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Christian Seifert auf der DFL-Pressekonferenz in Frankfurt

Fußball

Bundesliga: Es geht ums Überleben

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Es gibt keine Patentrezepte gegen den durch die Pandemie ausgelösten Stillstand im gesamten Fußball. Dafür ist die Situation derzeit zu wenig eindeutig, so Christian Seifert.

Bernd Hoffmann, äußerlich unversehrt aus dem Österreich-Urlaub zurückgekehrt, hatte eigentlich vorgehabt, die schwere Tür zum Konferenzsaal in einer kurzen Sitzungspause mit dem Ellbogen zu öffnen. Ganz so, wie es zur Sicherung der persönlichen Unversehrtheit in Zeiten von Corona von Gesundheitsexperten empfohlen wird. Aber dann gab der Klubchef des Hamburger SV bald auf, die Tür ließ sich per Ellbogen schier nicht aufkriegen, also nahm Hoffmann seine rechte Hand zur Hilfe. Krisenmanagement erfordert besondere Maßnahmen, das gilt für den deutschen Profifußball gerade auf vielen Ebenen, nicht nur beim Türöffnen. Am Montag hatten sich deshalb die Vertreter der 36 Lizenzvereine der Ersten und Zweiten Bundesliga, geografisch günstig direkt gegenüber dem Terminal 1 des Frankfurter Flughafens gelegen, zum dreistündigen Meeting getroffen.

Noch – das wurde dann bei den Ausführungen des Chefs der Deutschen Fußball-Liga, Christian Seifert, deutlich – gibt es keine Patentrezepte gegen den durch die Pandemie ausgelösten Stillstand im gesamten Fußball. Dafür ist die Situation derzeit zu wenig eindeutig. Doch klar ist, dass auch Profiklubs in Existenznot geraten. „Wir ringen um Lösungen, damit die wirtschaftliche Lage nicht außer Kontrolle gerät. Wir müssen darüber sprechen, wer wie lange ohne Spiele durchhält. Es steht mehr auf dem Spiel als nur ein paar Fußballspiele“, machte der 50-Jährige deutlich.

Ausgesetzt wird auch der 27. Spieltag in Bundesliga und 2. Bundesliga. Über die Fortführung des Spielbetriebs soll innerhalb der Liga in der letzten März-Woche gesprochen werde, Der angespannt wirkende Seifert glaubt selbst nicht, dass Anfang April schon wieder Bundesliga-Begegnungen stattfinden können. Die für den heutigen Dienstag angesetzte Sitzung der Uefa mit der Verschiebung der Europameisterschaft soll neue Handlungsoptionen eröffnen.

Der mit Uefa-Präsident Aleksander Ceferin gut vernetzte Liga-Boss bezifferte die Chance auf eine EM-Austragung auf unter ein Prozent. „Ich gehe davon aus, dass wir ab Dienstag mehr Flexibilität haben und mit Terminen im Mai und Juni rechnen können.“ Alle Klubs hätten „den Anspruch, diese Saison – soweit rechtlich möglich und gesundheitlich vertretbar – zu Ende zu spielen. Es ist noch viel zu früh, um darüber zu spekulieren, ob am 19. oder am 26. April oder im Mai oder Juni gespielt werden kann.“

Alle 36 Lizenzvereine wurden aufgefordert, der DFL zeitnah schriftlich mitzuteilen, wie lange sie bis zur Schwelle der Insolvenz hin durchhalten, wenn kein Fußball gespielt werden kann. Es gehe nicht nur um die „gut bezahlten Bundesligaspieler“ (Seifert), sondern dahinter würden 56 000 Arbeitsplätze stehen. Deshalb dürfe es auch kein Tabu bei Geisterspielen geben, um die´restlichen TV-Einnahmen (380 Millionen Euro für die verbleibenden neun Spieltage) so noch zu kassieren. Wer das rundweg ablehne, müsse sich darüber bewusst sein, dass das einigen Klubs die Existenz kosten würde. „Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit sind eine Überlebenschance.“

Das sieht die Faninitiative „Unsere Kurve“ ganz anders. Sie forderte, die Saison so lange zu unterbrechen, „wie es gesamtgesellschaftlich notwendig ist“. Es dürfe nicht dazu kommen, „dass das öffentliche Leben stillgelegt wird, der Profifußball aber weiterhin mit allen Mitteln versucht, eine Scheinrealität aufrecht zu erhalten.“ Insofern seien auch Geisterspiele „keine Alternative“. Die Initiative forderte die Klubs auf, sich aus eigener Kraft zu helfen.

Über staatliche Hilfen, beispielsweise über Kurzarbeit, beteuerte Seifert, sei nicht gesprochen worden, sehr wohl aber würden diverse Klubs die Bereitschaft der üppig entlohnten Profis ausloten, sich über deren Gehaltsverzicht einen Teil des größten Kostenblocks zu entledigen.

„Wir erleben nicht nur eine finanzielle, sondern moralische und emotionale Solidarität. Es geht nicht darum, wer in der Öffentlichkeit am besten dasteht, sondern es geht ums Überleben“, sagte der DFL-Geschäftsführer, der selbst gerade die schwierigste Phase seines Berufslebens erlebt, die er in den gesellschaftlichen Kontext einzuordnen versuchte: „Was gestern noch sicher und normal war, ist nicht mehr sicher und normal. Wir wissen nicht, was morgen ist.“ Ihm sei bewusst, ergänzte Seifert, „dass es viele andere Unternehmen gibt, die in größeren Problemen stecken.“

Konkret müssen die Vereine bei einem Abbruch der Saison mit einem wirtschaftlichen Schaden von bis zu 750 Millionen Euro rechnen. Versichert seien die TV-Gelder nicht, räumte Seifert ein, das wisse er auch von anderen europäischen Topligen. Immerhin: Die DFL hat 2018 alleine eine Spielausfallversicherung abgeschlossen, die allerdings nur gebuchte Fahrt- und Übernachtungskosten ersetzt. „Unser Versicherungsschutz deckt eine Pandemie nicht ab. Vor vier Jahren hätte uns die Versicherungsprämie für ein solches Szenario abgeschreckt“, sagte Seifert, der von einem Szenario „wie im Science-Fiction-Film“ sprach.

Noch wand sich der DFL-Chef, um die Frage, was passiert, wenn der Ball beispielsweise über den 30. Juni im Herzen Europas nicht rollen kann. In China hat es – bei weitaus drastischeren Restriktionen für die Bevölkerung – acht Wochen gedauert, um die Ausbreitung des heimtückischen Virus einzudämmen. Kann es in der Bundesliga dann überhaupt Absteiger geben? Seifert wollte diese Frage nicht beantworten. „Es ist nicht redlich, Ja oder Nein zu sagen. Erst mal ist das Interesse, diese Saison zu Ende zu spielen.“ Irgendwie. Irgendwann.

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