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Philosoph über Katar-WM: Im Profi-Fußball kann man fast alles mit Geld regeln

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Von: Nico-Marius Schmitz

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„Für den Grundsatz, dass Geld allein keine Tore schießt, wird es immer enger“, meint Sportphilosoph Volker Schürmann.
„Für den Grundsatz, dass Geld allein keine Tore schießt, wird es immer enger“, meint Sportphilosoph Volker Schürmann. © imago (Montage)

„Ändert es etwas, ob ich die WM schaue oder es bleiben lasse?“ Im Interview spricht Sport-Philosoph Volker Schürmann über das Katar-Dilemma.

München – Volker Schürmann (62) arbeitet als Professor für Sportphilosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Interview mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA erklärt Schürmann, warum man mit der Frage „Darf ich das schauen?“ gleich verloren hat.

Herr Schürmann, Sport und Moral – sind das zwei Begriffe, die Sie miteinander in Verbindung bringen würden?

Ja, selbstverständlich. Man kann nicht Sport betreiben, ihm zuschauen, über ihn berichten, ohne sich dazu zu verhalten. Also wertet man, wenn man das tut, und die schlechteste Moral ist, das nicht wahrhaben zu wollen. Ich habe allerdings große Vorbehalte gegen das Wort Moral für diese wertende Dimension. Das Wort legt nahe, dass es ein individuelles Problem ist, was es nicht ist. Ein individuelles schlechtes Gewissen, oder die individuelle Beruhigung eines schlechten Gewissens ist eine schlechte Handlungsorientierung, weil sie alles so belässt, wie es ist.

Die WM in Katar erhitzt die Gemüter. Uli Hoeneß fragte Katar-Kritiker Andreas Rettig, ob er lieber im Winter kalt dusche und auf das Gas verzichte und nannte Rettig den „König der Scheinheiligen“. Ist das wirklich scheinheilig?

Ach, muss man dazu ernsthaft etwas sagen? Für all die Energie, die nötig ist, um die Stadien zu kühlen und um all die Fans im Pendelflugverkehr in die Stadien zu karren, muss eine alte Frau lange stricken, wie man im Ruhrgebiet sagt. Die Frage von Hoeneß setzt einem satten Deutschen den Heiligenschein des Narzissmus auf. Vielleicht sollte er mal im nächsten Winter nach Kiew fahren, damit er mitreden kann, wenn es um kaltes Duschen geht.

FIFA-Präsident Gianni Infantino forderte die WM-Teilnehmer auf, sie mögen sich doch bitte aus allen ideologischen und politischen Diskussionen raushalten. Kann sich der Sport mit seiner umfassenden Reichweite und gesellschaftlicher Verantwortung aus so einer Diskussion überhaupt raushalten?

Auch das ist eigentlich heutzutage keinen Kommentar mehr wert. IOC und FIFA stehen offensiv für eine Rückkehr in den Feudalismus. Es ist der Grundsatz von Patronen: Wir machen das schon, selbstredend nach unseren Maßstäben, und die Untergebenen sollen sich gefälligst raushalten. Das Beunruhigende ist, dass das verfängt. Trump hat damals die Wahl gewonnen, weil er sich damit gebrüstet hat, Frauen in den Schritt zu fassen.

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„Hier kommen Moral und der feudale Gestus zusammen“

DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff hat gesagt, das Team soll sich in Katar „auf den Sport konzentrieren können“. Sollten sich Fußballer, als Vorbilder für viele Fans, nicht verstärkt Haltung zu gesellschaftlichen Themen beziehen?

Hier kommt beides zusammen: Die oben genannte schlechte Moral, die so tut, als könne man Sport treiben, ohne sich zu ihm zu verhalten; und der feudale Gestus, die Leibeigenen mögen ihren Job erledigen und sich nicht um ihre Arbeitsbedingungen kümmern. Man muss nicht Vorbild sein, um das nicht überzeugend zu finden. Mündigkeit ist sicher etwas Anderes, als dass der Vorgesetzte gönnerhaft zugesteht, sich nach getaner Arbeit auch mal anderen Aspekten der Arbeit widmen zu dürfen, wie Bierhoff seinen Aufruf zur Konzentration ergänzt hat.

Die WM in Katar zeigt einmal mehr: Geld kann alles regeln. Kann man den Sport vor lauter Kommerz und Eventcharakter noch schützen?

Was die Olympischen Spiele und den Profimännerfußball angeht, bin ich da pessimistisch. Hier wird es für den Grundsatz, dass Geld allein keine Tore schießt, in der Tat immer enger. Es schwingt eine Menge Selbstironie mit, wenn ich Freiburg, Union Berlin oder Frankfurt aktuell als Gegenbeispiele hochhalte. Aber zum Glück ist das ja nicht der Sport. Andere Sportverbände beklagen sich häufig, medial nicht so vertreten zu sein wie der Männerfußball. Vielleicht sollten sie froh darum sein.

Philosoph über Katar-Dilemma: „Ändert es etwas, ob ich schaue oder es bleiben lasse?“

Viele begeisterte Fußball-Fans zwingt die Katar-WM in ein Dilemma. Ist es richtig, die Spiele zu schauen, obwohl für die WM tausende Gastarbeiter sterben mussten? Bietet die Philosophie hier einen Lösungsansatz?

Ihre Frage transportiert, wogegen sich meine Vorbehalte richten. Die Frage „Darf ich das schauen?“ macht das Problem zu meinem individuellen. Dann aber habe ich schon verloren, denn dann wird es immer jemand geben, der mir eine Doppelmoral vorrechnet. Also kann ich es auch gleich lassen. Das ist eine Sackgasse. Gegenfrage: Ändert es etwas, ob ich schaue oder es bleiben lasse? Ändert es irgendwas am Unsinn des Individualverkehrs, wenn ich mir ein E-Auto kaufe, und mir die Arbeitsbedingungen beim Abbau der seltenen Erden herzlich egal sind? Fährt dann ein Bus mehr ins abgelegene Dorf? Ein Lösungsansatz ist, in der Zeit der WM nichts privatistisch zu tun. Wer als Zuschauer boykottiert, kann das in den Kneipen tun, die betont und öffentlich keine WM-Spiele zeigen: public nonviewing. Wem es den Spaß am Gucken immer noch nicht verdorben hat, der hat keinen Grund, sich das Gucken durch ein individuelles schlechtes Gewissen verderben zu lassen, auch wenn ich gestehe, dass man das dann nicht gut von Brot und Spiele unterscheiden kann. Der entscheidende Punkt ist sowieso, was nach der WM passiert. Nach aller Erfahrung ist zu befürchten, dass dann dort niemand mehr hinschaut. Das Dilemma quält nämlich nicht, wenn es bloß ein moralisches Dilemma war. Wer interessiert sich schon ernsthaft für schlechte Arbeitsbedingungen? Dazu reicht es nicht, sich von einem moralischen Dilemma treiben zu lassen; dazu müsste man eine politische Haltung entwickeln.

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