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Game over, Thomas Tuchel

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Von: Frank Hellmann

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Aus bei Chelsea: Thomas Tuchel.
Aus bei Chelsea: Thomas Tuchel. © afp

Der Deutsche wird beim FC Chelsea auch Opfer der Hire-and-Fire-Mentalität unter den neuen US-Besitzern. Ein Kommentar.

Um die Entlassung von Thomas Tuchel zu verstehen, ist es nicht verkehrt, kurz in die Unternehmenskultur in den USA abzutauchen. Wer sich mit international tätigen Personalberatern unterhält, von denen es viele renommierte am Standort Frankfurt gibt, der bekommt eines erklärt: Das Business in den USA ist sehr viel rauer, erstaunlich schnell, extrem zahlen- und ergebnisgetrieben - und das Verhalten unter Kollegen oft oberflächlich. Denn zu oft ersetzt der eine den anderen. Wer damit im Job zurechtkommt, hat sehr gute Karrierechancen. Deutschen Managern ist diese Hire-and-Fire-Mentalität allerdings oft sehr fremd.

Damit ist aber schon einiges darüber gesagt, warum die neuen Besitzer des FC Chelsea so schnell die Nerven verloren – und einen Tag nach einer 0:1-Niederlage gegen Dinamo Zagreb am ersten Spieltag der Champions League ihren Trainer feuerten. Die Meriten der Vergangenheit zählten bei Tuchel nichts mehr. Nicht einmal der Gewinn der Champions League, die der Fußballlehrer mit einer meisterhaften Taktik 2021 gegen Manchester City und dessen Starcoach Pep Guardiola orchestrierte, half ihm.

Und nicht die bewundernswerte Standhaftigkeit in jener Phase, als die Zukunft des Klubs durch die Sanktionen gegen den russischen Besitzer Roman Abramowitsch völlig ungewiss war und der Fußballlehrer zwischen die Mühlsteine geriet, aber den roten Faden nicht verlor. Dass jetzt Teile der Mannschaft nicht mehr hinter ihm stehen sollen, hat der Investmentgruppe des US-Milliardärs Todd Boehly den Anstoß gegeben, typisch amerikanisch zu handeln. Wie bei einer ihrer unzähligen Firmen, bei denen gerade die Zahlen nicht stimmen, haben sie den leitenden Angestellten vor die Tür gesetzt.

Darüber kann man den Kopf schütteln. Aber das Geschäft bei den Global Playern – und dazu gehören die von Abramowitsch systematisch nach oben gepumpten „Blues“ mittlerweile – ist halt noch ein bisschen unerbittlicher als bei einem normalen Bundesligaverein. Es zählt nur das Hier und Heute. Da waren offenbar zehn Punkte nach sechs Spieltagen der Premier League zu wenig.

In Tuchels Vita passt diese Trennung nicht so richtig. Beim FSV Mainz 05 hatte er nach Jürgen Klopp den größten Anteil daran, aus diesem Verein dauerhaft einen Bundesligisten zu machen, aber Herzenswärme strahlte der Mann nur selten aus. Auch bei Borussia Dortmund wurde ihm vorgeworfen, gegenüber den Vorgesetzten kühl wie ein Eisblock rüberzukommen - das Kontrastprogramm zum BVB-Heiligen und Menschenfänger Klopp.

Insofern war der Anfang 2021 angetretene Job in London genau richtig, zumal Tuchel bei Paris St. Germain wichtige Erfahrungen im Umgang mit den Egoismen der Superstars mitbrachte. Erst kolportierten britische Medien, es könnte zu einer Vertragsverlängerung mit dem 49-Jährigen kommen. Typischer Fall von Trugschluss. Einer der besten Fußballlehrer, aber auch kompliziertesten Charaktere ist wieder auf dem Markt - Angebote werden folgen.

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