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Drei Katari gegen einen Libanesen: Im ersten Gruppenspiel gewann der WM-Gastgeber 2022 mit 2:0.

Asienmeisterschaft

Fußball in Zeiten der Blockade

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Ein Fußballspiel mit politischer Brisanz: WM-Gastgeber Katar trifft bei der Asienmeisterschaft auf den Widersacher Saudi-Arabien.

Es ist ein Fußballspiel mit höchster sportpolitischer Brisanz. An diesem Donnerstag trifft das Nationalteam Katars bei der Asienmeisterschaft auf Saudi-Arabien.  Austragungsort ist Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Im Juni 2017 verhängte Saudi-Arabien eine Blockade über Katar. Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate schlossen sich an und setzten ihre diplomatischen Beziehungen mit Katar aus. Es ist der Fußball, der Katar nach 19 Monaten wieder eine öffentliche Bühne in der Region bietet.

Der arabische Fernsehsender Al Jazeera aus Katars Hauptstadt Doha vermeldete, dass ein Fußballfunktionär und einige Journalisten aus Katar zunächst nicht in die Emirate einreisen durften. Die Mannschaft Katars musste auf dem kurzen Reiseweg in Kuwait zwischenlanden, da direkte Flüge ausgesetzt sind.

„Die Katarer betrachten Sportveranstaltungen als eine Art Lebensversicherung“, sagt der Politikwissenschaftler Danyel Reiche von der Amerikanischen Universität Beirut und erinnert an 1990. Damals marschierte der übermächtige Irak in das kleine Kuwait ein, die USA mussten zur Befreiung anrücken. Reiche: „Die Katarer möchten durch Sport so stark wahrgenommen werden, dass ihnen so etwas nicht passiert.“

David gegen Goliath 

Die Fläche Saudi-Arabiens ist 200 Mal so groß wie die von Katar, die des Iran 150 Mal. Katar hat die zweitkleinste Armee im Mittleren Osten, mit 12 000 Soldaten. Saudi-Arabien und Iran verfügen jeweils über mehr als 500 000 Streitkräfte. Katar beherbergt eine der größten Militärbasen der USA, doch das muss in Zeiten der unberechenbaren Politik Donald Trumps nicht von Dauer sein. Daher investiert das Emirat in „Soft Power“, eine Strategie, die nicht auf militärische Maßnahmen setzt, sondern auf einen Kulturaustausch. Dazu gehören neben der WM 2022 viele andere Sportereignisse, auch der Kauf von Paris Saint-Germain oder der Sponsoreneinstieg beim FC Barcelona und beim FC Bayern.

Innenpolitisch wurden Weltmeisterschaften als Symbol für gesellschaftliche Einigkeit gedeutet, in Südafrika, Brasilien oder Russland. In Katar ist das anders: Von den zweieinhalb Millionen Einwohnern haben nur rund zehn Prozent einen katarischen Pass. In Bildung oder Gesundheitsvorsorge genießen Staatsbürger Privilegien, ihr Pro-Kopf-Einkommen ist eines der höchsten weltweit. Viele von ihnen fürchten, dass die Debatten rund um die WM ihr Land zu sehr liberalisieren könnten, sagt der ARD-Journalist Florian Bauer, der mehrfach in Katar recherchiert hat.

Katar buhlt um Anerkennung im Westen  

Vor kurzem wurden in Katar die Alkoholpreise durch neue Steuern massiv erhöht. Ein Zugeständnis an konservative Kreise, denn nur in mit innenpolitischer Stabilität lässt sich außenpolitische „Soft Power“ vorantreiben. Ob Frauenrechte, Arbeitsbedingungen oder Pressefreiheit: Die katarische Monarchie muss Fortschritte vorweisen, wenn sie von der westlichen Welt anerkannt werden will.

Doch größere Reformen könnten konservativere Nachbarn wie Saudi-Arabien, Iran oder Bahrain unter Zugzwang bringen. Sportdiplomatisch sind in der Golfregion nur die Vereinigten Arabischen Emirate ähnlich aktiv: mit dem Kauf von Manchester City, mit Beteiligungen bei anderen Klubs sowie mit Sponsorenpartnerschaften ihrer Fluglinie Emirates. Saudi-Arabien konnte dem wenig entgegensetzen. Die Reformagenda des Kronprinzen Mohammed bin Salman erweiterte das Sportangebot für Frauen. Die Rennserie der Formula E ist zu Gast. Auch Fußball-Investments wurden ins Auge gefasst, doch manchmal scheiterten sie, so wie vor kurzem in Kairo, als ägyptische Fans lautstark gegen den Einfluss aus Riad protestierten. Der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggil ließ potenzielle Partner auf Distanz gehen. 

Infantino schielt auf die arabischen Dollars

So dürften die Pläne von Gianni Infantino unrealistisch bleiben. Der Fifa-Boss möchte mit einem ominösen Angebot von 25 Milliarden Dollar aus Saudi-Arabien neue Wettbewerbe schaffen. Überdies wünscht er sich für 2022 eine WM mit 48 statt 32 Mannschaften. Aus Mangel an Stadien bräuchte Katar Unterstützung aus der Nachbarschaft. Angesichts der Spannungen wird das schwierig. Die letzten Panarabischen Spiele fanden 2011 in Doha statt, seitdem konnte sich die Region nicht auf einen Gastgeber einigen.

Das kleine Katar könnte ein wichtiger außenpolitischer Vermittler sein. Mit Kontakten zu den USA, Großbritannien und Frankreich, drei ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates, aber auch mit Beziehungen zu Israel, Palästina und Iran. Das Emirat hat sich mit neuen Transportwegen für Lebensmittel auf die Blockade eingestellt. Sportlich läuft es bei der Asienmeisterschaft passabel. Die Mannschaft hat ein Durchschnittsalter von 24 Jahren. Die Bilanz nach zwei Spielen: Zwei Siege und 8:0 Tore. „Unsere Spieler sind sich der Situation bewusst“, sagte Félix Sánches, der spanische Trainer Katars. „Ich bin überzeugt, dass sie sich auf den Sport konzentrieren und alles andere ausblenden können.“

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