Gespenstische Aussichten: Bei rasant steigenden Zahlen könnte es passieren, dass wie in Frankfurt bald auch in Mainz gar keine Zuschauer mehr gestattet werden.
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Gespenstische Aussichten: Bei rasant steigenden Zahlen könnte es passieren, dass wie in Frankfurt bald auch in Mainz gar keine Zuschauer mehr gestattet werden.

Geisterspiele

Corona-Krise in der Bundesliga: Gespenstische Aussichten für den Fußball

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die steigenden Corona-Zahlen führen wieder zu mehr Geisterspielen in der Fußball-Bundesliga. Auch das nächste Heimspiel von Eintracht Frankfurt findet ohne Zuschauer statt.

  • Das kommende Heimspiel von Eintracht Frankfurt wird wegen der Corona-Krise zum Geisterspiel.
  • Die Bundesliga-Partie zwischen Mainz und Leverkusen dürfen nur 250 Zuschauer im Stadion ansehen.
  • Hertha BSC und Union Berlin profitieren von einer Sonderbehandlung.

Frankfurt - Es war eine beeindruckende Präsentation, mit der Eintracht Frankfurt am 11. September in die Öffentlichkeit ging. In einer Businessloge der Frankfurter Arena stellte Vorstand Axel Hellmann das „dynamische Zuschauerkonzept in Zeiten der Corona-Pandemie“ vor. Die Infektionszahlen bewegten sich landesweit auf niedrigem Niveau. Der hessische Bundesligist hatte an jenem Tag die Genehmigung für 6500 Zuschauer zum Auftaktspiel gegen Arminia Bielefeld erhalten. In dem Papier war aufgeschlüsselt, wie die Arena (51 500 Plätze) sogar mit bis zu 11 275 Zuschauern belegt werden könnte. Hellmann sagte: „Ob 5000, 6500 oder 9000 – die Zahl ist das unspannendste.“

Bundesliga: Eintracht Frankfurt gegen Werder Bremen ohne Zuschauer

Einen Monat später hat das unberechenbare Virus diese Aussage überholt. Weil die Sieben-Tage-Inzidenz – Fälle binnen einer Woche pro 100 000 Einwohner – immer neue Rekordhöhen in Frankfurt erreicht, beschloss die Stadt am Donnerstag strenge Regeln, die alle Zahlenspiele hinfällig machen: Keine Zuschauer bei Profi-Veranstaltungen heißt es da. Das nächste Heimspiel der Eintracht gegen Werder Bremen (31. Oktober) wird zum Geisterspiel. Angesichts einer Inzidenz von aktuell 70,9 in Frankfurt sieht Gesundheitsdezernent Stefan Majer keine andere Wahl: „Für Spielchen ist jetzt keine Zeit mehr. Wir müssen jetzt bei den Infektionszahlen die Trendwende schaffen.“ Betroffen vom Fanverbot ist auch der Regionalligist FSV Frankfurt.

Die Spieler von Eintracht Frankfurt werden im nächsten Heimspiel vor leeren Zuschauerrängen antreten.

Für das Auswärtsspiel der Eintracht beim 1. FC Köln (Sonntag, 15.30 Uhr) sind derzeit 300 Besucher erlaubt. Die Behörden ließen auch bei den Länderspielen gegen die Türkei und Schweiz nicht mehr Personen zu. Obgleich der Klub Pläne ausgearbeitet hat, in denen von der Anreise, über den Einlass bis hin zur Platzbelegung alles penibel geregelt wäre.

Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle, zugleich Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hat sich im „Kölner Stadtanzeiger“ für ein generelles Umdenken eingesetzt: „Wir sollten uns grundsätzlich fragen, ob wir nur den Inzidenzwert betrachten oder das umfangreiche Hygienekonzept der Klubs heranziehen. Unseres ist als tragfähig und hervorragend eingestuft worden.“

Hellmann lobte das Kölner Modell übrigens als ähnlich beispielhaft für die „gesamte Konzert- und Eventbranche“ wie die Frankfurter Konzeption. Diese wird vom Hygieneinstitut der Uniklinik beurteilt: Ansteckungen im Umfeld der ersten Heimspiele sind nicht registriert.

Die Lage in den Heimspiel-Städten

In den Stadien der Fußball-Bundesliga sind teilweise Zuschauer zugelassen – sofern die sogenannte Inzidenz (Corona-Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage pro 100 000 Einwohner) den Wert von 35,0 nicht übersteigt. Ein Überblick über die einzelnen Städte/Landkreise und die Teams, die am Wochenende Heimspiele haben (Wert vom 15. Oktober 2020, 0.00 Uhr laut Robert Koch-Institut): FC Augsburg Kapazität: 30 660 (0), Standort: Stadt Augsburg, Inzidenz: 64,1 (offizielle Zahl Stadt Augsburg, RKI-Zahl 49,9). Hertha BSC Kapazität: 74 475 (weniger als 5000), Standort: Bezirk Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf, Inzidenz: 68,8. Anmerkung: Die Berliner Infektionsschutzverordnung begrenzt die Zahl der Zuschauer bei Großveranstaltungen im Freien auf 5000. Arminia Bielefeld Kapazität: 26 515 (5400), Standort: Stadt Bielefeld, Inzidenz: 43,7. SC Freiburg Kapazität: 24 000 (3200), Standort: Stadt Freiburg, Inzidenz: 29,8. Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, Inzidenz: 18,6. Anmerkung: Der Gesundheitsamtsbezirk beinhaltet die Stadt Freiburg und den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Für das Spiel am Samstag haben die Behörden 3800 Zuschauer erlaubt. TSG Hoffenheim Kapazität: 30 150 (6030), Standort: Rhein-Neckar-Kreis, Inzidenz: 31,7. 1. FC Köln Kapazität: 50 000 (0 oder 300), Standort: Stadt Köln, Inzidenz: 69,2. FSV Mainz 05 Kapazität: 33 305 (250), Standort: Stadt Mainz, Inzidenz 66,8. Borussia Mönchengladbach Kapazität: 54 022 (10 800), Standort: Stadt Mönchengladbach, Inzidenz: 34,5. FC Schalke 04 Kapazität: 62 271 (0), Standort: Stadt Gelsenkirchen, Inzidenz: 65,9. (sid)

Wie schnell die Hoffnungen auf eine Zuschauerrückkehr platzen, erfährt auch der Nachbar FSV Mainz 05. Ursprünglich war alles vorbereitet, dass morgen 6800 Zuschauer gegen Bayer Leverkusen kommen können. Weil sich innerhalb einer Woche die Coronazahlen in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz jedoch verdoppelt haben, sind nur noch 250 erlaubt: Stadtsprecher Ralf Peterhanwar verwies in der „Allgemeinen Zeitung“ darauf, dass die Stadt Mainz mit einem Inzidenzwert von 64 „ganz weit oben in der Bundesligatabelle“ liege. Alle Parameter seien im roten Bereich. „Das muss auch ein Bundesligist akzeptieren. Ein Virus macht nicht vor den Stadiontoren Halt.“

FSV Mainz 05: Sondergenehmigung für Bundesligaspiel gegen den VFB Stuttgart

Vorstand Jan Lehmann empfindet die „restriktive Linie“ der Stadt als „sehr hart“. Er plädiert dafür, die Genehmigung von der Inzidenz-Richtschnur zu lösen. Lehmann: „Wir haben bisher keinen Hinweis darauf, dass es in Stadien zu Ansteckungen kam. Ich finde die Entscheidung daher sachlich schwer nachzuvollziehen.“ Durch die Reduktion der Besucherzahl gehen dem Klub zwischen 400 000 und 500 000 Euro an Einnahmen durch die Lappen. Das ist kein Pappenstiel. Für die ersten Pflichtspiele im DFB-Pokal gegen den TSV Havelse (1000 Zuschauer) und in der Bundesliga gegen den VfB Stuttgart (3400) hatten die Rheinhessen eine Sondergenehmigung erhalten.

Corona: Ultra-Gruppierungen bewerben sich nicht für Bundesliga-Eintrittskarten

Bei den organisierten Fans war der Vorstoß der Vereine und der DFL, „möglichst schnell wieder Publikum zuzulassen“, ohnehin nicht gut angekommen. „Es gibt viele Fans, die sagen: Warum muss der Fußball weiterhin laufen? Warum steht nicht die Bekämpfung der Pandemie an erster Stelle?“, fragt Jost Peter vom Fanbündnis „Unsere Kurve“. Die Ultra-Gruppierungen – auch in Frankfurt – bewerben sich gar nicht erst um Eintrittskarten.

Die Teilzulassung von Zuschauern ist zunächst bis Ende Oktober angelegt und an gewisse Voraussetzungen (keine Gästefans, keine Stehplätze, kein Alkohol) gebunden, um eine Höchstgrenze von 20 Prozent der Stadionkapazität zu erlauben. Ein Flickenteppich regionaler Lösungen galt von vornherein als unvermeidbar. So könnte es auch am vierten Spieltag passieren, dass Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Wolfsburg am Samstagabend (20.30 Uhr) vor bis zu 10 000 Fans antritt, der FC Augsburg aber fünf Stunden vorher gegen RB Leipzig ein Geisterspiel bestreitet.

Berliner Bundesligisten erhalten Corona-Sonderbehandlung

Von einer Sonderbehandlung profitieren die Berliner Bundesligisten. Hertha BSC soll gegen den VfB Stuttgart im weitläufigen Olympiastadion (Kapazität 74000) vor 4000 Besuchern auflaufen können – trotz eines Inzidenzwertes von weit über 70 in der Hauptstadt. Union hatte sogar die Belegung von Stehplätzen beim Berliner Senat durchgebracht. „Das zeigt, dass die Behörden in anderen Städten trotz teilweise höherer Fallzahlen anders reagieren“, sagt Mainz-Vorstand Lehmann, der für das übernächste Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (24. Oktober) erneut eine Sondergenehmigung beantragen will. Unwahrscheinlich, dass diese gestattet wird. Eher könnte es bei rasant steigenden Zahlen passieren, dass wie in Frankfurt bald auch in Mainz gar keine Zuschauer mehr gestattet werden. Fürwahr gespenstische Aussichten. (Frank Hellmann)

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