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Auch er wird bei den Spielen einen Mundschutz tragen müssen: Jens Keller, Trainer des Zweitligisten 1. FC Nürnberg.

Bundesliga

Feldversuch mit Fußballlehrern

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Die Bundesliga prescht mit der Aufnahme ihres Betriebs weit vor. Den Trainern wird für das Pilotprojekt besonders viel zugemutet.

  • Fußball-Bundesliga nimmt Saison wieder auf 
  • Trainer sind mit Mundschutz unterwegs
  • Die Bundesliga hat den Vorzug vor anderen Lebensbereichen bekommen

Auch das will erst geübt werden. Dass künftig die Trainer mit einem Mundschutz am Spielfeldrand ausgestattet sind, erfordert Julian Nagelsmann neue Verhaltensweisen ab. „Kurz bevor ich anfangen will zu schreien, muss ich den Mundschutz runterziehen, und kurz nachdem ich aufhöre, muss ich ihn wieder aufsetzen.“ Der Trainer von RB Leipzig will die Prozedur am Samstag im Training mal austesten. Sicher ist sicher. Wäre ja ärgerlich, wenn die Maske plötzlich vollgesabbert wäre, nur weil der 32-Jährige seine Systemumstellung versehentlich mit Maulkorb übermittelt. Nagelsmann und Kollegen müssen jetzt in ihrem Verantwortungsbereich am offenen Herzen operieren. Aber immerhin sind sie dabei bestens geschützt.

Fußball-Bundesliga geht wieder los: DFL mutet Trainern einiges zu

Vom Homeoffice binnen kürzester Zeit in den Vollbetrieb – die Vorbereitung für dieses einmalige Versuchsprojekt in 57 Jahren Bundesliga ist eigentlich viel, viel zu kurz. Für Hansi Flick, den Trainer vom Branchenführer FC Bayern, geht es demnächst nur „um die Mentalität.“ Was vorher war, zähle nicht mehr, sagt der 55-Jährige. Im Grunde wissen die Fußballlehrer, dass sie die Leidtragenden sind, denen beim Blitzstart in einen hoffentlich virusfreien Vollkontaktsport besondere Verrenkungen abverlangt werden. Christian Seifert als Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hat eingestanden, dass man den Trainer einiges zumute.

Die Ansteckungsgefahr ist durch das Hygiene- und Sicherheitskonzept garantiert verringert, aber die Verletzungsgefahr durch den eiligen Feldversuch definitiv vergrößert. Motto: lieber zwei Muskelfaserrisse als einen Corona-Fall. Jammern aber gilt nicht. Nicht mal mehr beim SV Werder, wo sich der Bremer Senat besonders bockig anstellt, was Sonderrechte für den Profifußball angeht. „Ich würde sagen, dass wir in der Breite grundsätzlich über eine bessere Fitness verfügen als vor der Pause“, versicherte Trainer Florian Kohfeldt. „Jetzt geht es darum, die fußballspezifische Fitness, die du nicht mit vier Mann trainieren kannst, uns in der kurzen Zeit zu vermitteln.“ Der 37-Jährige kann sich trösten: Solch einen Kaltstart hat es auch für Kollegen noch nicht gegeben. 

Auch neue Trainer wie Heiko Herrlich (FC Augsburg) und Bruno Labbadia (Hertha BSC) hätten sich mehr Vorlaufzeit gewünscht. Parallel muss den Spieler vermittelt werden, dass Fehlverhalten außerhalb des Platzes schwerer wiegen als Fehlpässe auf dem Spielfeld. Die umfänglichen Konsequenzen nach positiven Tests – gerade im Normalbetrieb von Training und Spiel – bleiben unklar. Der Ball liegt dann bei den lokalen Gesundheitsbehörden. Werden einzelne Ämter womöglich doch ganze Mannschaften aus dem Verkehr ziehen? Es ist, wie die Vorsitzende der Sportministerkonferenz Anja Stahmann (Grüne) aus Bremen treffend sagte: „Der Tanz auf einem Seil.“

Wiederbeginn der Bundesliga: Amerikanische Profiligen sind am DFL-Konzept interessiert

Wie viele Spieler dürfen denn eigentlich an Corona erkranken? Seifert hatte erläutert, dass die Statuten der Spielordnung nicht geändert worden sind. Dort findet sich unter Teil III, Richtlinien zur Spielordnungen, der Paragraph 2 Spielansetzungen. Bei Punkt 3 „Absetzung wegen Erkrankung“ heißt es: „Dem Antrag (auf Absetzung) ist nicht stattzugeben, wenn mehr als 13 spielberechtigte Lizenzspieler und/oder in der Lizenzmannschaft spielberechtigte Amateure/Vertragsspieler zur Verfügung stehen.“ Ausfälle durch das Coronavirus werden nicht anders behandelt werden als die Erkrankung mehrere Akteure durch einen Magen-Darm- oder Grippevirus. Nicht umsonst erging an die 36 Lizenzvereine schon früh die Aufforderung, „für einen ausreichend großen Kader“ zu sorgen.

Die Bundesliga hat den Vorzug vor anderen Lebensbereichen bekommen. Vor allen anderen Sportarten und Sportligen sowieso. International spürt Seifert größte Hochachtung vor dem eingeschlagenen Sonderweg. Sogar amerikanische Profiligen wie NFL, NHL, und NBA sind interessiert. Im besten Fall liefert die Bundesliga ihnen die Blaupause. Das ist die Chance. Das Risiko besteht darin, dass diejenigen, die im Mittelpunkt des Konzeptes stehen, ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Dass die Profis sich bald wieder mit zu vielen Freunden treffen; dass sie ausgehen oder reisen, wo doch draußen das süße Leben langsam beginnt. Eine Voll-Quarantäne der Spieler bis zum Saisonschluss sei aus rechtlichen Gründen nicht umsetzbar, erklärte Seifert.

Mehrheit in Deutschland ist gegen Bundesliga-Fortsetzung

Die DFL setzt viel aufs Spiel – und hat wichtige Karten nicht mehr selbst in der Hand. Der langfristige Schaden kann größer sein als der kurzfristige Nutzen. Es muss hellhörig machen, wenn selbst eine Hälfte der Leser vom Fußball-Fachmagazin „Kicker“ eine Saisonfortsetzung nicht mehr befürwortet. In der neuesten Umfrage für den „ARD-DeutschlandTrend“ stimmen sogar nur 36 Prozent dafür. Offenbar ist schon einiges in der Beziehung zur Basis in die Brüche gegangen. Vielleicht vermitteln ja Fernsehbilder von Trainern mit Mundschutz, dass die Protagonisten die Zeichen der Zeit erkannt haben – und wieder mehr Vertrauen verdienen.

Von Frank Hellmann

Inzwischen muss die gesamte Mannschaft von Zweitligist Dynamo Dresden in Quarantäne. Das Projekt Re-Start der Ersten und Zweiten Bundesliga droht zu scheitern, bevor es überhaupt begonnen hat. Der Kommentar.

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