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Fußball als Fahrstuhl

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Von: Stefan Scholl

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Aufmarsch vor dem Kreml: Sicherheitskräfte beherrschen das Bild vor der WM-Auslosung.
Aufmarsch vor dem Kreml: Sicherheitskräfte beherrschen das Bild vor der WM-Auslosung. © afp

Ein Blick vor die Tore von Moskau, wo Träumen erlaubt ist und die Fußball-Weltmeisterschaft im Kleinen stattfindet.

Zwei Jungs tragen das weiß-rote Trikot der Fußballakademie Schukowka, einer den rotblauen Streifendress des FC Barcelona. Die Elf- und Zwölfjährigen lassen den Ball mit sauberen Pässen über den dunkelgrünen Kunstrasen laufen. „Eigentlich gehören zehn Kinder zur Trainingsgruppe“, sagt Sergei Gorbunow, der Leiter der Akademie. „Aber heute sind nur drei da, die meisten sind wohl im Stau hängengeblieben.“

Der erste Schneesturm dieses Jahr hat im Großraum Moskau Verkehrschaos verursacht. Der russische Winter ist nicht wirklich der Freund des russischen Fußballs. Auch wenn der in einer geheizten Halle im elitären Moskauer Vorort Schukowka gespielt wird.

Sergei, 35, erzählt, viele seiner insgesamt 160 Jungkicker im Alter zwischen drei und 16 Jahren würden von Fahrern oder Kindermädchen zum Training gebracht. In Schukowka wohnen Millionäre, auch Milliardäre, Staatschef Wladimir Putin residiert nicht weit. In den Nachbarhallen wird Tennis gespielt, geboxt, geturnt, aber unter Moskaus Reichen ist auch Fußball wieder in Mode. „Es kommen oft Eltern und fragen“, sagt Sergei, „ob wir aus ihrem Kind einen Profispieler machen können.“

Zwölf zweistündige Trainingseinheiten im Monat kosten hier umgerechnet 290 Euro, in der russischen Provinz ein Lehrergehalt, in Moskau aber zahlen auch Mittelstandsfamilien solche Summen für das Eiskunstlauftraining ihres Nachwuchses. Sport gilt als realer Karrierelift. Fußball aber ist auch in Schukowka Fußball. „Wir vermitteln den Kindern die Grundlagen: den Ball sauber annehmen und spielen, die richtigen Entscheidungen im Angriff und in der Verteidigung treffen“, sagt Cheftrainer Oleg Sinelobow, 55, usbekischer Ex-Nationalspieler und sowjetischer Meister.

Mehrere seiner Zöglinge hätten das Zeug, um die Aufnahmeprüfungen zu den Fußballschulen großer Moskauer Profiklubs wie Spartak oder ZSKA zu bestehen. „Aber unsere Hauptaufgabe ist, allen, auch denen, die dort nicht landen, einzuimpfen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, dass alle zusammenhalten müssen und auf dem Platz einer dem anderen hilft.“

Russland veranstaltet die Fußball-WM 2018, heute geht mit der Auslosung der Gruppen die Vorbereitung des Turniers in die Zielgerade. Noch sind viele Stadien im Bau, kritische Medien fürchten, dass vor allem die Arenen in Kaliningrad und Samara nicht rechtzeitig fertig werden. Laut dem Fernsehsender TV Doschd wurde in Samara zuerst ein Einkaufszentrum errichtet, deshalb verzögerten sich dort auch diverse Hotelbauten. Und an mehreren Austragungsorten beklagen sich Studenten, dass sie vor der WM ihre Wohnheime räumen müssen, weil dort Einsatzpolizisten untergebracht werden sollen.

Andererseits hat der Confederations Cup im vergangenen Sommer gezeigt, dass das befürchtete Chaos auch bei der WM kaum eintreten wird. Damals wurde selbst die korruptionsumwitterte Dauerbaustelle der Petersburg-Arena fristgerecht fertig, wenn auch ohne direkten U-Bahn-Anschluss. Und die umstrittene elektronische „Fan-ID“ funktionierte: Ausländer konnten mit einem Ticket visafrei einreisen und zwischen den Spielorten kostenlose Züge nutzen. Und statt der vor allem von englischen Medien erwarteten Attacken russischer Hooligans erlebten sie mehrere fröhliche Fußballfeste. „Auch unter Russlands Fans gibt es Schläger“, sagt Aleksei Lebedew, Sportchef der Zeitung „Moskowksi Komsomolze“, „aber Gewaltszenen wie bei der EM in Marseille werden wir nicht erleben. Unsere Sicherheitsorgane haben die Anführer schon jetzt an der Kandare.“

Der Fußball aber boomt schon vor der WM. „Vor fünf Jahren noch war Fußball in Russland vor allem Straßenfußball“, Sergei hat die Fußballakademie in Schukowka vor eineinhalb Jahren eröffnet, jetzt denkt er daran, an der Noworischskaja-Chaussee und in Krasnogorsk zwei weitere Filialen zu gründen. Im Moskauer Stadtgebiet, aber auch in den Neubauvierteln von Tscheljabinsk oder Tscheboksary, werden immer mehr Kunstrasenteppiche und Tartanbeläge für Kleinfelder ausgelegt. Seit 2006 sind nach offiziellen Angaben 1900 Stadien und 26 000 wettkampftaugliche Fußballplätze neu entstanden, die Zahl erwachsener und jugendlicher Kicker stieg von 1,6 auf 2,7 Millionen. Sport gehört zu den wenigen Bereichen in Russland, in die der russische Staat großzügig Geld steckt.

Warum die Kinder in Schukowka Fußball spielen? „Weil es uns gefällt“, lautet die einfache Antwort. Und der pausbäckige Matwei, der im Sturm spielt, sagt, er wolle einmal Profi werden. „Natürlich nicht in Madrid oder Barcelona“, Matwei versucht, seine Träume im Zaum zu halten, „eher in Valencia.“ Alle freuen sich auf die WM, auch ihr Trainer Sinelobow: „Bei uns muss man niemanden mit Gewalt ins Stadion treiben, um unsere Mannschaft anzufeuern.“

Trotzdem schwant manchen Oppositionellen schon wieder das Böseste: Der Kreml werde bei der WM wie bei den Olympischen Spielen in Sotschi alles daransetzen, um einen russischen Sieg hinzukriegen, schreibt der Soziologe Igor Eidman auf Facebook. Da im Fußball Doping wenig helfe, werde man die Stürmer und Torhüter der gegnerischen Mannschaft dosiert vergiften, damit sie für einige Stunden außer Form gerieten: „Die russischen Geheimdienste besaßen immer erstklassige toxikologische Laboratorien.“

Für die Kinder in Schukowka aber haben Sport und Politik noch nichts miteinander zu tun. Sie halten zu einem sichtbaren  Teil statt zu Russland zu Portugal – wegen Ronaldo. Matwei, der Stürmer, will nicht ausschließen, dass es die russische Mannschaft doch bis ins Finale schafft. „Bloß dürfen sie vorher nicht auf Argentinien oder Brasilien treffen. Denn gegen Messi oder Neymar haben sie keine Chance.“ Echte Fußballer sind keine Hurrapatrioten.

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