Dopa-B_112035
+
Die Frontmänner: Jörg Wontorra, Thomas Helmer und Rudi Brückner.

TV-Stammtisch

Fußballfolklore für einen großen Freundeskreis

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
    schließen
  • Günter Klein
    Günter Klein
    schließen

Der Stammtisch „Doppelpass“ feiert sich am Sonntag mit einer Jubiläumssendung zum 25. Geburtstag. Als Stargast kommt Uli Hoeneß. In Zukunft soll es weiblicher werden.

Zum 25. Ehrentag bekommt der Doppelpass von der Fußball-Stammtischkonkurrenz keine Blumen, sondern bald einen Sendeplatz als Konter auf die Kultsendung. Sky 90 tritt künftig mit dem bewährten Moderator Patrick Wasserziehr aus dem Studio im nahen Ismaning gegen Thomas Helmer aus dem Flughafenhotel am Münchner Airport an. Schon einmal hat Ex-Nationalspieler Helmer eine Attacke aus dem Hause Sky erfolgreich abgewehrt. Jörg Wontorra, ausgerechnet Helmers Vorgänger im Doppelpass, schaffte es trotz seiner unbestreitbaren journalistischen Kompetenz nicht, beim etablierten Stammtisch mit dem Phrasenschwein für einen nennenswerten Zuschauerschwund zu sorgen. Der Unterhaltungsfaktor mit Talkmaster Helmer erwies sich als unschlagbar.

Nach einem Vierteljahrhundert ist der „Dopa“ als Fußballfolklore für Fortgeschrittene längst Kult. Die coronabedingte Zwischenlösung aus einem schmucklosen Studio hinterm Flughafen auf dem platten Land ohne aktuellen Fußball sorgte im Frühjahr für einen Rückschlag, aber der Doppelpass bleibt auch im Bundesliga-Krisenmodus unempfindlich. Zu groß ist der Freundeskreis, der regelmäßig sonntags zwischen 11 und 13 Uhr auf mehr als eine Million TV-Zuschauer anwächst. Ein Quotenhit für den Sender Sport1. So soll es bleiben.

Abschied im Mai 2011: Udo Lattek wird beklatscht.

Rudi Brückner, neun Jahre lang der erste Gastgeber und gemeinsam mit Doppelpass-Ideengeber Kai Blasberg und dem langjährigen leitenden Redakteur Jörg Krause Miterfinder des berühmten Phrasenschweins, darf getrost für sich in Anspruch nehmen, den legendärsten Auftritt eines Gastes im Doppelpass moderiert zu haben. Am 18. August 2002 formulierte Robert Wieschemann, der im vergangenen Jahr verstorbene Ex-Aufsichtsratschef des damaligen Erstligisten 1. FC Kaiserslautern, den berühmtesten Satz im Vierteljahrhundert Doppelpass: „Wir haben ein Defizit an Durchblick!“ Wieschemann wurde seinerzeit verlacht, aber er hatte, Ironie der Geschichte, geradezu seherische Fähigkeiten: Der Mangel an Durchblick hat den FCK längst in die Dritte Liga befördert.

Unvergessen ist auch der Auftritt von Uli Hoeneß, am Sonntag Stargast in der Jubiläumssendung, als dieser seinen Ärger über den notorischen Kritiker Lothar Matthäus im November 2002 profund verbalisierte: „So lange ich und der Kalle Rummenigge etwas zu sagen haben, wird der nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion.“ So ist es dann auch gekommen.

Die besten Sprüche aus 25 Jahren „Doppelpass“

„Mario hat wirklich einen fantastischen Spannstoß gehabt. Wenn sein Gehirn genauso entwickelt wäre wie sein rechter Fuß, dann wäre das großartig.“ - Dieter Hoeneß über Mario Basler „Die Spieler bestimmen, was gemacht wird. Wenn wir die ganze Woche in der Nase bohren und den Gegner schlagen, dann bohren wir nur noch in der Nase.“ - Felix Magath „Sie könnten ja auch mal die Frage stellen, ob hier der richtige Moderator am Tisch sitzt.“ - Rudi Assauer zu Rudi Brückner „Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft.“ - Udo Lattek „Ich weiß nicht, wo Sie schon überall gearbeitet haben. Ist der Doppelpass Ihre letzte Chance?“ - Ewald Lienen zu Rudi Brückner „Mit Tradition kannst du keine Lampen anmachen. Einen Pierre-Emerick Aubameyang kannst du nicht mit Tradition bezahlen. Der will Asche sehen – sonst ist er weg.“ - Reiner Calmund „Ich habe früher mit vier Bänderrissen gespielt. Heute haben sie eine Schambeinentzündung – das habe ich mir früher höchstens mal im Urlaub geholt.“ - Mario Basler (Zitate aus „Doppelpass - Geschichten rund um die Kultsendung“, Verlag Die Werkstatt

Großartig verändert hat sich das TV-Stammtisch-Format mit der Zeit nicht. Konzept: Moderator, Journalisten, ein oder zwei Klubvertreter, ein Experte. Udo Lattek, Anfang 2015 verstorben, war der erste und der prägendste. Heute noch geht die Runde nach der Sendung nebenan ans Hotelbüffet, der „Doppelpass“ hat immer den selben Tisch hinten links reserviert. Lattek bestellte stets gut gelaunt Weißwürste. Irgendwann standen die Würste immer schon da.

Das Deutsche Sportfernsehen, die Heimat des „Dopa“, benannte sich von DSF in Sport1 um, Sponsoren, die im Namen der Sendung berücksichtigt wurden, wechselten, es wird (inzwischen alkoholfreies) Bier getrunken (oder so getan, als ob), es gab nur drei Moderatoren (nach Brückner kam Wontorra, dem 2015 Helmer folgte). Zwischenzeitlich wurde der heilige Ernst des Talks mit dem eigenwilligen Humor der Komödianten Matze Knop oder Oliver Pocher garniert. Nicht jedermanns Sache, aber der Quote nicht abträglich.

Ohnehin ist man in der Regel freundlicher zueinander im „Doppelpass“ als abends bei Anne Will in der ARD. Brückner und Wontorra hatten sichtlich mehr Spaß am Gegeneinander als Kumpeltyp Helmer. Natürlich hatte Uli Hoeneß (siehe vorne) ein paar fulminante Auftritte, auch Udo Lattek selig hielt mit seinem Furor nicht hinter dem Berg. Der Alt-Trainer hatte aber eh eine Sonderstellung. Ihm war keiner böse, dass er in der halben Stunde vor der Sendung in der Maske die Journalisten geschickt zu deren Fachgebiet, ihrem jeweiligen Verein, aushorchte – und es dann als sein Wissen und seine Erkenntnis in die Runde warf.

Der „Doppelpass“ ist das Filetstück von Sport1, das im Kampf um millionenschwere Livesportrechte einen schweren Stand hat. Als Talksender sind die Unterföhringer jedoch unanfechtbar. Die Fans sind ihm treu. Obwohl er ja regelmäßig hingebungsvoll kritisiert wird. Zu FC-Bayern-lastig, zu oberflächlich, zu oft die „Bild“ in der Runde vertreten, Helmer lasse Gäste nicht ausreden, verliere sich in Geschichten vom Früher und Damals und scherze harte Debatten zur Unzeit weg. Und wenn Reiner Calmund eingeladen ist und sich in einen der Sessel quetscht, komme kein anderer zu Wort. Die Folklore gehört zum Doppelpass wie das ungnädige Filetieren von Fehlentscheidungen vermeintlich unfähiger Referees. Mario Basler, vorgeblich Experte, tut sich nicht nur beim Kommentieren der Superzeitlupen verbal besonders krass hervor.

Trotzdem oder gerade deshalb: Der „Doppelpass“ funktioniert, er ist aktuell, er bestimmt die Nachrichtenlage im Fußball, das wissen die geladenen Gäste und nutzen es. Und wenn wirklich wenig los war, wird in den sozialen Medien halt diskutiert, warum Wortakrobat Marcel Reif, anders als der gesellige Vorgänger Lattek nach Sendeschluss stets schnell verschwunden, auch im Februar keine Socken in den Slippern trägt.

Ein wenig wandeln will der „Doppelpass“ sich trotz seiner Quotenerfolge. Der neue Sport1-Chefredakteur Pit Gottschalk, ein Zeitungsmann, früher Chef der „Sportbild“ und zuletzt bei der „WAZ“ in Essen, hätte gerne wieder etwas mehr Fachlichkeit als Show, der Stammtisch soll überdies weiblicher werden. Jörg Wontorra hatte die bis auf wenige Ausnahmen jahrzehntelang gezielt gewählte Abwesenheit von Frauen in der Runde noch so erklärt: Die Männer würden dann zu sehr antichambrieren und verlören so ihren Biss.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare