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Nicht so richtig voll: Das Leipziger Stadion im Heimspiel gegen Wolfsburg.

Fußball-Bundesliga

Opfer ihres eigenen Erfolges

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Noch nie wurden so viele Tickets verkauft wie in der Bundesliga-Hinrunde - doch es gibt auch andere Zahlen.

Als die Durchsage kam: Gelächter. „Der DFB und die Nationalmannschaft“, hieß es während des Freundschaftsspiels Deutschland gegen Russland im November in Leipzig, „bedanken sich recht herzlich bei 35 300 Zuschauern.“ Zusätzlich leuchtete die Zahl auf der Anzeigetafel. 42.000 passen rein in die Arena, folglich müssten also nur 6700 Sitze frei geblieben sein. Doch in ganzen Blöcken fand sich kein Mensch. Nationalspieler Joshua Kimmich witzelte über die vielen sichtbaren hell- und dunkelblauen Sitzschalen: „Ich dachte, ich komme in ein Schwimmbad.“ 

Es gibt gute Gründe, dass das Stadion nicht ausverkauft und nicht voll war. Die Bedeutungslosigkeit des Spiels, allgemeine Nationalmannschaftsmüdigkeit, die späte Anstoßzeit (20.45 Uhr), die Ticketpreise, die Kälte. Dennoch sollte nicht bezweifelt werden, dass der Deutsche Fußball-Bund tatsächlich 35.300 Eintrittskarten abgesetzt hatte. Nur: Das bedeutete nicht, dass auch entsprechend viele Besucher kamen. Viele ließen ihr Ticket einfach verfallen. Auch im Klubfußball geht die Gleichung verkaufte Karten ist gleich Fans im Stadion nicht mehr auf.

Vor ein paar Tagen erst meldete die Deutsche Fußball-Liga (DFL) triumphal: „Deutscher Profifußball verzeichnet in Hinrunde 2018/19 Rekord-Ticketabsatz. Die 36 Klubs aus erster und zweiter Liga haben 9.418.148 Karten verkauft, 220.000 mehr als 2017/18, in der bislang lukrativsten Halbsaison.“ Ein Plus von 2,4 Prozent, ein Signal für ewiges Wachstum. 

Die Zahlen bilden aber nur einen Teil der Wahrheit ab. Tatsache ist auch: Etwa jede zehnte gekaufte Karte wird nicht genutzt – der Fachbegriff dazu: No-Show-Rate. Dominik Schreyer, Junior-Professor für Sportökonomie an der WHU – Otto Beisheim School of Management“ in Düsseldorf, forscht dazu mit Unterstützung der Liga: „Für meine Studien stellt mir die DFL in der Regel offizielle Zutrittsdaten zur Verfügung.“ Technisch ist das längst kein Problem mehr: Moderne Einlasssysteme haben den Ordner, der die Karte abreißt oder die Dauerkarte locht, abgelöst. 

Schreyer begann vor sechs Jahren mit seinen Forschungen, ein Bundesligaverein hatte ihn darum gebeten. Es wurde nach Lösungen gesucht, wie man es vermeiden könnte, dass sich auf den Rängen unerklärliche Lücken auftaten. War man nicht mittendrin in einer Boomphase des Fußballs? War man, in der Tat. Und ist es immer noch, wenn etwa der FC Bayern vor Beginn einer Saison vermeldet, alle seine Heimspiele seien ausverkauft und eigentlich überbucht. Dennoch leidet auch der FC Bayern unter einer sich verstärkenden No-Show-Mentalität seiner Fans. 

Man muss in die Geschichte tiefer eintauchen, dann stellt man fest: Der FC Bayern ist ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Und bei den meisten anderen Vereinen verhält sich das genauso. Anfang des Jahrtausends wurden im Hinblick auf die WM 2006 in Deutschland die Stadien anders gestaltet. Stehplatzblöcke wurden verkleinert, das Fassungsvermögen der einst ausladenden Betonschüsseln schrumpfte. Wer eine neue Arena errichtete, richtete die Kapazität nicht mehr an der Vorstellung aus, man müsse möglichst alle Kartenwünsche für die Heimspiele gegen Bayern München erfüllen können. Zum Maßstab wurde der Alltag: Auch gegen Mainz wollte man die Atmosphäre eines annähernd gefüllten Stadions erleben. Deswegen wurden keine Stadien für 70 000 Leute errichtet (Ausnahme München), sondern für 30.000 bis 50.000. 

Die Folge: Der Zuschauer konnte sich nicht immer sicher sein, er werde an der Tageskasse schon noch ein Ticket bekommen und könne spontan entscheiden, ob er zum Fußball wolle – nein, nun musste er planen. Im Vorverkauf handeln. Das brachte den Vereinen Planungssicherheit. Was auch anstieg: der Absatz an Dauerkarten. Fans, die für die begehrten Spiele leer ausgegangen waren, sicherten sich durch ein Abonnement ab. Doch wer froh ist, dass er gegen Bayern und Dortmund dabei sein kann, spart sich vielleicht das Gastspiel von Augsburg oder Hannover. „Die Dauerkarte ist eine Art Versicherung: Ich kann jedes Spiel sehen, muss es aber nicht. Die heutigen No-Shows“, sagt Schreyer, „sind eigentlich das Ergebnis einer sehr starken Ticketnachfrage nach Bundesligaspielen.“ 

Der Professor versucht, Verhaltensmuster zu ergründen: Warum gehen Fans nicht immer ins Stadion, wenn sie doch könnten? Und wann? Bleibt man am Sonntagabend eher weg als am Samstagnachmittag beim 15.30-Uhr-Klassiker? Nein! „Eine Ausnahme bilden lediglich die Spieltage, die an einem Dienstag- oder Mittwochabend gespielt werden- da ist die No-Show-Rate signifikant höher als am Wochenende.“ 

Gibt es einen Jahreszeiten- und Wetterfaktor? Durchaus. „In unseren Forschungsergebnissen sehen wir, dass die No-Show-Rate in der Bundesliga zu Beginn und Ende einer Saison relativ gering ist und dass das Wetter eine wichtige Rolle spielt. Die optimale Temperatur liegt bei 19 Grad Celsius – wird es kälter oder wärmer, steigt die Zahl der No-Shows.“ 

Was Schreyer noch auffällt: Zwar gebe es „keinen pauschalen Zusammenhang zwischen Auswärtsteam und No-Show-Rate“, doch bei Derbys ist sie am geringsten. Auch noch wichtig ist die Erkenntnis, dass No-Shows bei Dauer- viel häufiger auftreten als bei Einzeltickets. Nur „sehr wenige Dauerkartenbesitzer“ würden wirklich jedes Heimspiel ansehen, weiß Dominik Schreyer. Früher gaben sie ihre Karte dann eben im Bekanntenkreis weiter, heute ermöglichen die Vereine den unkomplizierten Austausch über von ihnen eingerichtete elektronische Börsen. 

Ein Instrumentarium, dessen manche Vereine (Bayern, Dortmund, Wolfsburg, HSV) sich bedienen, ist der Entzug des Dauerkartenvorkaufsrechts. Es kommt häufig vor, dass Dauerkarten aus Gewohnheit behalten werden und dass ihr Besitzer sie nur zu Highlights nutzt. Sie sind preisgünstig. Mit den Jahrzehnten kann die Lust am Fußball verloren gehen, oder das Leben rückt anderes in den Vordergrund: Beruf, Familie, eigenes Haus. Einige Prozesse wegen Entzugs von Dauerkarten wurden bereits geführt. Schreyer glaubt, dass dieser „Bestrafungsmechanismus“ wohl nur bei einer „gut gefüllten Warteliste“ auf Dauerkarten wirkt. Die No-Show-Rate wird von den Vereinen als hässlicher Fleck wahrgenommen. Dominik Schreyer sagt, die radikalste Lösung zur Bekämpfung einer hohen No-Show-Rate wäre die Abschaffung der Dauerkarten.

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