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Neuer und seine neuen Team-Kameraden. 

Fußball-Nationalmannschaft

Umbruch vollzogen, Stimmung gut

Die junge deutsche Nationalmannschaft scheint über ausreichend Talent, Inspiration und Tiefe zu verfügen, um bis zur EM-Endrunde 2020 eine stimmige Mischung zu finden. 

Fußballmannschaften, so sagt man, dokumentieren in ihrer Art zu spielen den Charakter ihres Trainers. Am Samstagabend in der futuristisch anmutenden Arena von Borissow schlug das deutsche Nationalteam Gastgeber Weißrussland 2:0 (1:0) und lieferte dabei eine unaufgeregte Vorstellung ab. Am Spielfeldrand verfolgte der Interims-Bundes-Jogi Marcus Sorg das EM-Qualifikationsspiel, na klar: unaufgeregt! Nach außen war dem guten Mann der Druck der großen Verantwortung in keine Phase anzusehen gewesen, und sicher war es dem 53-Jährigen auch entgegengekommen, dass seine Mannschaft bereits nach neun Minuten durch ein blitzsauber herausgespieltes Tor durch Leroy Sané in Führung gegangen war, ehe Marco Reus ebenso blitzsauber und ebenfalls mit links nach einer Stunde den 2:0-Endstand besorgte.

Es ist stark davon auszugehen, dass dieses Fußballspiel sich in Sorgs Hirn tiefer eingraben wird als ins kollektive nationale Gedächtnis. Dazu war das 100. EM-Qualifikationsspiel einer deutschen Nationalmannschaft dann doch zu sehr eine Routineangelegenheit. Die Deutschen lieferten seriöse Arbeit ab, und als seine Vorderleute ausnahmsweise mal nicht ganz bei der Sache waren, zeigte sich Kapitän Manuel Neuer von seiner besten Seite.

Neuer liefert Beweis seines Könnens 

Die lässige Balleroberung des Torwarts gegen den flinken weißrussischen Stürmer Juri Kowalew mitsamt anschließendem Dribbling und konstruktiven Durchsteckens des Balls durch die verdutzt pressenden Weißrussen hindurch zum Mitspieler dürfte zu den emotionalen Höhepunkten des schwülen Abends gezählt werden. Neuer lieferte damit den Beweis: Die fußballerische Klasse des 33-Jährigen ist auf dieser Position nach wie weltweit unerreicht. Für die deutsche Mannschaft in toto gilt das noch nicht, wenngleich die junge Truppe sich auf einem gescheiten Weg zu befinden scheint, zurück zu alter Stärke zu finden.

Diese relative Stärke fußt derzeit auf einer Dreier-Abwehrkette mit drei gelernten Innenverteidigern, eine Variante, die der auch am Dienstagabend (20.45 Uhr, RTL) in Mainz gegen Estland verletzt fehlende Bundestrainer Joachim Löw vor gar nicht allzu langer Zeit für Begegnungen gegen defensive und spielerisch heillos unterlegene Gegner wie Weißrussland noch rundheraus ausgeschlossen hatte. Denn es war dem 59-Jährigen stets überflüssig erschienen, gegen derart tief stehende Teams einen dritten Mann als zusätzliche Absicherung einzubauen und somit auf eine weitere Offensivkraft zu verzichten. Die unangenehmen Erfahrungen des vergangenen Sommers in Russland, als Deutschland vor allem beim WM-Auftaktspiel gegen Mexiko ohne Konterabsicherung agierte, ließ Löw umdenken. 

Sorg hatte alles im Griff

Auch im März beim 3:2-Sieg in den Niederlanden hatte das DFB-Team mit drei stämmigen Kerlen hinten agiert, diesmal trotz der offenkundigen Schwäche des Kontrahenten wieder. „Wir wollten der Mannschaft im System einen Halt geben“, erklärte Sorg, dem Löw bald nach Spielschluss am Telefon persönlich gratulierte. Während der Partie hatte es, wie von vornherein ausgemacht, keine Verbindung von der deutschen Bank zum Couchcoach Löw nach Freiburg gegeben. Sorg hatte ohnehin alles im Griff, wenngleich die von ihm in der Schlussphase eingewechselten Julian Draxler, Julian Brandt und Leon Goretzka dem Spiel keine zusätzliche Joker-Phantasie zu schenken vermochten.

Insgesamt kam die deutsche Mannschaft auf exakt 75 Prozent Ballbesitz und nahezu tausend Pässe, Zahlen, die weit über dem Schnitt liegen, Klare Torchancen gab es dennoch gegen extrem tief gestaffelte Weißrussen mit Ausnahme der beiden Tore, eines Schusses von Lukas Klostermann und eines Kopfballs von Sané nach Flanke des guten Matthias Ginter wenige. Es gibt also noch einige Ansätze zur Verbesserung, vor allem die Passhärte und Passgenauigkeit im letzten Dritte dürfte ein Thema bleiben. Die Tiefenläufe funktionierten über links (Nico Schulz) besser als über rechts, wo der Leipziger Klostermann den Vorzug gegenüber Thilo Kehrer bekommen hatte. Auffällig souverän agierte Niklas Süle als Abwehrchef. Auch einen letzten verzweifelten Konter der Weißrussen eliminierte der Münchner dank seiner Schnelligkeit und guten Zweikampftechnik.

Werner hat Stammplatz verloren 

Im Vergleich zum erfolgreichen Qualifikationsauftakt in Amsterdam spielte Jonathan Tah für den verletzten Antonio Rüdiger weitgehend ohne Fehl und Tadel, Ilkay Gündogan für den pausierenden Toni Kroos eher unauffällig, aber fast fehlerfrei, Klostermann für den in Paris zuletzt etwas außer Form geratenen Kehrer und der formstarke Marco Reus für Leon Goretzka.

Timo Werner und Kai Havertz blieben in Weißrussland ohne Einsatz, was vor allem für Werner eine Botschaft darstellt. Der Leipziger Stürmer, bei der WM noch unangefochten, aber schon in Holland nur auf der Bank, hat seinen Stammplatz verloren, Serge Gnabry und Sané sind derzeit erste Wahl.

Umbruch im Kader fast komplett vollzogen 

Der inzwischen bereits vollzogene Umbruch wird auch dadurch dokumentiert, dass kaum noch Spieler aus der Vergangenheit übriggeblieben sind. Als da wären: Aus der Startelf bei den Auftaktbegegnungen der WM 2014 und der EM 2016: nur Torwart Manuel Neuer; aus der Anfangsformation des ersten Spiels beim Confed-Cup 2017: lediglich Joshua Kimmich; aus der Startaufstellung der WM 2018 gegen Mexiko: Neuer und Kimmich; aus der Mannschaft, die nach der missratenen WM 2018 im ersten Spiel gegen Frankreich ein 0:0 ermauerte: Neuer, Ginter, Kimmich, Reus.

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Spiele wie jenes in Weißrussland können keine seriösen Aufschlüsse auf die Zukunft geben, wenngleich die nächste Generation über ausreichend Talent, Inspiration und Tiefe verfügen dürfte, um bei der EM 2020 eine ordentlich Rolle zu spielen. Die Stimmung im Team scheint, soweit sich das bei aller Vorsicht von außen interpretieren lässt, wieder besser als vor einem Jahr im russischen Teamquartier Watutinki. Und Mittwoch ist dann ja auch endlich Urlaub. Es drängt sich zunehmend der Verdacht auf, dass sie sich in dieser Gemütslage voneinander in die Sommerpause verabschieden werden: Umbruch vollzogen, Stimmung gut, und im September beim Wiedersehen in Hamburg vor dem Rückspiele gegen die Niederlande ist dann ja auch der Bundestrainer wieder mit von der Partie.

Autor: Jan Christian Müller 

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