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Vier Sterne reichen ihm nicht: Oliver Bierhoff will den deutschen Fußball strategisch auf Vordermann bringen.

Digitalisierung im Fußball

Wenn die Nacht zum Tag wird

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Wie der Deutsche Fußball-Bund sich selbst, Klubs und Digitalexperten zum Nutzen des Fußballs vernetzt.

Wenn Oliver Bierhoff an seine aktive Karriere zurückdenkt und an so manchen auch mal missglückten Schuss im Training, dann könnte der ehemalige Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft fast ein bisschen schwermütig werden. Wird er aber dann doch nicht. Es waren halt andere Zeiten, vor allem war die Digitalisierung noch nicht so weit fortgeschritten. Bierhoff, mittlerweile 51 und noch bestens beieinander, sitzt in der ersten Reihe im Herzen des „Health Innovation Port“ der Firma Philips unweit des Hamburger Flughafens in einer Straße, die bezeichnenderweise Röntgenstraße heißt. In der letzten Reihe des überfüllten Raums hockt die Jury des erstmals vom Deutschen Fußball-Bund an Start-up-Unternehmen aus der Sportbranche vergebenen „Innovationspreises der DFB-Akademie“ . Teresa Enke, die Witwe des ehemaligen Nationaltorwarts Robert Enke, gehört unter anderem dazu, Tim Meyer, der Internist des DFB-Teams, und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher. Am Ende gewinnt eine junge Firma den ersten Preis, die eine intelligente App entwickelt hat, um Fußballspieler psychisch zu stärken.

In einer Vortragspause wird Oliver Bierhoff gefragt, welche der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse ihm geholfen hätten, damals, als er noch als Strafraumschreck herumlief. Seinerzeit, sagt der DFB-Direktor, hätte er es als hilfreich empfunden, wenn er beispielsweise beim Schusstraining „ein direktes, schnelles Feedback“ bekommen hätte, was schiefgelaufen ist beim letzten Schuss übers Tor. Möglicherweise hätte Rudi Völler ihn dann niemals später abschätzig als Ex-Spieler mit „Füßen aus Malta“ bezeichnen können.

Bierhoff stellt sich Fußballtraining künftig wissenschaftlicher vor: „So, wie Golfspieler schon lange genau analysieren, was an ihrer Schlägerhaltung nicht gestimmt hat.“ Im Fußball werden solche Techniken zur Soforthilfe erst noch entwickelt, der DFB will seinen Beitrag dazu künftig vermehrt zuführen. Deshalb fand mit dem niederländischen Technologiepartner, dessen Deutschland-Zentrale eben in der Hamburger Röntgenstraße beheimatet ist, die erste Innovationswoche statt.

Fußball-Analysten scannen jeden Antritt und jeden Stopp

Auch in Fragen der optimalen Regeneration fühlte sich Oliver Bierhoff zu aktiven Zeiten nicht optimal versorgt. Die Frage, wann ein Spieler nach einer Verletzung „wieder richtig Tempo gehen kann“, sei nach wie vor nicht präzise individuell beantwortet. Dabei könne wertvolle Zeit verloren gehen. „Ich denke, dass man da mit besseren Antworten zudem psychologische Barrieren ausschalten kann.“ Als er in den 1980er-Jahren mit dem Profifußball angefangen habe, „hatten wir gar nichts, was Belastungswerte anging, irgendwann haben wir immerhin die Herzfrequenz im Training gemessen.“ Mittlerweile, so DFB-Athletiktrainer Nicklas Dietrich, „tracken wir jeden Meter jedes Spielers in jedem Training, jeden Antritt und jede Stoppbewegung. Wir erstellen individuelle Profile der Spieler, um Belastungsgrenzen zu erkennen.“ Im Mittelpunkt stehe das „Well-Being“, zu deutsch: das Wohlbefinden der Profis, um Höchstleistungen zu erzielen. Mit der am Samstag zu Ende gehenden Innovationswoche will der DFB mit seiner neuen Akademie die Themen Medizin und Athletik, Datenanalyse sowie Talent- und Trainerentwicklung voranbringen.

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Akademiechef Tobias Haupt sitzt auf einem Sofa neben dem Leverkusener Sportchef Simon Rolfes im Philips-Campus und erklärt: „Wir gehen der Frage nach: Was muss sich verändern im deutschen Fußball, damit wir es zurück in die Weltspitze schaffen?“ Professor Haupt leitet die neue DFB-Akademie, seit 2018, hat mächtig Schwung reingebracht und sich in Hamburg mit Rolfes, dem HSV-Sportchef Jonas Boldt, dessen Leipziger Kollegen Markus Krösche und dem ehemaligen Hoffenheimer und Hamburger Nachwuchschef Bernard Peters getroffen. Gemeinsam denken sie im sogenannten „Think Tank“ (Denkfabrik) darüber nach: „Was können wir besser machen, um den neuen Kai Havertz zu entwickeln?“ Zum „Think Tank“-Team gehören auch die diesmal nicht anwesenden Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic, der Wolfsburger Jörg Schmadtke und Max Eberl aus Mönchengladbach. Simon Rolfes findet die DFB-Initiative gut: „Wir befinden uns in einem harten internationalen Wettbewerb. Da ist es gut, miteinander zu arbeiten und die Schlagkraft und Power des DFB zu nutzen.“ Zum aktuellen Meeting haben sie einen Experten von Google hinzugezogen, der ihnen mehr Mut zur Innovation geben soll.

Dabei geht es nicht um Elfenbeinturm-Wissen. Ziel der Wissenschaft, so Haupt, sei „ein praktischer Mehrwert für den Fußball“ und auch für den Bundestrainer Joachim Löw. Der ist ziemlich sicher, dass es „bei den kognitiven Fähigkeiten der Spieler noch Steigerungspotenzial gibt“. Es gehe um „Handlungsschnelligkeit“ und „richtige Entscheidungen“.

Gut möglich, dass ein sogenannter „Hackathon“ nach dem Niederlande-Spiel nützlich sein kann. Der DFB kooperiert dabei mit dem niederländischen Verband. Die Begegnung wird in einer datenbasierte Analyse von 35 Experten aus aller Welt in bislang unbekannter Tiefe erfasst, ausgewertet und aufgearbeitet. In der Nacht nach dem EM-Qualifikationsspiel im Hamburger Volksparkstadion arbeiteten die Analysten und IT-Experten praktisch durch, für kurze Powernaps waren eigens Feldbetten aufgestellt worden. Haupt: „Wir wollen aus Big Data Smart Data machen.“ Aus vielen Daten also kluge Daten. Klubs und Verband sollen daran gleichermaßen profitieren. Auf dass der deutsche Fußball, der viel verschlafen hat, in absehbarer Zeit mal wieder hart ans Tor der Weltspitze klopfen kann.

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