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Deutsche Fans zünden Pyrotechnik während des Spiels.
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Deutsche Fans zünden Pyrotechnik während des Spiels.

WM-Qualifikationsspiel in Prag

Fußballer distanzieren sich von Pöbel-Fans

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die deutschen Nationalspieler reagieren verärgert auf rund 200 deutsche Krawallmacher in Prag. Mats Hummels spricht angesichts der Nazi-Parolen von einer "Katastrophe".

Deutsche Fußball-Nationalspieler haben sich, angeführt von Matchwinner Mats Hummels, sehr deutlich gegen pöbelnde Besucher aus Deutschland gewandt, die beim 2:1-Sieg des DFB-Teams beim WM-Qualifikationsspiel in Prag am Freitagabend mehrfach negativ aufgefallen waren. „So einen Schmarrn brauchen wir auf gar keinen Fall bei unseren Spielen“, sagte Hummels und bezeichnete das Verhalten der zwar zahlenmäßig übersichtlichen, gleichwohl lautstärksten Gruppe deutscher Fans als „Katastrophe“ und „ganz schlimm“.

Schon während der tschechischen Hymne und einer Schweigeminute für zwei verstorbene tschechische Fußballfunktionäre waren etwa 200 deutsche Anhänger unangenehm aufgefallen. Sie stimmten zeitgleich Schlachtrufe und Pöbelgesänge an. Durchaus möglich, dass es sich bei den Krakeelern um Gewalttäter der schwersten Kategorie C handelt, die in deutschen Arenen Stadionverbote haben. Später beschimpften sie den deutschen Torschützen zum 1:0, Timo Werner, lautstark als „Sohn einer Hure“ und einigten sich mehrfach lautstark auf die inzwischen zur Genüge bekannten Beschimpfungen des Deutschen Fußball-Bundes: „Scheiß DFB“ und „Fußballmafia DFB“. Zudem war ein Wechselgesang aus „Sieg“ und „Heil“ zu hören.

Mats Hummels geht in die verbale Offensive

Die deutschen Spieler lehnten es angesichts der verbalen Geschmacklosigkeiten in einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg unter den Nazis sehr gelitten hat, nach dem Schlusspfiff geschlossen ab, sich zur Fankurve zu begeben, in der die Minderheit der aggressiven Störer den Ton angab. „Das sind keine Fans, das sind Krawallmacher, Hooligans, die nichts mit Fußballfans zutun haben“, sagte Hummels: „Deren Verhalten war so weit daneben, dass es bei uns schnell klar war, dass wir da nicht hingehen. Tut uns leid für die, die das nicht gerufen haben.“

Der Abwehrchef ging in die verbale Offensive: „Die Leute, die rufen, dass gewisse Institutionen den Fußball kaputt machen, machen ihn am Ende selber kaputt. Das machen sie wissentlich. Wir müssen zusehen, dass wir solche Leute aus dem Stadion rauskriegen.“ Mitspieler Julian Brandt argumentierte ähnlich deutlich: „Wenn da Gesänge mit nationalsozialistischem Hintergrund zu hören sind, gibt es für uns keinen Grund, da noch hinzugehen und das zu unterstützen.“

Friedrich Curtius, der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes, begrüßte es am Samstag im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau ausdrücklich als „konsequent und richtig, dass unsere Mannschaft deutliche und bemerkenswerte Signale an diejenigen ausgesendet hat, die niemand im Stadion haben will.“ Es sei „völlig inakzeptabel, die Hymnen und eine Schweigeminute durch Schmähgesänge zu stören.“ Teammanager Oliver Bierhoff hatte das Thema am Vorabend noch kleinhalten wollen und den anwesenden Reportern geraten: „Ich würde einfach mal vorschlagen, dass wir nicht mehr drüber schreiben.“ Bundestrainer Joachim Löw wollte von alldem nichts mitbekommen haben. Entsprechend äußerte er sich jedenfalls in der Pressekonferenz nach Spielschluss.

DFB-Präsident Reinhard Grindel, der in Prag wie Curtius vor Ort war und die Gesänge sehr wohl vernommen hatte, meldete sich am Samstag via Facebook: „Es sei „ein klares Signal, das die Mannschaft da ausgesendet hat.“ Der Verbandschef, der sich derzeit vehement um eine Annäherung an die Fanszene müht, ergänzte: „Wir werden niemals faschistische, rassistische, beleidigende oder homophobe Schlachtrufe dulden. Gemeinsam – als Mannschaft, Fans und DFB – müssen wir uns diesen Krawallmachern entgegenstellen.“

Deutsche Hooligans überrennen Ordnungskräfte

Beim DFB war bekannt gewesen, dass mutmaßlich Störer vor allem aus östlichen Bundesländern sich nach Prag aufmachen würden. Diese Klientel hatte sich die Eintrittskarten entweder im Internet besorgt oder war ohne Ticket in die Edenarena gelangt. Vor dem Spiel war es nach FR-Informationen sogar zu einem Blocksturm gekommen. Mehrere Dutzend Hooligans aus Deutschland hatten die überforderten tschechischen Ordnungskräfte einfach überrannt, dabei Gitter eingedrückt und schon im Umlauf des Stadions Pyrotechnik gezündet. Offenbar handelte es sich dabei um Schägertrupps aus Dresden, aber auch aus Köln und Hannover.

Der DFB, der in Prag mit zehn Ordnungskräften vor Ort war, ist bemüht, derartige Exzesse zu vermeiden, indem er Eintrittskarten an die eigenen Fans nur über ein personalisiertes Voucher-System verteilt. Auf diesem Weg waren exakt 1289 Tickets verkauft worden. Weil die Partie aber bei weitem nicht ausverkauft war, konnten Fans völlig problemlos über andere Kanäle an Karten kommen. Generalsekretär Curtius ärgert das ganz grundsätzlich: „Damit wird jedes Sicherheitssystem ad absurdum geführt.“ Er fordert bei internationalen Spielen „für Gästefans eine konsequente Personalisierung der Eintrittskarten“ und will das Thema in dieser Woche als neues Mitglied der zuständigen Uefa-Kommission ansprechen.

Im Zentrum Prags bleibt es ruhig

Im Gegensatz zum EM-Qualifikationsspiel vor zehn Jahren, als es auch in der Prager Innenstadt zu massiven Ausschreitungen deutscher Hooligans gekommen war, blieb es am völlig verregneten Freitag immerhin ruhig im Zentrum der tschechischen Hauptstadt. Bereits in den Tagen vor dem Spiel hatte die Dresdner Polizei sogenannte Gefährderanschreiben verfasst. 27 Männer aus der gewalttätigen oder gewaltbereiten Szene von Dynamo Dresden im Alter zwischen 20 und 35 Jahren waren deshalb von Beamten persönlich aufgesucht worden.

Es handelte sich dabei um Leute, denen die Bundespolizei bereits während der Euro 2016 die Ausreise verweigert hatte oder die bei Ausschreitungen in Lille mit einer Reichskriegsflagge posiert hatten. „Die Gefährderanschreiben sollen die Personen von Straftaten abhalten“, hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei, die „aufgrund der örtlichen Nähe zur tschechischen Hauptstadt von einer Anreise gewaltbereiter Fußballfans aus Dresden und Umgebung“ ausgegangen war. Eine offenbar realistische Einschätzung, die der Leipziger Stürmer Timo Werner angesichts der Pöbeleien gegen seine Person so kommentierte: „Man weiß ja, was hier ungefähr in der Nähe liegt von Prag. Also kann man sich das seinen Teil denken. Das hat wahrscheinlich nicht viel mit meiner Person zu tun, sondern mit dem Konkurrenzkampf.“

Eine flächendeckende Überwachung der Straßen von Dresden nach Prag ist der Polizei nicht möglich gewesen, für notorische Gewalttäter gab es viele Schlupflöcher, zudem haben weder DFB noch deutsche Polizei die Möglichkeit, in Tschechien Ermittlungen gegen die diejenigen voranzutreiben, die sich in der Edenarena gravierend danebenbenommen haben.

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