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Die Fanbasis in Japan besteht zu großen Teilen aus Frauen.

Fußball in Japan

Weckruf für die Machos

  • vonFelix Lill
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In den meisten Ländern gilt Fußball als Spiel für Männer. In Japan aber, einem Land mit ansonsten starren Geschlechterrollen, fällt die Kickerei durch fortschrittlichere Bilder auf.

Ich hab‘ Curryreis gemacht und alle haben es geliebt“, prahlt Yoshito Okubo, als er gerade zum ersten Mal am Herd stand. „Nach all dem Schneiden von Gemüse und den ganzen anderen Aufgaben empfinde ich jetzt viel mehr Wertschätzung für meine Frau.“ Der dreifache Torschützenkönig der J-League, der obersten Spielklasse in Japan, glaubt mit seinen jüngsten Erfahrungen nicht allein zu sein. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Kyodo sagte Okubo: „Ich vermute, dass das Coronavirus für viele Väter in Japan ein Weckruf war, um sich die Hausarbeit mit ihren Frauen aufzuteilen.“ Er jedenfalls wolle jetzt mit gutem Beispiel vorangehen.

Ein Profifußballer, der seine Frau und Kinder bekocht: Was für sich genommen kaum eine Randnotiz wert sein dürfte, ist in Japan doch der Rede wert. „Fußballstar Okubo findet neues Gleichgewicht“, titelte Kyodo kurz vorm Restart der J-League Anfang Juli. Und womöglich wäre so eine Nachricht auch anderswo bemerkenswert. In den meisten Ländern gilt Fußball, der beliebteste Sport der Welt, als Spiel für Machos. Von den Spielfeldern bei den Amateuren bis zu den Tribünen bei den Profis werden seit Jahrzehnten die konservativeren Geschlechterbilder geprägt oder am Leben gehalten. Und während man über Fußballspieler weltweit von Musikgeschmack bis zu Lieblingsunterwäsche quasi alles erfährt, war von deren Teamplayerqualitäten im Haushalt bisher wenig zu hören.

Die jüngsten Berichte des Japaners Okubo lassen aufhorchen. Der Stürmer, der 2009 mit dem VfL Wolfsburg den Meistertitel gewann, kommt aus einem Land, in dem die Geschlechterrollen besonders deutlich verteilt sind. Im jährlichen Gender Gap Report des World Economic Forum, das in den Bereichen Politik, Bildung, Berufsleben und Gesundheit die Ungleichheit zwischen Mann und Frau misst, landete Japan von 153 Ländern zuletzt auf Platz 121. Direkt hinter Benin und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Auflockerung der Geschlechterrollen in Japan

Nach dem traditionellen Geschlechterkonzept in Japan sind Männer für die Erwerbsarbeit zuständig, Frauen sorgen für Haushalt und Kinder. Dabei erschwert die von der Annahme bedingungsloser Aufopferung und häufigen Überstunden geprägte Arbeitswelt seit Jahren eine Auflockerung dieser Rollen. Denn einerseits werden dadurch Frauen vom Arbeitsmarkt ferngehalten oder mit der Schwangerschaft aus dem Job gedrängt. Andererseits ist es durch das hohe Arbeitspensum auch motivierten Männern laut Umfragen oft kaum möglich, sich daheim nützlich zu machen.

Dabei ist der 38-jährige Ex-Nationalspieler Okubo, der auf seine alten Tage derzeit in der J-League 2 für Tokyo Verdy spielt, nicht zum ersten Mal als vergleichsweise fortschrittlicher Mann in Japan aufgefallen. 2017 erhielt der vierfache Vater von der Organisation „Super Daddy Association“, die sich für Geschlechtergleichheit im Familienalltag in Japan einsetzt, den „Super Daddy Award“. In einem Interview sagte er damals zu seiner Vaterrolle: „Ich gehe mit meinen Kindern Fußballspielen und führe sie auch mal zum Essen aus.“ Dass er daheim koche, putze oder aufräume, konnte er von sich noch nicht behaupten. Trotzdem galt Okubo damit schon als modern – häufig machen Väter in Japan nämlich fast gar nichts mit ihren Kindern.

Fußballer mit „Super Award“: Yoshito Okubo.

Und es dürfte kein Zufall sein, dass ein zumindest leichtes Rütteln an den festen Rollen dieser Tage ausgerechnet von einem Fußballer kommt. In Japan gilt Fußball, das in den vergangenen Jahren Baseball als beliebtesten Sport abgelöst hat, kaum als altmodisch oder chauvinistisch. „Der Fußball war in Japan von Anfang an stark weiblich geprägt“, sagt Christian Tagsold, Professor für Japanologie an der Universität Düsseldorf und einstiges Mitglied des Betreuerstabs des japanischen Frauennationalteams. „Fußball ist in Japan keine Männersache.“

Das Bild rauchender, trinkender oder gar pöbelnder Männer auf den Tribünen kennt man im ostasiatischen Land eher vom Baseball. Als Anfang der 1990er Jahre die Fußballprofiliga J-League ins Leben gerufen wurde, richteten sich die Förderer dieses damals nur mäßig populären Sports daher gezielt an Frauen. „Auch die Fanbasis besteht seitdem zu großen Teilen aus Frauen“, sagt Tagsold: „Fußball spielen und Fußball gucken ist für Frauen in Japan auch überhaupt nichts Besonderes mehr.“

Vollprofiliga für Fußballerinnen in Japan

Spätestens seit das Frauennationalteam 2011 als erste und bis jetzt einzige japanische Auswahl eine Fußball-WM gewann, ist auch das Spiel der Fußballerinnen populär. Zwar generieren die Frauen auch hier nicht annähernd so viele Werbe- und TV-Einnahmen wie die Männer. Aber die Partien der Spielerinnen werden in den Bars des Landes regelmäßig live übertragen. In den Kassen einer Supermarktkette prangen zudem die Gesichter der Nationalspielerinnen als Werbefiguren. Und in diesem Jahr wird in Japan mit der WE-League erstmals eine Vollprofiliga für Frauen eingeführt. WE steht dabei für Women Empowerment, also Frauenemanzipation.

„Bei der Vermarktung von Frauen und Fußball sieht die Fifa Japan als weltweites Vorbild“, sagt Christian Tagsold. Und weil auch die Fußballer in nicht unwesentlichem Anteil für ein weibliches Publikum spielen, sei es für diese eine Hilfe, sich progressiv zu geben. Als etwa der spanische Ex-Weltmeister Andrés Iniesta vor zwei Jahren zum Erstligisten Vissel Kobe wechselte, wurde bald bekannt, dass er es in Japan genießt, mehr Zeit als zuvor mit seiner Familie zu verbringen. Zu Beginn der Pandemie veröffentlichte dann Rakuten, Vissel Kobes Sponsor und Betreiber eines Onlinebezahlsenders, eine Dokumentation über Iniesta, die ihn mehrmals beim Spielen und Aufräumen mit seinen Kindern zeigt.

Ist es in Japan von allen Sportarten vor allem der Fußball, der zu einem Wandel der Geschlechterrollen beiträgt? In der sich stark an prominenten Vorbildern orientierenden japanischen Gesellschaft glaubt Yoshito Okubo, dass Personen wie er und Iniesta positiv wirken können. Und dass sich durch die Corona-Krise, die auch in Japan zu Schulschließungen geführt hat, neue Emanzipationschancen aufgetan haben. „Wenn du 24/7 die Kinder daheim hast, kannst du das Haus ja gar nicht allein sauber halten und gleichzeitig noch Essen machen.“ Die Väter, die seither häufiger im Homeoffice arbeiten, seien nun zur Stelle und könnten ihren Frauen helfen.

Laut dem Meinungsforschungsinstitut Nomura Research beteiligt sich derzeit immerhin jeder vierte Vater in Japan mehr im Haushalt als noch vor der Krise. Ein langsamer Wandel, den die mittlerweile wieder kickenden Fußballer vorantreiben könnten. Wobei Profis wie Yoshito Okubo nun, wo sie wieder regelmäßig das Haus für ihr Training verlassen müssen, wohl eher weniger im Haushalt helfen.

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