa. Ein kühles Blondes in der Hand, mal mehr, mal weniger begeistert die Flimmerkiste betrachtend. 53. Minute, 1:0, Kane trifft für die Three Lions. Kurzes Achselzucken, heute also keine Überraschung. Auch gut, ist ja schließlich bald Schlafenszeit. Doch Pustekuchen. Mina köpft die Kolumbianer, die Engländer und auch mich in die Verlängerung, ach was, ins Elfmeterschießen.

Und jetzt? Tausche ich mal ruckzuck die Favoritenrollen. Klar, Kolumbien gewinnt. Wer sonst? Etwa England? Mit Southgate, diesem Elfmetertölpel von 1996 als Trainer? Niemals. Zehn Minuten darauf sitzt meine Wenigkeit ungläubig auf dem Sofa und fixiert erstaunt die englischen Helden, die mir wenig später eines gleichgetan haben dürften – das kühle Blonde zum Verdauen der nächsten WM-Sensation.

Sonnensound

Von Jakob Böllhoff

Jeder Kolumbianer besitzt ein kolumbianisches Fußballtrikot, wie aus Sonnenfasern gewebt, so strahlend gelb, und immer, wenn das kolumbianische Team in Russland spielte, streiften sich die Kolumbianer in Frankfurt ihre Sonnenhemden über und kamen ins Zeitungsviertel. Unten im Gebäude der FR-Redaktion gibt es ein beliebtes Restaurant. Die Kolumbianer brachten eine riesige Kolumbienflagge an, spießten grobe Bratwürste auf Stöcke und legten sie auf den Grill. Für den Rest des Abends drang ein sensationelles Gemisch aus Spiritusgeruch und spitzen Schreien durchs Fenster ins 2. OG.

Es stellte sich bald heraus, dass die Kolumbianer das TV-Bild mit zweiminütiger Verzögerung empfingen, und sah man oben, wie die Kolumbianer in Russland ein Tor schossen, eilte man ans Fenster und hielt ein Ohr hinaus und freute sich auf die Freude der Kolumbianer in Frankfurt, ein urbelassenes, grelles Kreischen. Sonnensound.

Nach den zwei kolumbianischen Vorrundensiegen ging ich unten vorbei, sah auf dem Grill die Würste liegen und vor der Flagge fröhliche Menschen stehen, drinnen tanzten sie in ihren Sonnenstrahlentrikots. Im Achtelfinale sind die Kolumbianer ausgeschieden. Die WM haben sie für mich trotzdem gewonnen.

Tippfehler

Von Christian Stör

Also, an mir liegt’s nicht. Die äußeren Umstände sind schuld, das Wetter wahrscheinlich. Anders ist das Fiasko nicht zu erklären. Tatsache ist nämlich, dass ich beim WM-Tippspiel der FR ganz weit hinten liege. Und das, obwohl ich allenthalben als so eine Art Experte gelte, neulich erst hat mich sogar der Chefredakteur um Hilfe beim Tippen ersucht. Sicher, nicht immer war alles verkehrt. Das 2:1 der Engländer im Vorrundenspiel gegen Tunesien hatte ich richtig (Harry Kane sei Dank), und auch die Achtelfinalerfolge von Uruguay und Schweden hatte nicht jeder auf seinem Zettel. Seltene Glücksmomente.

Aber sonst? Den 2:1-Tipp beim Spiel Argentinien gegen Island hat Messi kaputtgemacht. Hätte man sich fast denken können, hat er doch fünf seiner letzten zehn Elfer verballert. Und dann tippst du auf einen Sieg der Spanier gegen Portugal, nur um mitzuerleben, wie Ronaldo kurz vor Schluss das 3:3 erzielt. Wer kann schon ahnen, das CR7 mal einen Freistoß verwandelt? Orakeltiere vielleicht, aber die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. WM-Krake Paul ist ja schon lange tot.

Und der Finaltipp? Steht schon fest: Frankreich. Was für die Franzosen wohl nichts Gutes bedeutet. Oder kann der Bann doch noch gebrochen werden?

Geschrieben, um zu bleiben

Von Simon Berninger

Während der WM in der Sportredaktion! Das klingt nach einem absoluten Highlight für sportbegeisterte Zeitungsredakteure – und solche, die es gerne werden möchten, so wie ich! Als Volontär hatte ich eben diese Ehre. Nun sei vorweggenommen, dass ich sehr wohl sportbegeistert bin. Aber nur, was meine eigene Ertüchtigung anbetrifft. Mehr als im Fitnessstudio pumpen zu gehen, habe ich mit Sport nicht am Hut. Schande über mein Haupt, entsprechend skeptisch war ich auch, ob „im Sport“ und noch dazu während der WM für mich überhaupt Honig zu saugen ist.

Und, wer hätte es gedacht? Ich habe mit Sicherheit am wenigsten zu träumen gewagt, dass mir ausgerechnet die WM ein ganz besonderes Highlight bescheren sollte. Ich habe doch tatsächlich einen eigenen Text zum WM-Thema Fußball verfasst, der es am Ende sogar in die Zeitung geschafft hat. Nein, es war keine Spiel(er)-analyse, und ein wenig Input von den Kollegen brauchte ich auch, um mich an die Tastatur zu setzen. Herausgekommen war ein launiges Stück über Panama-Kicker José Rodriguez. Ein Außenseiter, der es ganz wider Erwarten in den WM-Kader seines Landes schaffte. Vielleicht ist seine Geschichte, die ich da aufgeschrieben hatte, ja auch wegweisend für mich - und ich schaffe es am Ende in den FR-Kader ...

Die Frau weiß mehr

Von Jan Christian Müller

Seit 2002 darf ich die deutsche Mannschaft zu Weltmeisterschaften begleiten. Irgendwann gewöhnt man sich dran, dass es immer weiter geht. Bis mindestens ins Halbfinale und dann um Platz drei oder Endspiel. WM abends mit Freunden auf der Couch und vorher noch ein Steak auf den Grill? Kannte ich allenfalls aus einer längst vergangenen Zeit.

2018 hat mir Fußball-Professor Jogi Löw mit seiner misslungenen Versuchsanordnung zwei Wochen Weltmeisterschaft in Russland geklaut und zwischen Arbeits- und Wohnzimmer geschenkt. Endlich habe ich mal was mitbekommen von den anderen Mannschaften, meine Zeit nicht andauernd in unterkühlten Pressezentren oder überhitzten Pressezelten verbracht und meinen Hunger nicht mit in Plastikfolie eingeschweißten Fifa-Sandwiches stillen müssen.

Aber, oh weh, was musste ich bei bester häuslicher Versorgung feststellen. Die zweiwöchige Vorrunde mit vollem Fokus auf die Deutschen hat mich bedeutendes Wissen gekostet. Soweit war es schon gekommen, dass meine Frau mir erklären musste, in welchem Klub der linke Verteidiger von Frankreich spielt und wo der mächtige Stopper der Engländer. Eine Demütigung, an der ich noch einige Monate zu knabbern haben werde.

Zum Vergessen

Von Jörg Hanau

Dieser eine magische Moment? Ein ganz besonderes Tor? Ein genialer Trick zum Zungeschnalzen? Es gab sie. Von allem ein bisschen: Der Dreierpack von Cristiano Ronaldo gegen Spanien. Der Auftritt des belgischen Brasilianers Eden Hazard im Viertelfinale. Der Sprint von Kylian Mbappe gegen Argentinien im Achtelfinale in Forrest-Gump-Manier. Chapeau. In einer Tempo-30-Zone wäre der Franzose zu einem Bußgeld wegen überhöhter Geschwindigkeit verdonnert worden. Wirklich beeindruckend. Leider aber auch das schauspielerische Talent des Teenagers, das nur noch ein gewisser Neymar mit seiner Theatralik übertraf. Einfach jämmerlich, zum Fremdschämen. Und so dumm. Gibt doch überall Kameras. Nichts bleibt verborgen. Sind die wirklich so blöd?

 Das gilt auch für die Unparteiischen und ihre Videoassis. Wenn schon der Blick aufs bewegte Bild möglich ist, weshalb werden dennoch glasklare Elfmeter nicht gegeben? Verstehe ich nicht. Ein fader Beigeschmack bleibt. Auch was die Qualität der meisten Spiele angeht. Echte Langweiler waren darunter – daran änderten auch die vielen Last-Minute-Buden nichts. Es war – mit Verlaub – eine WM zum Vergessen. Und zwar nicht nur für Laternen-Jogi und seine WM-Touristen.

Secret Viewing

Von Manuel Schubert

Wer hatte das denn bitteschön geplant? Am 23. Juni gaben sich nicht nur zwei gute Freunde von mir das Ja-Wort, auch musste die deutsche Mannschaft ihr immens wichtiges zweites Gruppenspiel gegen Schweden austragen. Doch natürlich war die Hochzeit schon viele, viele Monate im Voraus terminiert worden. Dass am selben Abend Deutschland spielt, hatte im November verständlicherweise niemand auf dem Schirm. Dass es für die Deutschen da schon um Hopp oder Top gehen würde, erst recht nicht.

Also mal vorsichtig bei den Frischvermählten nachgefragt: Könnte man nicht vielleicht unter Umständen ...? Nur eine klitzekleine Leinwand? Oder ein Fernseher im hintersten Eck? Doch die Braut intervenierte. So musste um 20 Uhr heimlich auf dem Smartphone geschaut werden, an drei Tischen parallel. Und mit einem Ohr weiter dem Programm lauschend.

Als Toni Kroos aber in der fünften Minute der Nachspielzeit den Freistoß zum 2:1 versenkte, wurden alle Fußballgucker enttarnt. Durch einen kollektiven Jubelschrei, der die Rede der beiden besten Bräutigam-Kumpels locker übertönte. Da musste sogar die Braut grinsen. Es sollte das einzige Mal bei dieser WM bleiben, dass die deutsche Mannschaft Anlass dazu gab.

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