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Über Liverpools Trainer Billy Shankly wurden viele Geschichten erzählt.

FC Liverpool

Fußball in England: Vom Gegeneinander geprägt

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Vergangene Woche kündigt der FC Liverpool an, das Corona-Notfallprogramm der Regierung zu beanspruchen, am Montag folgt ein Rückzieher mit Beigeschmack. Ein Kommentar.

Als Bill Shankly 1959 zum FC Liverpool kam, da hatte der Klub schon einige Jahre auf dem Buckel, 67 um genau zu sein. Auch fünf Meistertitel standen bereits zu Buche. Insofern ist die Leistung von Shankly, den damals in die Zweitklassigkeit abgestürzten Verein wieder an die Spitze des englischen und europäischen Fußballs zu führen, gewiss nicht zu vernachlässigen. Sie ist aber längst nicht jene, weshalb er noch heute ein Held, nein, der Held des Klubs schlechthin ist.

Viele Geschichten wurden über Shankly erzählt, die meisten charakterisieren ihn als selbstlosen Mann. Einen, der seine Spieler gleichermaßen striezen wie lieben, der mit Fans stundenlang hitzig diskutieren konnte. Obwohl andere Trainer mehr Titel in Liverpool einheimsten, schenkte Shankly dem LFC etwas viel Wichtigeres: seinen Mythos. Den des Arbeiterklubs in der Arbeiterstadt, bei dem alle zusammenhalten. Spieler, Trainer, Bosse, Fans. Noch heute prangt neben der Büste Shanklys an der Anfield Road folgendes Zitat: „Ich möchte als ein Mann in Erinnerung bleiben, der eine Familie von Menschen aufbaute, die sagen konnten: Wir sind Liverpool.“ Auch 39 Jahre nach dem Tod der Ikone wird dieser Spruch stets vom Klub proklamiert. Doch: Ist er noch wahr?

Als einer von fünf Vereinen der Premier League kündigte Liverpool vergangene Woche an, das Corona-Notfallprogramm der Regierung zu beanspruchen, das jedem in Kurzarbeit geschickten Angestellten für drei Monate 80 Prozent des Gehalts garantiert. Der mediale Aufschrei war riesig, der Shitstorm im Internet noch größer.

Kurz zusammengefasst: Wie können ausgerechnet die Reds, die die Gier der Konkurrenz gerne anprangern und einen Gewinn von fast 48 Millionen Euro im vergangenen Jahr einstrichen, diese Staatshilfe beantragen? Dass Liverpool-Chef Peter Moore am Montagabend in einem Schreiben die Rolle rückwärts vollzog, konnte die Wogen kaum glätten. „Wir glauben, dass wir vergangene Woche zum falschen Schluss gekommen sind, und das tut uns aufrichtig leid.“ Eine Entschuldigung mit fadem Beigeschmack, die kaum jemand glaubte. Und das zu Recht.

Während in Deutschland die bei fast allen Klubs ebenfalls eingeführte Kurzarbeit von „einfachen“ Mitarbeitern mit einem Gehaltsverzicht der Profis einherging (und damit der öffentliche Aufschrei ausblieb), beharren die meisten Kicker in England auf ihren Millionen. Sie empfinden sich als Spielball der Politik, als leichte Opfer in einer Neiddebatte. In diese ohnehin aufgeheizten Gemengelage gesellen sich zudem absurde Vorschläge von Vereinsbossen: Zum Beispiel, dass der Spielbetrieb bald in China ohne Fans fortgesetzt werden könnte, weil dort die Corona-Pandemie am ehesten überstanden sein dürfte. Zwar wurde diese Idee rasch verworfen, sie offenbart aber einmal mehr die vom Gegeneinander geprägte Fußballwelt in England. Hier die Insel der Glückseligen mit ihren millionenschweren Fußballern und den milliardenschweren Klubinvestoren, dort die in der Brandung (vergeblich) um ihre Bedeutung strampelnden Fans.

Von der Vorstellung der Shanklyschen Fußballfamilie war man in England und ausdrücklich auch in Liverpool selten weiter entfernt als zurzeit.

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