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Mason Greenwood von Manchester United.

Fußball-Deutschland ist abgehängt

Diamanten in Hülle und Fülle

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Dank eines Paradigmenwechsels im Jahr 2012 spielen jetzt in der Premier League so viele englische Spieler wie lange nicht mehr - im Gegensatz zur Bundesliga auch in Topklubs.

Curtis Jones hätte von seinen Gefühlen überwältigt sein können. Er, der Junge aus Liverpool, der seit seinem achten Lebensjahr für den FC spielt, erzielt ausgerechnet im Merseyside-Derby gegen den FC Everton im FA-Cup den 1:0-Siegtreffer. Ein Traumtor, rechts oben in den Winkel. Natürlich hat der 18-Jährige sich im Interview direkt nach dem Schlusspfiff auf dem Spielfeld gefreut, aber auch gleichzeitig gesagt: „Es ist frustrierend, auf der Bank zu sitzen, dann ein bisschen auf den Geschmack zu kommen und dann wieder auf der Bank zu sitzen.“ Forsche Worte für einen Youngster, der beim amtierenden Champions-League-Sieger und aktuellen Tabellenführer der Premier League von zahlreichen Superstars umgeben ist.

„Er ist sehr selbstbewusst und kann es nicht abwarten in der ersten Mannschaft zu spielen“, weiß auch sein Trainer Jürgen Klopp. Der Teammanager ist sich sicher: „Er wird ein Liverpool-Spieler sein, wenn nichts Komisches passiert.“ Die Frage ist nur: wann?

Curtis Jones war nicht das einzige Talent, das in Abwesenheit der geschonten Stars ran durfte. Gleich vier weitere Spieler unter 20 Jahren aus der Akademie der Reds kamen zum Einsatz: Harvey Elliot 16, Neco Williams 18, Yasser Larouci 19 und Rhian Brewster 19. „In Deutschland“, sagt Klopp, „würde Curtis noch in der A-Jugend spielen.“ In Liverpool spielt er in der U23 und trainiert mit den Profis.

Curtis Jones vom FC Liverpool.

Den gleichen Weg ist auch Trent Alexander-Arnold gegangen. Der 21-Jährige ist seit zwei Jahren absoluter Leistungsträger und wohl einer, wenn nicht gar der beste Rechtsverteidiger der Welt. Ebenfalls zu den Stammkräften zählt der 22-jährige Innenverteidiger Joe Gomez, der mit Virgil van Dijk die gegnerischen Stürmer zum Verzweifeln bringt.

Die Reds haben massiv in ihre Jugendarbeit investiert, und die Talente drängen jetzt nach oben. Das ist in allen Klubs so. 54 Engländer, die 22 Jahre oder jünger sind, sind in dieser Saison bereits in der Premier League zum Einsatz gekommen. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 30 deutsche Talente, davon haben nur acht in der bisherigen Saison mehr als zehn Bundesligaspiele absolviert (siehe Infobox). Etliche der englischen Youngster sind Stammkräfte. Elf haben bereits ihr Debüt in der Nationalmannschaft gegeben oder sind gar fester Bestandteil der „Three Lions“: Alexander-Arnold, Mittelfeldmotor Declan Rice (20) von West Ham United, Stürmer Marcus Rashford (22) von Manchester United und Spielmacher Mason Mount (20) vom FC Chelsea.

In Deutschland ist der Leverkusener Kai Havertz (20) der einzige Nationalspieler unter 23 Jahren. Die drei Topklubs Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig haben überhaupt keinen deutschen Spieler, der jünger als 23 ist, in dieser Saison in der Liga eingesetzt. Manchester United hat alleine sieben englischen Spielern in diesem Alter schon Spielzeit gegeben.

England hat Deutschland in der Talentförderung weit abgehängt, dabei hat sich die Premier League an der Bundesliga orientiert, als sie im Jahr 2012 den Paradigmenwechsel eingeleitet und den Elite Player Performance Plan (EPPP) ins Leben gerufen hat. „Das langfristige Investment in die Jugend zahlt sich endlich aus“, freut sich Ged Roddy. Er war bis 2017 der Jugenddirektor der Premier League und der Architekt des EPPP. Die Premier League hatte sich das deutsche Internatssystem zum Vorbild genommen, um mehr und bessere Eigengewächse hervorzubringen. „Die Zahl der Trainer wurde verdreifacht, die Kontaktzeit mit den Spielern verdoppelt und alles ständig bewertet und geprüft“, berichtet Roddy. Und natürlich wurde jede Menge Geld in die eigenen Leistungszentren investiert.

Joe Willock vom FC Arsenal.

Gleichzeitig eröffnete der englische Fußballverband im Jahr 2012 den 120 Millionen Euro teuren St. Georges Park, das nationale Fußballzentrum in Burton upon Trent im Nordwesten des Landes. Hier trainieren Englands 28 Nationalteams, weibliche wie männliche, und hier wurde eine gemeinsame DNA entwickelt. Der Lohn: 2017 gewann England die U17- und die U20-Weltmeisterschaft. Die U19 wurde im gleichen Jahr Europameister. Die A-Nationalmannschaft erreichte bei der WM 2018 das Halbfinale.

„Wir haben es geschafft, dass englische Spieler und Trainer wieder auf der Landkarte sind“, sagt Dan Ashworth, der bis vergangenes Jahr Technischer Direktor der FA war und jetzt den gleichen Posten bei Premier-League-Klub Brighton & Hove Albion innehat. Dass selbst Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes zum St. Georges Park gekommen sind, „um sich etwas abzuschauen, hat mich sehr froh gemacht“, so Ashworth. Die DFB-Akademie soll Ende 2021 in Frankfurt für 150 Millionen Euro entstehen und den deutschen Fußball wieder wettbewerbsfähiger machen. DFB-Direktor Oliver Bierhoff weiß, dass die Engländer es in den vergangenen Jahren besser gemacht haben als die Deutschen. „Die großen Fehler“, sagt der Manager des Weltmeisters 2014, „macht man im Moment des Erfolges.“ Man sei träge geworden. Bierhoff plant jetzt einen Aufbruch. So einen wie gerade in England.

Die Leistungszentren der englischen Klubs wurden im Zuge des EPPP in vier Kategorien eingeteilt und damit auch ein neues Ligensystem für die Reservemannschaften entwickelt. Von 2012 bis 2016 hieß sie U21 Premier League. Seit der Saison 2016/2017 ist der Wettbewerb in Premier League 2 umbenannt und die Altersgrenze auf 23 erhöht worden. In zwei Zwölfer-Ligen spielen die Kategorie-Eins-Akademien gegeneinander. In Deutschland müssen die U23-Teams der Profiklubs am normalen Ligabetrieb teilnehmen und spielen in der dritten Liga oder in den Ligen darunter.

Declan Rice von West Ham United.

Mit der Einführung der Akademie-Kategorien gab es in England vor allem von kleineren Vereinen heftige Kritik. Einige Klubs wie Zweitligist Brentford FC oder Drittligist Wycombe Wanderers stellten die Jugendarbeit komplett ein, weil sie die erforderlichen Kosten nicht stemmen konnten. Die mittlerweile von der ersten in die dritte Liga abgestürzten Bolton Wanderers reduzierten ihre Jugendarbeit auf ein U18 und ein U23-Team. Umso mehr Talente gehen nun zu den großen Klubs.

Ein großer Kritikpunkt ist die bevorzugte Behandlung von Kategorie-1-Akademien. Im Gegensatz zu allen anderen dürfen diese Klubs junge Talente der Konkurrenz in 90-Minuten-Fahrzeit-Entfernung auf deren Trainingsplätzen beobachten und abwerben. Und natürlich scouten die Topteams Nachwuchstalente auf der ganzen Welt und lotsen sie nach England.

Allerdings macht die FA auch keinen Halt davor, die Topklubs zu bestrafen, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Der FC Liverpool und Manchester City bekamen 2017 zweijährige Transfersperren im Jugendbereich aufgebrummt, weil sie den Eltern finanzielle Angebote unterbreitet oder sie zu früh kontaktiert hatten. Noch härter traf es im vergangenen Jahr den FC Chelsea.

Die Blues wurden von der Fifa mit einer Transfersperre bestraft, weil sie Regularien zur Verpflichtung Minderjähriger verletzt hatten. Die Sperre wurde kürzlich von zwei auf eine Wechselperiode reduziert. Der im Sommer als Teammanager inthronisierte Frank Lampard machte aus der Not eine Tugend und setze auf die in der eigenen Akademie ausgebildeten Spieler, die entweder schon da waren, wie Callum Hudson-Udoi (19), oder von Leihen im Sommer zurückgekehrt waren. So wie Tammy Abraham (22), Fikayo Tomori (22), Mason Mount (20) und Reece James, die vergangene Saison durch die Tretmühle zweite Liga gegangen sind. „Wenn ich nicht den Transferbann gehabt und die Möglichkeit gehabt hätte, Spieler im Sommer zu holen, hätte ich trotzdem den Jungs vertraut“, sagt Lampard. So sehr überzeugt sei er von deren Qualität.

Tammy Abraham vom FC Chelsea.

Das gleiche gilt für Unai Emery und jetzt Mikel Arteta beim FC FC Arsenal. Sie halten große Stücke auf Spieler wie Nathan Ainsley Maitland-Niles (22), Joe Willock (20), Bukayo Saka (18), Emile Smith-Rowe (19) und Reiss Nelson (20), der vergangene Saison an die TSG Hoffenheim ausgeliehen war. „Die Mannschaft hat eine Menge Talent, und es gibt eine große Pipeline für Spieler aus der eigenen Akademie“, sagt Arteta.

Es bedarf jedoch neben Talent viel Durchhaltevermögen, um es in die Premier League zu schaffen. Crystal Palace-Profi Andros Townsend (28) berichtete Anfang Dezember auf der Internetplattform Players Tribune, dass er durch die vielen Leihen als große Nachwuchshoffnung der Tottenham Hotspur spielsüchtig geworden ist. „Ich war 17 und wurde innerhalb der nächsten vier Jahre an neun verschiedene Klubs ausgeliehen. Das ist das Alter, in dem man eigentlich über das Leben lernen sollte, doch ich habe die meiste Zeit in Hotels, Bussen, mit dem Starren auf mein Handy oder dem Zocken von Fifa verbracht.“ Im Juni 2013 wurde er für vier Monate von der FA wegen des Verstoß gegen die Wettregeln gesperrt. Dank des Vertrauens von Trainer André Villas-Boas schaffte er es trotzdem noch in die erste Mannschaft der Spurs und wurde 13-facher Nationalspieler.

Im harten Geschäft Profifußball gehören einzelne Härtefälle dazu. Trotzdem sagt Ged Roddy: „Acht Jahre nach dem Start von EPPP ist es schwer, die Qualität der Eigengewächse zu ignorieren.“ Aber, so warnt er: „Es bedarf zusätzlicher Innovationen, wenn der englische Fußball weiterhin Vorreiter sein will.“

Im Moment sind englische Talente in ganz Europa heiß begehrt. Angeblich buhlen der FC Bayern und Borussia Dortmund um die Dienste des 16-jährigen Jude Bellingham, der als Spielmacher beim Zweitligisten Birmingham City für Furore sorgt. Spielern wie Mason Greenwood, 18, von Manchester United und Phil Foden, 19, von Manchester City werden große Karrieren vorausgesagt. „Mason ist einer der besten Finisher, die ich je gesehen habe“, sagt sein Teammanager Ole Gunnar Solskjaer über den Vollblutstürmer, der bereits drei Treffer in der Premier League und vier in der Europa League erzielt hat.

Phil Foden von Manchester City.

Noch viel mehr Lob bekommt Phil Foden. „Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe“, sagt City-Teammanager Pep Guardiola über seinen Schützling. Und er hat keinen geringeren als Lionel Messi trainiert. Der Katalane setzt Foden zwar nur dosiert ein, will ihn aber auf gar keinen Fall verleihen, weil er ihn in sein System trainieren will. Foden gilt als Kronprinz von Mittelfeldvirtuose David Silva, der City im Sommer verlassen wird. „Phil ist ein Diamant“, sagt Guardiola. Diamanten hat der englische Fußball in Hülle und Fülle.

Einige müssen sich nur in Geduld üben, auch wenn es Phil Foden oder Curtis Jones schwerfällt, sich mit dem Reservistendasein abzufinden. „Ich glaube, ich kann in jedem Spiel in dem ich spiele, den Unterschied ausmachen“, sagt Foden. An Selbstbewusstsein mangelt es keinem der Youngster.

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