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Oliver Bierhoff.

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Bierhoffs fatale Botschaften - darum darf sich Deutschland keine Hauptrolle im Frauenfußball mehr erhoffen

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Fakt ist: Das öffentliche Interesse an der WM der Frauen steigt. Die TV-Quoten stoßen in vielen Ländern gerade in Dimensionen der Männer vor. Das ist am DFB-Direktor aber vorbeigegangen. Ein Kommentar.

Da sage noch einer, Deutschland spiele im Frauenfußball nur noch eine Nebenrolle. Zumindest in der Technischen Studiengruppe, die im Auftrag des Weltverbandes Fifa ihre Ergebnisse für die Frauen-WM 2019 vorstellte, gilt das bestimmt nicht. Nadine Keßler saß im Pressesaal des Stade de Lyon nicht nur in der Mitte, sondern die bei der Uefa angestellte ehemalige deutsche Nationalspielerin begründete ihre Ausführungen vorzüglich. Die 31-Jährige hat mehrere WM-Spiele inspiziert und analysiert: So wie sie früher beim VfL Wolfsburg und in der Nationalelf ein Spiel gestaltete, hat sie sich als Funktionärin strategische Fähigkeiten angeeignet. Keßler meinte, sie gehöre bestimmt nicht zu denjenigen, die immer sagen, früher war alles besser. Im Frauenfußball sei das Gegenteil der Fall.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hat die achte WM-Auflage im weiblichen Bereich als phänomenal, fantastisch und großartig wahrgenommen. Der dem Superlativ zugeneigte Schweizer kündigte weitere großzügige Finanzspritzen an: Die 500 Millionen Dollar in den nächsten vier Jahren für den Frauenfußball würden nur ein Anfang sein. Und man könne ihn darauf festnageln: Bei der Frauen-WM 2023 wird sich das Preisgeld von 50 Millionen Euro noch mal verdoppeln.

Was aber geschieht in Deutschland?

Interessant, was Infantino zum Vergabeprozess sagte; erst einmal soll geprüft werden, ob nicht 32 Teams in vier Jahren mitspielen (was natürlich sein Wunsch ist), dann werde einer von neun Bewerbern ausgewählt: Bolivien, Kolumbien und Brasilien, Australien und Neuseeland, Japan und Südkorea haben Interesse hinterlegt. Südkorea würde vielleicht sogar Nordkorea mit einbauen. Infantino hat die nächste Ausweitung nicht beiläufig ausgeplaudert.

Er kann damit Machtansprüche absichern und Entwicklungen vorantreiben. Fakt ist ja: Technik und Tempo, die Physis und die Athletik haben sich verbessert. Mit dem sportlichen Fortschritt steigert sich das öffentliche Interesse: Die TV-Quoten stoßen in vielen Ländern gerade in Dimensionen der Männern vor: Zuletzt haben in der Spitze 11,8 Millionen in England, fünf Millionen in den Niederlande eingeschaltet. Was aber geschieht in Deutschland? Dort mangelt es in vielen Bereichen an zielgerichteten Persönlichkeiten wie Keßler.

Auch Kim Kulig, die sich mit ihren 29 Jahren bei der zweiten Mannschaft des 1. FFC Frankfurt zu einer Trainerin von Format entwickeln möchte, wäre in diesem Zusammenhang zu nennen. Es ist eine müßige Frage, ob die deutsche Nationalmannschaft vergangene Woche beim Viertelfinalaus gegen Schweden (1:2) den erschreckenden Mangel an Mentalität offenbart hätte, wenn Keßler und Kulig das Gespann im defensiven Mittelfeld gebildet hätten. Wohl kaum!

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Es ehrt die ehemalige Weltfußballerin, das sie selbst nicht allzu tief in der offenen deutschen Wunde bohren will. Doch bezeichnend, dass eine am Freitag vor dem Infantino-Auftritt eingespielte Zusammenfassung von den WM-Höhepunkten nur eine einzige Sequenz mit deutscher Beteiligung führte. Statement des Sprechers beim schwedischen Siegtor: „Germany are out!“

Es liegt nun am Deutschen Fußball-Bund, was darauf als Antwort folgt. Es verstärkt sich der Eindruck nach bislang nur oberflächlicher Aufarbeitung, dass der neue Ist-Zustand viele Verantwortlichen gar nicht so sehr stört.

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Der eigentlich für Nationalmannschaften Frauen und Männer verantwortliche Direktor Oliver Bierhoff hat diesbezüglich diesen Sommer fatale Botschaften ausgesendet: Für ihn war das männliche U21-Nationalmannschaft wichtiger als das weibliche Nationalteam. Davon zeugten seine bevorzugte Präsenz oder seine aktuelle Aussagen. Damit hat der entscheidende Mann im DFB die Zeichen der Zeit nicht mitbekommen. Dann darf sich Deutschland aber auch keine Hauptrolle im Frauenfußball mehr erhoffen.

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