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Warum ist der kollektive Zorn auf Gündogan (2. von rechts) und Özil (2. von links) so gnadenlos und unversöhnlich?
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Warum ist der kollektive Zorn auf Gündogan (2. von rechts) und Özil (2. von links) so gnadenlos und unversöhnlich?

Mesut Özil und Ilkay Gündogan

Ganz normaler Alltagsrassismus

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die Kritik an Ilkay Gündogan und Mesut Özil ebbt nicht ab. Zwar schwingt bei vielen das blanke Unverständnis über das Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan mit, bei anderen tritt der Alltagsrassismus zutage. Ein Kommentar.

Die Empörten haben die Finger zwischen ihre Lippen gesteckt, sich die Wut aus den Leibern gepfiffen und nicht wieder aufgehört, bis der Schiedsrichter dann endlich abgepfiffen hatte. So haben sie es geschafft, Ilkay Gündogan tief gedemütigt in die Kabine zu schicken, und sie haben es außerdem geschafft, ein ohnehin träges Fußballspiel mutwillig zu zerstören. Warum hören diese Menschen nicht auf zu pfeifen, nachdem sie dem Spieler ihre Abneigung ja schon offenkundig bei dessen Einwechslung übermittelt haben? Warum ist der kollektive Zorn auf Gündogan und Özil so gnadenlos und unversöhnlich?

Die Motive jedes einzelnen könnten tiefgreifend verschiedener Natur sein. Bei den einen: blankes Unverständnis darüber, dass Gündogan und Özil sich bei einem gemeinsamen Fotoshooting zu Kumpanen des türkischen Despoten und Demokratieverächters Erdogan gemacht haben. Aber bei anderen wohl auch: persönliche Bestätigung dessen, dass der gemeine Türke an sich sowieso nicht bereit ist, sich vernünftig zu integrieren. Haben wir es doch immer schon gewusst. Gündogan und Özil haben es bloß bewiesen. Der ganz normale Alltagsrassismus also.

Die Leute sind ja nicht blöd

Der mutmaßlich so vollkommen unterschiedlich motivierte geballte Volkszorn lässt sich nicht nur an den Pfiffen abhören, sondern auch in den sozialen Netzwerken ergründen. Allein im Account von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gab es mehr als 50.000 Einträge zur Sache, weit mehr, als das in politischen Debatten ansonsten üblich ist. Alles Krisenmanagement versagte danach, musste wohl auch versagen. Steinmeier selbst sah sich vehementer Kritik ausgesetzt, unter anderem deshalb, weil er sich mit seinem Treffen mit Gündogan und Özil in seinem Amtssitz als deutsches Staatsoberhaupt zum Handlanger des DFB und der beiden Fußballprofis gemacht habe.

Steinmeier hört sich nun im „Zeit“-Interview verdächtig danach an, als habe er im Nachgang mindestens leise Zweifel daran, dass die beiden Fußballstars ihr Date mit Erdogan ehrlich bedauern. Eher bedauern sie wohl die harsche öffentliche Reaktion hierzulande und haben nur deshalb die Begegnung mit dem deutschen Präsidenten als notwendigen, gleichwohl erfolglosen Versuch absolviert, die Angelegenheit so herunterzudimmen, dass sie keine negativen Folgen auf Form, Stimmung und Leistung für die bevorstehende Weltmeisterschaft haben möge. Der Versuch, so viel steht mal fest, ist gründlich misslungen. Er war allzu durchsichtig. Die Leute sind ja nicht blöd.

Der Bundespräsident begründete seine Bereitschaft zum persönlichen und gleichwohl öffentlichkeitswirksamen Austausch mit Gündogan und Özil damit, er habe versucht, „eine Brücke zu bauen“. Aber er spürt jetzt natürlich, dass zumindest diejenigen, die in Leverkusen so schrill gepfiffen haben und die bei Facebook und Twitter keine Gnade kennen, jedenfalls nicht bereit sind, mit über diese Brücke hinweg zu gehen. Der erste Mann im Staate erklärt sich das so – und hat damit leider Recht: „Menschen lieben ihre Feindbilder, das macht den Alltag übersichtlich.“ Und hilft beim Pfeifen ungemein.

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