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Fußball für den Frieden

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Von: Jan Christian Müller

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Aufgeregte Beobachter: Die Jugendspieler der U13 von Makkabi Frankfurt beim Training der Fußball-Nationalmannschaft.
Aufgeregte Beobachter: Die Jugendspieler der U13 von Makkabi Frankfurt beim Training der Fußball-Nationalmannschaft. © dpa

Noch nie war das DFB-Team in politischen Fragen so gefordert wie nun im Jahr 2022 –  und will die Themen nicht einfach wegdrücken.

Die zwölfjährigen Burschen des Fußballklubs TuS Makkabi Frankfurt müssen von ihrem Trainer ein bisschen zur Ordnung gerufen werden. Zu groß ist die Aufregung am Trainingsplatz der Frankfurter Eintracht, als das die Jungs stillhalten könnten, wenn 18 leibhaftige Nationalspieler zum Aufwärmen an ihnen vorbeilaufen und gestandene Männer wie Manuel Neuer und Kevin Trapp ihnen obendrauf sogar freundlich zuwinken. Es gibt ein paar spitze Schreie der Begeisterung.

Dass der DFB vor dem Testländerspiel am Samstagabend in Sinsheim gegen Israel (20.45 Uhr/ZDF) Kinder des jüdischen Frankfurter Vereins zum Training eingeladen hat, demonstriert: Der Verband hat verstanden, dass es hier um mehr als Sieg und Niederlage geht. „Das Erinnern an die eigene Geschichte und das Mahnen sind uns wichtig“, wird DFB-Direktor Oliver Bierhoff nach dem Training bei der Pressekonferenz sagen und sich daran erinnern, wie er vor Jahren mehrere Tage lang mit der U18-Nationalmannschaft in Israel in einem Kibbuz verbracht hat. Israel-Besuche für Juniorenteams sind denn auch eine Tradition, die der Deutsche Fußball-Bund konsequent aufrecht erhält,

Der Fußball ist im Frühjahr 2022 politisch so aufgeladen wie noch nie. Fürs Wochenende ruft der DFB zum großen Spenden für die Ukraine auf und legt gemeinsam mit den Spielern gleich selbst was in den Topf (siehe nebenstehenden Bericht).

Am Dienstagabend trafen sich die Nationalspieler in großer Runde nicht nur mit dem neuen DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf, sondern auch mit Vertreter:innen von Human Rights Watch und Amnesty International, um sich über Kondition, Technik, Teamgeist und Taktik hinaus auf die erst im November beginnende Weltmeisterschaft in Katar vorzubereiten,

Länderspiel gegen Israel, Krieg in der Ukraine, WM in Katar - gleich drei große Themen beschäftigen die Nationalspieler neben ihrem eigentlichen Kerngeschäft, dem Fußballspielen, in dem sie laut Käptn Neuer nicht weniger als den WM-Titel von sich erwarten. Noch nie waren die Ansprüche auf so vielen Ebenen derart hoch. Dem öffentlichen Druck gerade vor dem umstrittenen Turnier im Emirat Katar ist allenthalben keinesfalls mit Schweigen oder genervten Blicken zu begegnen. Manager Oliver Bierhoff spürt offenbar, dass die komplexen Themen vor großen Turnieren nicht mehr einfach an den Präsidenten abgeschoben oder gar ganz ignoriert werden können. Deshalb hat er die Expert:innen für Menschenrechtsorganisationen eigens ins Teamhotel vor die Tore von Frankfurt geladen.

Torwart Neuer betont, das Treffen zur gedanklichen Vorbereitung auf Katar in Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung sei ihm „wichtig, denn wir Sportler müssen dann diese Fragen ja auch beantworten können“. Es sei „gut, wenn wir vor dem Turnier besser informiert werden, als es in der Vergangenheit vielleicht der Fall war“. Da schwingt durchaus Kritik mit.

Berechtigte Kritik. Denn vor den gerade aus deutscher Sicht politisch besonders aufgeladenen Turnieren etwa in Polen 2012 oder Russland 2018 blieb die Sportliche Leitung sichtbar unsichtbar. Nur das minimale Pflichtprogramm wurde bewältigt, alles andere sollten, bitte schön, die Herren Präsidenten managen. 2022 reicht eine derart defensive Herangehensweise nicht mehr.

Auch Hansi Flick ist bislang nicht als besonders politischer Mensch aufgefallen. Das ist ja auch nicht sein Job, eine kluge Arbeitsteilung in derlei sensiblen Fragen also allemal empfehlenswert. Eine bessere Vorbereitung und intensivere Beschäftigung mit der Geschichte aber ebenso. Gerade auch für Flick, um auf dem glatten politischen Geläuf nicht noch einmal so auszurutschen wie weiland 2012, als der damalige Co-Trainer vor dem deutschen Vorrundenspiel gegen Portugal formulierte: „Ronaldo hat Freistoßqualitäten. Da heißt es, Stahlhelm aufsetzen und groß machen.“ Die Aussage, für die sich der ein der Kriegsrhetorik völlig unverdächtiger Flick umgehend entschuldigte, war dennoch umso peinlicher, weil sie in Danzig und somit nur wenige Kilometer entfernt von jenem Ort getätigt wurde, wo deutsche Kriegsschiffe am 1. September 1939 Polen angegriffen hatten.

Noch im Dezember 2021 hatte Flick mit Blick auf das WM-Turnier im Wüstenemirat geäußert, man wolle dieses Thema „weghaben“, damit wir „uns dann, wenn wir in Katar sind, auf die Dinge konzentrieren können, die wichtig sind – nämlich erfolgreich Fußball zu spielen“. Der Bundestrainer war dafür angemessen kritisiert worden.

Offenbar hat nicht nur in der deutschen Politik eine Zeitenwende eingesetzt, sondern auch beim Deutschen Fußball-Bund. Denn auch Bierhoff hatte im selben Pressegespräch vor gerade erst gut drei Monaten noch geäußert: „Wir müssen nicht jede Rolle einnehmen. Wir sind Sportler.“ Inzwischen klingt die Tonalität beim DFB-Direktor anders, und das ist auch gut so: „Das Thema Menschenrechte will ich nicht passiv angehen.“

Ständige Aktivität strahlt auch Flick aus. Das Auftakttraining im zehntägigen Zusammensein bis nach dem zweiten Testspiel am kommenden Dienstag (20.45 Uhr, ARD) in Amsterdam gegen die Niederlande geriet auffällig intensiv. Das kannten ständige Beobachter von seinem Vorgänger Joachim Löw so eher selten. Flick ließ bei frühlingshaften Temperaturen Angriffspressing und konsequent flaches Aufbauspiel von hinten heraus trainieren. Mehrfach wurde das Übungsprogramm von seinem Assistenten Danny Röhl durch taktische Schulungen am Flipchart unterstützt. Die Jungs mit den großen Augen von Makkabi Frankfurt fanden diesen außergewöhnlichen Morgen jedenfalls „mega“.

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