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Wohl frühstens ab dem 16. Mai fliegt der Ball in der Bundesliga wieder ins Netz.

Corona-Krise

Fußball-Bundesliga: Mediziner warnt vor zu frühem Wiederbeginn

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    Frank Hellmann
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Ein Fifa-Topmediziner warnt den Profifußball eindringlich vor einem verfrühten Wiederbeginn. Die Bundesliga macht sich derweil bewusst klein - und verspricht einen Reformprozess.

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  • Mediziner warnt vor verfrühtem Wiederbeginn
  • Politik entscheidet über Fortsetzung der Bundesliga

Sich klein zu machen, gehört nicht unbedingt zu den Wesensmerkmalen von Bundesligaboss Christian Seifert. Aber in Coronazeiten kann so eine strategische Selbstverzwergung durchaus ein kluges taktisches Mittel sein, um in gesellschaftspolitisch aufwühlenden Zeiten seine Ziele zu erreichen. An diesem Donnerstag steigt die nächste Gesprächsrunde von Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder. Doch während die mit Seifert in regelmäßigem Austausch befindlichen Ministerpräsident Markus Söder (Bayern, CSU) oder Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen, CDU) den Volkssport Nummer eins bereits als willkommenes Vehikel benutzten, um sich als Entscheider hinzustellen, vermied die Regierungschefin bislang ein Statement zur Frage der Fußballnation: Wann kann in der Bundesliga – mit Schubkraft der „Bild“-Zeitung und deren mit Seifert recht gut bekannten Chefredakteurs Julian Reichelt – wieder der Ball rollen?

Bundesliga: Gibt die Politik grünes Licht?

Die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Spielbetriebs in den beiden Lizenzligen wird dadurch genährt, dass offenbar sowohl das Bundesarbeitsministerium als auch die Sportministerkonferenz (SMK) grundsätzlich grünes Licht erteilt haben für das von der Taskforce ausgetüftelte Sicherheits- und Hygienekonzept. „Die Fortsetzung des Spielbetriebes in der Fußball-Bundesliga vor leeren Zuschauerrängen erachtet die SMK nach wie vor ab Mitte oder Ende Mai für vertretbar“, teilte die SMK-Vorsitzende, Bremens Sportsenatorin Anja Stahmann (Grüne), mit. Allerdings dämpfte die SMK am Vortag des Videogipfels allzu große Hoffnungen, dass schon Entscheidungen fallen. Bedeutet für die Bundesliga: Erst der 16. Mai, eher gar der 23. Mai oder 30. Mai, sind für einen Neustart realistisch.

Der Profifußball übt sich bis zum Plazet der Politik in Bescheidenheit, was vermehrt in demütigen Worten Ausdruck findet. Wie viel strategisches Geschick und wie viel Wahrhaftigkeit sich dahinter verbirgt, kann nur die Zukunft zeigen. Seifert, unermüdlicher Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, hat bisher fast alles richtig gemacht, zuletzt in einem „FAZ“-Interview, in dem der 50-Jährige für die zu Maßlosigkeit neigende Wachstumsbranche einen Reformprozess empfahl. Dazu soll im Herbst die nächste Taskforce, die dann „Zukunft Profifußball“ heißt, gegründet werden. Die DFL, die Jahr für Jahr neue Rekordzahlen vermelden konnte und dabei die geringfügige Umsatzrendite der allermeisten Klubs im Zahlendickicht versteckte, befürwortet laut Seifert künftig eine Obergrenze für Gehälter und kritisiert Berater, die Unsummen kassierten, auch wenn sie nur einen Musterarbeitsvertrag aus dem Internet hochladen würden.

Bundesliga: DFL-Chef fordert Veränderungen

Hinter dem Anprangern solcher Missstände dürften nicht allein jene Zuschriften stecken, die Seifert nach eigenem Bekunden nachdenklich gestimmt haben. Der DFL-Topmanager räumte ein: „Wir wollen nicht einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher.“ Genau das fordern übrigens in ähnlicher Form die verschiedenen Fanorganisationen, deren Sprecher in ihren Meinungsäußerungen teilweise mehr Weitsicht erkennen ließen als manch ein Bundesligamanager.

Appelle an das Verantwortungsgefühl wird es auch an anderer Stelle brauchen: Denn noch stellt in dem medizinischen Konzeptpapier der DFL der Umgang mit einem positiven Corona-Fall die entscheidende Schwachstelle dar. Die DFL-Medizinfachleute unter Professor Tim Meyer wollen nur den betroffenen Akteur isolieren, allerdings nicht die gesamte Mannschaft unter Quarantäne stellen, wie es beispielsweise bei Eintracht Frankfurt nach vier Fällen – zwei Spieler und zwei Betreuer – passiert ist. Das Robert-Koch-Institut stuft „Personen mit kumulativ mindestens 15-minütigem Gesichtskontakt (Face to Face)“ als Risikogruppe 1 ein. Meyers Gremium will diese automatische Kategorisierung vermeiden, auch durch die enge Testung.

Bundesliga: Müssen Spieler in Dauer-Quarantäne?

Da aber könnte die Sportministerkonferenz vielleicht nicht mitspielen. „Die SMK weist daraufhin, dass im Falle einer positiven Testung von Spielern und Betreuern Quarantänemaßnahmen für das betroffene Team erforderlich sind“, heißt es in einer Beschlussvorlage. Letztlich entscheiden örtliche Gesundheitsbehörden über den Umfang solcher Maßnahmen. Insofern wäre am besten, wenn sich die Beteiligten in einer Art „Quasi-Dauer-Quarantäne“ nur noch zwischen Privatwohnung, Trainingsplatz und irgendwann auch wieder Bus, Teamhotel und Spielfeld aufhalten.

Derweil hat Michel D’Hooge, kein Geringerer als Vorsitzender der medizinischen Kommission der Fifa, in seriösen britischen Medien dringend vor Fußballspielen vor Ende August gewarnt: „Es ist keine Sache des Geldes, es ist eine Sache von Leben und Tod.“ Wenn es jemals eine Zeit gegeben hätte, medizinische Argumente ökonomischen Zielen überzuordnen, dann sei das jetzt der Fall, so der Belgier.

Von Frank Hellmann und Jan Christian Müller

Der DFB ruft 262 Funktionäre virtuell zusammen, um Wege aus dem Corona-Dilemma zu finden. Die Bundesligaspieler stehen vor der Rückkehr in Quarantäne-Camps. Auch eine Maskenpflicht auf der Ersatzbank und Corona-Tests für Spielerfamilien sind möglich.

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