1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Fußball aus der Konserve

Erstellt:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Da geht der Kopf tief runter;: Kai Havertz. Foto: dpa
Da geht der Kopf tief runter;: Kai Havertz. Foto: dpa © dpa

Die bekannten Probleme der DFB-Auswahl gegen tief stehende Mannschaften treten erneut zu Tage. Wo sind Lösungen für das maue Angriffsspiel? Ein Kommentar.

Eigentlich ist das Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Nations League am Montagabend im Wembleystadion bedeutungslos. England ist bereits als Tabellenletzter abgestiegen. Deutschland kann die Gruppe nicht mehr gewinnen. Aber abgesehen vom Prestige geht es für beide Mannschaften noch um viel mehr. Darum nämlich, nicht mit dem flauen Gefühl von Niederlagen in der Bauchgegend Mitte November zur WM nach Katar düsen zu müssen. Das wäre ein Stimmungskiller im Vorfeld eines Turniers, auf das sich sowieso kaum jemand freuen kann.

Mit der unreifen Leistung beim 0:1 gegen Ungarn hat sich das DFB-Team viel von dem wieder eingerissen, was es sich vorher unter Hansi Flick mühevoll Stück für Stück aufgebaut hatte. Das Wenige, was in Leipzig gezeigt wurde, erinnerte verdächtig an die Endphase unter Joachim Löw. Fußball aus der Konserve sozusagen. Es stimmte, man muss das so ehrlich sagen, praktisch nichts. In dieser Form ist Deutschland weit weg von dem eigenen Anspruch, bei der Weltmeisterschaft nicht frühzeitig alle Hoffnungen im Wüstensand begraben zu müssen.

Zur Wahrheit gehört aber natürlich auch, den nicht für die WM qualifizierten Ungarn Respekt zu zollen. Sie haben nun bereits zum dritten Mal nach dem 2:2 bei der EM vergangenes Jahr in München und dem 1:1 im Hinspiel der Nations League in Budapest demonstriert, wie es mit viel Hingabe und kluger Abstimmung der gesamten Gruppe gelingen kann, die deutsche Mannschaft zu bändigen. Die war also eigentlich hinlänglich gewarnt, spielte lange Zeit aber so Fußball, als gäbe es einen Grund für Überheblichkeit.

Den gibt es selbstverständlich nicht, und Hansi Flick muss sich eingestehen, dass sein ständig wiederholtes Lob gerade für die Offensive, der er in Dauerschleife „hohe Qualität“ attestiert, auf dem Spielfeld viel zu selten in Tore mündet. 1:1 in Italien, 1:1 gegen England, 1:1 in den Niederlanden, 1:1 in Ungarn, nun 0:1 gegen Ungarn. Das ist jene schwer verdauliche Magerkost, die näher an der Wahrheit liegt als das zwischenzeitliche 5:2 gegen Italien im Juni in Mönchengladbach.

Diejenigen, die sich schon selig in den Armen lagen, nachdem Deutschland unter dem neuen Bundestrainer Kantersiege gegen Island, Liechtenstein und Armenien erlangt hatte, sollten die Realität der Qualität des deutschen Fußballs inzwischen wieder besser einschätzen können. Es wurde um Wundermann Flick von Beginn an ein wenig zu laut gejubelt. Was auch damit zu tun hatte, dass es unter Löw am Ende eine bleierne Zeit gewesen war. Flick selbst weiß das nüchtern einzuschätzen.

Der Bundestrainer war nach der allseitigen Enttäuschung sichtbar darum bemüht, Haltung zu wahren. Aus seiner Mimik war wenig abzulesen, was auf Verdruss schließen ließ. Das sah ganz anders aus als etwa zuletzt bei Julian Nagelsmann, der die Bayern-Krise wie ein trotziges Kleinkind moderierte. Flicks Erfahrung und Reife ist da sicher hilfreich, aber weniger als um die Außendarstellung geht es nun darum, mit seinem opulenten Scoutingteam Lösungen im Angriffsspiel zu finden.

Dabei ist es wenig hilfreich, wenn Medien und Fans das Klagelied eines fehlenden typischen Strafraumstürmers anstimmen. Flick kann nur aus dem wählen, was der deutsche Fußball in den vergangenen Jahrzehnten produziert hat. Seit Miro Klose und Mario Gomez niemanden mehr, der internationalen Ansprüchen genügen würde. Gegen einen Gegner, der mit offenem Visier auftaucht (wie zuletzt die Italiener und Montag wohl auch die Engländer) lässt sich das kompensieren. Dann haben Männer wie Timo Werner, Serge Gnabry oder Leroy Sané Räume, um ihrem Spieltrieb erfolgreich nachzugehen. Wenn Gegner aber Raum und Zeit zu geschickt verdichten wie die Ungarn am Freitag in Leipzig, wird es kompliziert. Der erste Gegner bei der WM heißt Japan. Man weiß, was einen erwartet.

Auch interessant

Kommentare