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Wirbt um Geduld: DFB-Manager Oliver Bierhoff. 

Nationalmannschaft

Ohne Löw ins neue Jahr

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Das DFB-Team startet ohne Bundestrainer Löw ins Trainingsjahr 2019.

Es ist irgendwie vertrackt. Eigentlich hatte Joachim Löw vorgehabt, das neue Länderspieljahr 2019 nach dem heillos verkorksten 2018 mit jugendlichem Schwung anzugehen. Die ollen Stopper Hummels und Boateng sowie den voraussichtlich in die Jahre gekommenen rechten Läufer Müller hatte der Bundes-Jogi ja gerade noch zeitig aus dem Nationalteam aussortiert. Die drei alten Recken waren tatsächlich auch nicht einfach ungehörig nach Wolfsburg angereist, wo an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/RTL) ein nicht ganz unbedeutendes Testspiel gegen Serbien über die Bühne geht, sondern brav zu Hause geblieben.

Dummerweise fehlte bei der Zählung im feinen Hotel Ritz-Carlton am Montagmittag dann aber doch jemand. Und zwar jemand ganz Besonderes: Ausgerechnet der Chef musste seine Ankunft in der von einem hässlich verfrühten Aprilwetter heimgesuchten niedersächsischen Automobil-Metropole verschieben. Joachim Löw schmerzte außerordentlich hartnäckig ein Backenzahn, eine Operation am Wochenende war unumgänglich, mitsamt notwendiger montäglicher Nachsorgeuntersuchung. Ergo fand die erste Mannschaftssitzung des neuen Jahres, ebenso wie die erste Übungseinheit am Nachmittag, unter Vorsitz von Löws Assistent Marcus Sorg statt.

Dabei durften 1500 Menschen zuschauen, die der DFB gemeinsam mit seinem neuen Partner Volkswagen eingeladen hatte, getreu des vom kerngesunden Manager Oliver Bierhoff noch einmal ausdrücklich ausgerufenen Kuschel-Mottos: „Wir wollen mehr Nähe zu den Fans, mehr Spaß und Freude vermitteln.“ Die Zeit des sorgsam zur Schau getragenen Hochmuts soll ein für alle Mal vorbei sein. So ganz trauen die Fans dem Braten aber offenbar noch nicht. 3000 Sitzplätze sind derzeit noch frei, wiewohl der einheimische Autobauer so kräftig die Werbetrommel rührt, dass einem fast schwindelig werden kann.

Junge Spieler mit großem Potential

Ein bisschen schummrig hat es sich auch für Oliver Bierhoff angefühlt, als er die neue junge Garde einen nach dem anderen zur Begrüßung antraf. Dass die Herren Gündogan und Brandt versehentlich mit einer Karosse aus schwäbischer Herstellung eintrafen, war das eine. Etwas unglücklich, aber halb so wild, erst in Obhut des Verbandes gilt nämlich die neue Volkswagen-Pflicht. „Die private Anreise bis zum Hotel ist den Spielern überlassen“, ließ Bierhoff wissen. Das andere war dann die Gewissheit, dass nicht mehr gar so viele Männer mit Weltmeistererfahrung anwesend sind. Genau noch ein Feldspieler, der beim Finale 2014 in Rio in der Startelf stand, gehört dem Kader an: Toni Kroos. Als Bierhoff dann ins ihm bestens bekannte Gesicht von Leroy Sané blickte, hat er dem Linksaußen halb im Spaß bedeutet, er sei ja „jetzt ein alter Hase“ und solle sich ruhig mal ein bisschen intensiver um die jungen Spieler kümmern. So ganz jung sind die Neuen freilich nicht: Maxi Eggestein (22), Lukas Klostermann (22), Niklas Stark (23), zusammen null Länderspiele, dazu Marcel Halstenberg (27), Kai Havertz (19), Thilo Kehrer (22), Jonathan Tah (23) und Nico Schulz (25) mit durchschnittlich drei Einsätzen für Deutschlands Eliteteam. Das ist alles nicht viel.

Bierhoff ist deshalb sehr bemüht, die Messlatte der Erwartungshaltung ungefähr auf Uferhöhe des benachbarten Mittellandkanals zu legen. Er bitte darum, dass die Fans Geduld aufbrächten und auch Fehler verzeihen würden. Es wird spannend sein zu beobachten, wie gnädig die Öffentlichkeit der relativen Rundumerneuerung begegnet, wenn es womöglich schon gegen Serbien zum Getriebeschaden im deutschen Spiel kommen sollte – oder zumindest zu auffälligen Motorengeräuschen.

Bierhoff ist optimistisch, dass der deutsche Fußball gerade noch in der Lage sei, auf eine „gute Basis“ zurückzugreifen, „das müssen wir in den nächsten zwei bis vier Jahren ausnutzen“. Denn danach sieht es ziemlich zappenduster aus im Nachwuchsbereich. Momentan, so Bierhoff, glaube er immer noch, dass „wir in einer im Vergleich zu 2004 komfortableren Situation sind, wir haben viele junge Spieler, die großes Potenzial haben“.

Diejenigen, denen dieses Potenzial nicht mehr zuerkannt wird - namentlich Hummels, Boateng, Müller - würden erst dann feierlich vom DFB verabschiedet, „wenn sie selbst offiziell ihren Rücktritt einreichten“, stellte der Manager klar. Er reagierte damit auf Aussagen von Präsident Reinhard Grindel, der tags zuvor im Bayerischen Rundfunk einen „angemessenen“ Abschied in Aussicht gestellt hatte, „wenn die Spieler von uns verabschiedet werden möchten“.

Soweit ist es offenbar noch nicht. Glaubt man dem Angreifer Julian Brandt, dann schließt dieser eine Rückkehr der drei nicht aus: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Nicht auszuschließen, dass die Zahnschmerzen von Joachim Löw gerade wieder stärker geworden sind.

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