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Hoch das Bein: Die Spieler von Rapid Wien versuchen sich in Moskau warmzumachen.

Russische Premjer-Liga

Fußball in der Gefriertruhe

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Am Wochenende endet die Hinrunde in der russischen Premjer-Liga - in Eis und Schnee und viel zu spät, wie viele finden.

Vor dem Spiel gab es eine Rempelei um das Thermometer, das an einem Kamerastativ über dem Spielfeld hing. „Was habt ihr euch alle um das Thermometer aufgestellt und darauf geatmet“, schimpfte Gästetrainer Raschid Rachimow. „13,9 Grad minus haben sie gemessen, dann sind sie doch zur Seite gegangen und nach einer Minute waren es schon 14,6 Grad. Aber weiter messen wollten sie nicht mehr.“

Am Wochenende findet der letzte Spieltag der russischen Premjer-Liga vor der Winterpause statt. Zu spät, wie viele Fußballer und Fans finden. Schon am Samstag zuvor hatte sibirischer Frost das Spiel zwischen Jenisej Krasnojarsk und Achmat Grosny infrage gestellt. Nach den Regeln des russischen Fußballverbands kann jede Mannschaft sich weigern anzutreten, sobald das Thermometer unter 15 Grad minus fällt. Verständlich, dass sich Trainer Rachimow über die minus 14,6 Grad auf dem Thermometer ärgerte. Zumal laut der Wetterseite pogodaklimat.ru zur gleichen Zeit anderswo im mittelsibirischen Krasnojarsk schon 18,9 Grad Frost gemessen wurden. Die Mannschaft aus dem südrussischen Grosny, wo es fast 30 Grad wärmer ist, fühlte sich gegenüber den Kälte gewohnten Krasnojarskern benachteiligt. Die wiederum verwiesen auf ihren Heimvorteil, den sie durch eine Verlegung an einen neutralen Ort verloren hätten. Bei leichtem Schneetreiben endete der Gefriertruhen-Kick vor 1859 stoischen Zuschauern mit einem versöhnlichen 1:1. Und es gab auch keine Verletzten.

Aber der russische Winter ist wirklich nicht der Freund des Fußballs. Vor allem seit 2011, seit die vaterländischen Profiligen nicht mehr vom Frühjahr bis zum Herbst spielen, sondern wie in Europa von Herbst bis Frühling. Die knapp drei Monate Winterpause verhindern nicht, dass Spiele bei Eis, Schnee und Minustemperaturen stattfinden, bei denen auch sibirische Skilanglaufschulen das Training wegen Kälte einstellen.

In der Halle spielen verboten

Jenisej Krasnojarsk trainiert in einer überdachten Manege auf Kunstrasen, aber für Premjer-Liga-Spiele ist die 3000-Zuschauerhalle nicht genehmigt. „Wenn es wirklich kalt wird, gibt es nur eins: das Spiel verschieben“, sagt Klubsprecher Stanislaw Merkis der FR. In der Premjer-Liga sind außer Krasnojarsk vor allem die Uralklubs Jekaterinburg und Orenburg von Schneestürmen und Frösten unter minus 20 Grad bedroht. Noch heftiger trifft es die Drittliga-Divisionen „Ural-Wolga“ und „Osten“, wo es keine Auswärtsspiele in gemäßigteren Temperaturzonen gibt. Der „Osten“, also Sibirien, ist bezeichnenderweise auf sechs Vereine geschrumpft. „Fußball ist kein Wintersport, Fußball bei Frost ist gesundheitsschädlich, die Muskelgruppen und Organe harmonieren nicht mehr“, sagt der frühere usbekische Nationalspieler Alexander Sajun. Er musste als Profi des inzwischen bankrotten Drittligaklubs Dynamo Kirow noch bei Minus 30 Grad trainieren. „Was du dabei fühlst, ist mit Worten nicht zu beschreiben.“

Immer wieder werden Stimmen laut, die die Rückkehr zum früheren Spielplan ohne Sommerpause fordern. „Auch in den internationalen Wettbewerben hat die Angleichung an Europa und seine Sommerpause nicht geholfen“, sagt der Moskauer Fußballexperte Igor Rabiner. „Alle drei Uefa-Pokale, die russische Mannschaften gewonnen haben, wurden vor 2011 geholt“. Ansonsten sei am russischen Klima nichts zu ändern. „Aber beim Bau der neuen WM-Arenen hat man leider nur in Sankt Petersburg an ein ausfahrbares Dach gedacht, unter dem man auch im Winter komfortabel spielen kann.“ Auch gebe es nirgendwo in Russland beheizbare Sitzplätze wie im Madrider Bernabeu-Stadion. „Dabei wird es in Madrid nur selten kalt.“

Russlands Spieler wie Fans werden weiter frieren müssen. Jenisej-Pressesprecher Merkis sagt, in Krasnojarsk herrschten inzwischen 37 Grad minus. Deshalb ist seine Mannschaft schon am Dienstag zu ihrem Auswärtsspiel nach Moskau geflogen. Auch dort gibt es jetzt Dauerfrost und heftige Schneefälle, fürs Wochenende sind minus sechs bis neun Grad angesagt. Bleibt abzuwarten, ob die Sibirjaken die favorisierten Gastgeber von ZSKA Moskau kalt erwischen können.

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