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Manch einer hält die Bundesliga für abgehoben.

Fußballkabinen als Black Box

Es darf wieder gekickt werden - doch wie ehrlich sind die Klubs, wenn es um Hygieneregeln geht?

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Viele Menschen haben den Eindruck, als sei vom Fußball, oft als „Lagerfeuer der Nation“ beschrieben, nur ein feuchtes Stück Holzkohle im Morgentau übriggeblieben. Der Kommentar.

Der Profifußball hat von der Politik einen beträchtlichen Vertrauensvorschuss erhalten. Und zwar aus drei Gründen. Erstens: Weil es sich bei dem Unterhaltungsbetrieb um einen Wirtschaftszweig handelt, der aus ökonomischen Gründen wieder hochfahren muss, um Ungemach zu verhindern. Zweitens: Weil die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ein Schutzkonzept der Risikominimierung vor Neuansteckung trotz notwendiger Missachtung des Social Distancing in Training und Spiel vorgelegt hat. Und drittens: Weil die Fußball-Bundesliga nicht nur vom DFB-Präsidenten und manchem Politiker noch immer als „Lagerfeuer der Nation“ betrachtet wird.

Aber fühlt sie sich wirklich noch so an? Viele Menschen empfinden gerade vielmehr, als sei vom kuschlig lodernden Lagerfeuer bloß noch ein feuchtes Stück Holzkohle im Morgentau übriggeblieben.

Dem seismographisch präzise jedes gesellschaftliche Subgefühl erfassenden DFL-Commissioner Christian Seifert ist das nicht entgangen. Aber kommen seine neulich formulierten besinnlichen Worte für eine Neuordnung des Profifußballs wirklich von Herzen? Oder doch nur aus dem Hirn? Ob es sich dabei um mehr also bloß eine taktische Wertedebatte handelt, um die Wiedereröffnung der Saison zu gewährleisten, gilt es später zu beweisen. Nämlich dann, wenn das Business wieder flutscht und die guten Vorsätze einer Überprüfung standhalten sollten. Auch der aktuelle Gastbeitrag des Bayern- und DFB-Kapitäns Manuel Neuer in der „FAZ“ ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Neuer, unterstützt von einem bestens vernetzten Medienberater, stellt sich dort der Verantwortung als vorbildlicher Fußballprofi sicher nicht zufällig genau an dem Tag, an dem die Politik die Entscheidung zum Restart trifft.

Es bleiben Fragen, die aktuell niemand seriös beantworten kann: Hat der Spiegel, den der suspendierte Berliner Profi Kalou der Branche mit seinem Mobiltelefon vorhielt, ein repräsentatives Bild der Ignoranz von Klubs und Profis gegenüber den hochprofessionellen Vorgaben der DFL-Mediziner entlarvt? Oder lassen sich damit keine seriösen Rückschlüsse auf einen Allgemeinzustand spätrömischer Dekadenz des Profifußballs selbst im Angesicht von Corona ziehen?

Werden die engmaschigen Tests, die Bundesligaprofis trotz Ausübung ihres Kontaktsports zur bestgeschützten Kohorte im ganzen Land machen, flächendeckend professionell durchgeführt? Ist die laienhafte Art und Weise, wie die Abstriche in Berlin genommen wurden, die Ausnahme oder die Regel?

Wie ehrlich sind die Klubs?

Wir wissen es nicht. Wir können trotz angekündigter stichprobenartiger behördlicher Kontrollen nur vertrauen oder nicht. Das gilt erst recht für die Gesundheitsämter, die im Ernstfall unter hohem Zeitdruck (wenige Stunden vor Spielbeginn) über das Ausmaß der Quarantänemaßnahmen zu entscheiden haben. Wie ehrlich werden sie von den Klubs in Kenntnis gesetzt darüber, wie nah ein Physiotherapeut wie vielen Spielern in welchen Umständen zu welchem Zeitpunkt gekommen ist? Wie diszipliniert sind Abstandregeln tatsächlich eingehalten worden?

Kabinen sind auch für die Behörden eine Black Box. Es gibt keine unabhängigen Kontrollinstanzen. Aber es gibt Reihentests über viele Wochen hinweg, die eine Minimierung des Ansteckungsrisikos gewährleisten.

Und die bereits spektakuläre, von der Wissenschaft noch genauer zu betrachtende Zwischenergebnisse gebracht haben. Zwar sind die getesteten 1724 Profis, Trainer und Betreuer, von denen zehn (gleich 0,58 Prozent) positiv waren, keine komplett repräsentative Stichprobe. Aber bei aller Vorsicht könnte aus dieser deutschlandweiten Testreihe abgelesen werden, dass aktuell nicht nur gut 30.000 Menschen am neuartigen Coronavirus erkrankt sind (Infizierte minus Genesene minus Verstorbene), wie das Robert-Koch-Institut anhand von symptomatischen Personen ermittelt, sondern in Wahrheit rund 480.000 Personen. Also rund das 15-fache der offiziellen Fallzahlen.

Das medizinische DFL-Konzept sieht zudem mehrfache Antikörpertests vor, die inzwischen soweit entwickelt sind, dass sie den Nachweis einer überstandenen Covid-19-Erkrankung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erbringen, Eine solche überregionale Reihenuntersuchung gilt als wissenschaftlich hochinteressant. Es sollte also in der aufgeheizten gesellschaftspolitischen Debatte nicht unterschlagen werden, dass das allenfalls noch glimmende Lagerfeuer der Nation durch eng getaktete Testungen in Rachen und Blut zur gesundheitspolitischen Aufklärung beitragen dürfte. Und damit zu einem neuem Flackern.

Von Jan Christian Müller

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