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Fußball trotz Bürgerkrieg

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Von: Ronny Blaschke

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Nutzt jede Gelegenheit für Botschaften gegen Israel: Jibril Rajoub, Präsident des Palästinensischen Fußballverbandes.
Nutzt jede Gelegenheit für Botschaften gegen Israel: Jibril Rajoub, Präsident des Palästinensischen Fußballverbandes. © afp

Das politische Spiel - der Fußball im Nahen Osten - Teil 5 In Syrien und Palästina nutzen Politiker und Funktionäre den Sport für ihre Bühne. Die Sportler geraten zwischen die Fronten.

In etlichen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens setzen Autokraten den Fußball zur Selbstbehauptung ein. In Syrien lässt Baschar al-Assad den Ligabetrieb trotz Bürgerkrieg seit 2011 in reduzierter Form weiterlaufen, zumindest in den vermeintlich sicheren Städten Damaskus und Latakia.

Damit möchte er Normalität simulieren. Zugleich kapert er den Sport fürs Militär. Stadien in Aleppo, Latakia oder Homs werden als Internierungslager oder Flüchtlingscamps genutzt. Aus dem Abbasiden-Stadion in Damaskus werden Raketen abgefeuert.

Mit zunehmender Kriegsdauer zeichnet sich der Fortbestand des syrischen Regimes ab. Der angesehene Fußballer Firas al-Khatib, der sich 2012 kämpferisch der Opposition angeschlossen hatte und aus dem syrischen Nationalteam zurücktrat, kehrt 2017 in die Auswahl zurück. Für viele Rebellen ist das Verrat. Andere reagieren verständnisvoll und spekulieren: Wurde die Familie von Khatib unter Druck gesetzt?

Assad, der vor dem Krieg nicht als Fußballfan bekannt war, lässt sich nun mit dem Nationalteam fotografieren. Er braucht internationale Investoren für den Wiederaufbau des Landes. Über die Fußballer, die gefoltert und getötet wurden, verliert er kein Wort.

Der Machthaber spricht öffentlich offenbar nur über Fußball, wenn er Souveränität ausstrahlen will. Zum Beispiel im Januar 2019, als die syrische Mannschaft trotz Krieg an der Asienmeisterschaft teilnimmt, dem wichtigsten Turnier des Kontinents. Gastgeber sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Zu den 24 teilnehmenden Nationen gehört auch Palästina, das von den UN nicht als Staat anerkannt wird, doch mit seinem Fußballverband seit 1998 Fifa-Mitglied ist. Für die Palästinenser: ein Zeichen der Staatlichkeit.

In Ramallah verkörpert diesen Anspruch kaum jemand besser als Jibril Rajoub, der Präsident des Palästinensischen Fußballverbandes. Als junger Mann hatte Rajoub für Angriffe auf israelische Soldaten im Gefängnis gesessen, später hielt er hohe Positionen im Sicherheitsapparat von Jassir Arafat. Seit Jahren nutzt Rajoub den Fußballverband für Botschaften gegen Israel. Er spricht von willkürlichen Kontrollen seiner Spieler und die Beschlagnahmung von Verbandsmaterial.

Mehrfach fordert Rajoub den Ausschluss Israels aus der Fifa und wehrt sich gegen Spiele israelischer Teams in Siedlungsgebieten. Doch er geht noch weiter: Im Juni 2018 plant Argentinien ein Testspiel gegen Israel in Jerusalem. Rajoub ruft dazu auf, Trikots des argentinischen Kapitäns Lionel Messi zu verbrennen. Das Spiel wird abgesagt, Rajoub von der Fifa für ein Jahr gesperrt.

In Israel genießt Jibril Rajoub für seinen kompromisslosen Kurs mitunter Respekt. Rund 20 Prozent der Israelis sind arabischer Herkunft, doch im Vergleich zur jüdischen Mehrheit fühlen sie sich oft diskriminiert. Erst recht, seitdem das Nationalstaatsgesetz von 2018 Israel als „nationale Heimstätte des jüdischen Volkes“ bezeichnet. Der Fußball bietet ein anderes Bild: In der Startelf des israelischen Nationalteams stehen mitunter sechs arabische Spieler, also mehr als die Hälfte.

Fragile Koexistenz

Aber dieses Symbol der Koexistenz ist fragil. Im Mai 2021 eskaliert die Lage im Gazastreifen, erneut kommt es zu Kämpfen zwischen der Hamas und dem israelischen Militär, rund 250 Menschen sterben. Munas Dabbur, aufgewachsen in Nazareth und einer der erfolgreichsten arabischstämmigen Nationalspieler Israels, veröffentlicht ein Foto der Al-Aqsa-Moschee, einer heiligen Stätte des Islam in Jerusalem.

Nationalistische Kräfte in Israel interpretieren das als Unterstützung der Hamas und fordern den Ausschluss von Dabbur aus der Nationalmannschaft. Einige Monate später wird er bei einem Heimspiel in Haifa von den eigenen Fans ausgebuht. Rechtsextreme Fans des Klubs Beitar Jerusalem rufen zu Gewalt gegen Araber auf. Im Juli dieses Jahres hat Dabbur genug und tritt aus dem Nationalteam zurück.

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