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Protest in Frankfurt: Beim Montagsspiel gegen RB Leipzig sorgten die Eintracht-Fans mit ihren Aktionen für bundesweites Aufsehen.
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Protest in Frankfurt: Beim Montagsspiel gegen RB Leipzig sorgten die Eintracht-Fans mit ihren Aktionen für bundesweites Aufsehen.

Bundesliga

Der Fußball verliert den Kontakt zur Basis

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Im deutschen Profifußball sind gefährliche Entfremdungsprozesse in Gange, die sich gerade immer häufiger in den Stadien ein Ventil suchen.

Vermutlich macht es sich am heutigen Dienstagabend eine ganze Heerschar von Berufsfußballern aus der Bundesliga auf dem heimischen Sofa bequem. Und beobachtet, was in einem Champions-League-Achtelfinale die mit am besten entlohnten Balltreter des Planeten anstellen. Paris St. Germain gegen Real Madrid, das steht ungeachtet des beweinten Fehlens von Superstar Neymar für großes Kino. „Dream bigger“ (Träume größer) ist der Schriftzug, der über dem Eingang zum Pariser Prinzenpark prangt. Was wiederum die Ausrichtung zweier Global Player beschreibt, die jeder auf seine Weise die Maßstäbe verrückt haben. Während die Franzosen dank ihrer katarischen Geldgeber vergangenen Sommer 400 Millionen Euro in den Markt gepumpt haben um endlich einmal in der Königsklasse zu reüssieren, haben die Spanier mit ihrer Galionsfigur Cristiano Ronaldo dreimal in vier Jahren den Henkelpott in ihren Händen gehalten. 

Der deutsche Beitrag zu dieser schillernden Europapokalwoche fällt eher bescheiden aus und findet ein, zwei Ebenen tiefer statt. RB Leipzig bestreitet am Donnerstag sein Europa-League-Achtelfinale gegen Zenit St. Petersburg, Borussia Dortmund begegnet Red Bull Salzburg. Diese Paarung schmeckt der schwarz-gelben Gemeinde noch schlechter als schales Bier vom Sponsor des königsblauen Erzfeindes. Schließlich wird das Gesamtkonstrukt unter dem Brausedach brüsk abgelehnt, und binnen sechs Tagen erst beim Hauptstandort in Leipzig und dann gegen die Filiale Salzburg antreten zu müssen, stellt die Fan-Seele vor eine harte Belastungsprobe. 

Kein gemeinsamer Fanschal

Der BVB wird erstmals keinen gemeinsamen Fanschal herausgeben. Wegen des Bullen-Logos im Vereinswappen. Schon vergangenen Samstagabend in der nach Leipzigs Geldgeber benannten Arena herrschte beinahe gespenstische Ruhe im Gästebereich, der stumm über sich ergehen ließ, dass ein skurriler Sprechgesang über ihn hinwegschwappte: Leipziger Fans riefen aus Sektor B „Rasenball“, Sektor D entgegnete mit „Sport“. Dabei ist der Begriff RasenballSport bei der Vereinsgründung doch nur erfunden worden, um die Initialen RB zu kaschieren.

Dortmund ist – genau wie Frankfurt – ein stellvertretender Schauplatz der Liga, an denen sich zuletzt – auf ganz unterschiedliche Weise – der Unmut gegen den neuen Spielplan entlud. Im Rückblick war es ungeschickt, ausgerechnet diese Vereine mit ihren stimmgewaltigen (Ultra-)Gruppierungen mit den ersten regulären Montagsspielen der Bundesliga-Geschichte zu konfrontieren. Auch der dritte Versuch zwischen dem SV Werder und 1. FC Köln (12. März) wird wohl zum Gute-Laune-Killer: Aus der Anhängerschaft beider Klubs kündigen sich diverse Verweigerungshaltungen an. Das Weserstadion wird zum nächsten Ort des Protestes.

Für die restlichen zwei der fünf vertraglich verankerten Montagsspiele war die Deutsche Fußball Liga (DFL) klüger: Bei RB Leipzig gegen Bayer Leverkusen (9. April) greift vielleicht wirklich das von Liga-Präsident Reinhard Rauball bemühte Argument, die Ansetzung „wegen der schutzwürdigen Interessen unser in der Europa League spielenden Vereine vorzunehmen“. Dafür dürfen die Sachsen aber nicht ausscheiden. Die letzte Begegnung dürfte kaum zur Großdemo taugen: FSV Mainz 05 versus SC Freiburg– das wird am 16. April schon irgendwie gutgehen.

Gleichwohl: Ein breiteres Publikumsband vom leidensfähigen Allesfahrer bis zum betuchten Logenbesucher ist von einer Mixtur aus Unzufriedenheit und Unbehagen befallen. Mal reicht die schiere Verzweiflung über die anhaltende sportliche Malaise – wie beim Hamburger SV – aus, dass Frust (und Gewalt) ins Stadion getragen wird. Mitunter sind es fast diffuse Ängste, die in den Aufstand münden. Das Grundgrummeln hat sich verstärkt. Der Ton wirkt schärfer, die Anlässe nichtiger, die Ablehnung größer. Und es nicht allein die Kommerzialisierung und Globalisierung, die im deutschen Profifußball gefährliche Entfremdungsprozesse in Gang gesetzt hat.

Zwei Welten scheinen sich voneinander zu entfernen: Auf der einen Seite floriert der deutsche Profifußball mit seinen mehr als vier Milliarden Euro Umsatz gut wie nie. Mehr als fünf Millionen Kunden haben Sky abonniert und seit Jahren strömen im Schnitt mehr als 40 000 Zuschauer pro Spiel in die Stadien. Auf der anderen kommen viele bei den exorbitant steigenden Ablösesummen, Spielergehältern und Beraterhonoraren nicht mehr hinterher, zumal der Fußball zwar am Bildschirm hochauflösender, aber im Stadion nicht unbedingt prickelnder geworden ist. Im Gegenteil. Ein Teil der Fußballinteressierten folgt widerwillig – und hat möglicherweise nur auf ein Ventil gewartet, um sein Missfallen auszudrücken. 

Die Vermarktung macht ja vor nichts mehr halt: Jeder Eckball, jede Gelbe Karte, jede Unterbrechung wird auf der Videowand von einer anderen Firma präsentiert. Sonst würde die Liga nicht ein Viertel ihrer Erlöse aus der Werbung generieren – gerade mal 15 Prozent kommen noch aus Zuschauereinnahmen. Gerade nun hat der SC Freiburg als letzter Bundesligist auch einen Ärmelsponsor an Land gezogen. Nicht mal die Bewahrer der letzten Ideale aus dem Breisgau können sich bei der Geschäftemacherei ausklammern. 

Wo ist die Schmerzgrenze?

Am Spielfeldrand flimmern die elektronischen Leuchtbanden so grell, dass Profis versehentlich den Ball zu imaginären Hunden oder Katzen passen, die am Rande über die Tafel huschen. Auf Youtube sind solche Szenen ein Hit, aber eigentlich auch ein Schreckensbild, wohin der Ball rollt. Ins Seitenaus. Die Frage stellt sich daher: Wo liegt irgendwann die Schmerzgrenze? 

Wenn die DFL am 22. März auf ihrer Mitgliederversammlung über den weiteren Diskussionsprozess beraten will, was mit der vor knapp 20 Jahren gegründeten 50+1-Regel geschehen soll – die das Stimmrecht beim Mutterverein verankert hat – dann geht es gerade auch um diese Frage. Wie weit reicht der lange Arm von Investoren, Gönnern, Mäzenen oder schlimmstenfalls sogar Spekulanten? 

Bis Ende des Jahres wird es für die Klärung der Grundsatzfrage brauchen. Die Zeit muss sein, denn dafür steht zu viel auf dem Spiel. Auch in Sachen Glaubwürdigkeit. Das Fachmagazin „Kicker“ widmet gerade eine mehrteilige Serie dem brisanten Thema, und an Warnungen wie von Robert Schäfer, Boss des Aufstiegsanwärters Fortuna Düsseldorf, fehlt es nicht: Bei einer Abschaffung von 50+1 würden die Vereine in zehn Jahren drei- bis viermal verkauft worden sein, die emotionale Bande zwischen Eigentümer und Verein für immer zerschlagen.

DFL-Chef Christian Seifert spürt die Schwingungen, die von der zügellosen Kapitalisierung in der Premier League bis in die Bundesliga geschwappt sind – und längst gilt seine Ansage, bloß nicht allem auf der Insel nacheifern zu wollen. Auch nicht beim Abschluss der nächsten Fernsehverträge. Dass in diesen ab 2021 der Montagabend als Ausweichtermin gar nicht mehr auftaucht, deutet sich an. Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke hat seine Bereitschaft ankündigt, auf Geld zu verzichten, um Fanwünschen entgegenzukommen. Nur besteht dann die Gefahr, dass Bundesliga-Profis Dienstagabend und Mittwochabend – mit Ausnahme der Bayern-Spieler – regelmäßig im Fernsehsessel sitzen, wenn die Champions League die K.o.-Runden spielt.

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