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Fuß auf dem Kopf

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Von: Thomas Kilchenstein

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So kann man das Ding auch reinmachen: Erling Haaland, akrobatisch.
So kann man das Ding auch reinmachen: Erling Haaland, akrobatisch. © Lindsey Parnaby/afp

City-Star Erling Haaland allein entscheidet Spiele - gerne und häufig auf artistische Weise.

Pep Guardiola war fast drei Jahre alt, als der große Johan Cruyff 1973 ein Tor geschossen haben soll, das den heutigen Trainer von Manchester City, mittlerweile 51, an jenes sensationelle von Erling Haaland am Mittwochabend zum 2:1-Siegtreffer gegen Borussia Dortmund erinnerte. Aber wer die verwackelten Bilder bei Youtube von diesem Spiel im Dezember vor 48 Jahren anschaut, im Spiel des FC Barcelona mit der holländischen Legende und Atletico Madrid, der kann der Trainer-Ikone nur bedingt folgen. Sicher: Es war kein schlechtes Tor, das der 2016 verstorbene Cruyff erzielt hat, und in der Tat musste der Schöngeist am Ball seinen Fuß in die Höhe recken, um die Flanke unbedrängt ins leere Tore zu bugsieren.

Aber, mit Verlaub, er kommt niemals an das heran, was Erling Haaland in der Champions League, sechs Minuten vor Ultimo, fabrizierte: Der norwegische Riese, 1,94 Meter groß und 90 Kilo schwer, schwang da seinen linken Fuß über Kopfhöhe in die in den Strafraum geschlagene Flanke. Kein Mensch würde mit dem Fuß in diesen Ball gehen, es war eine Hereingabe für einen kräftigen Kopfball, aber Haaland nahm seinen starken linken Fuß, seitlich, eher mit dem Rücken zum Tor stehend, und drückte die Kugel in artistischer Karate-Kick-Manier ins Netz, vor dem staunenden Nils Schlotterbeck. Ein sensationelles Tor, ein „erlingtastisches“, wie die norwegische Zeitung „VG“ schrieb, ein Tor, das nur Erling Haaland, die Urgewalt, hatte schießen können.

Vielleicht noch Zlatan Ibrahimovic zu seiner besten Zeit, auch er hatte die Fähigkeit, „sein Bein auf den Kopf zu legen“ (Guardiola), er liebte es ebenfalls, Tore per Fuß in luftiger Höhe zu erzielen und manchmal auch per Fallrückzieher aus 40 Metern. „Erling Haaland ist Erling Haalnd“, stöhnte BVB-Recke Mats Hummels hinterher.

„Was für ein Spieler“, entfuhr es Guardiola, ehe er den - nicht ganz passenden - Vergleich mit seinem Idol und Mentor Cruyff bemühte. Haaland, der die kleinen und größeren Showeinlagen vor Publikum liebt, sagte selbst später, er habe halt „lange Beine“ und könne „gut springen“.

Erling Haaland, immer wieder Erling Haaland! Was sind schon für Elogen geschrieben worden über diesen erst 22 Jahre alten Angreifer. „Ein-Mann-Lawine“, „Urgewalt“, „Maschine“, „Dämon“ sind ja nur einige der Superlative über die Kante aus dem Norden, der drauf und dran ist, sämtliche Rekorde zu pulverisieren. Seit seinem Wechsel zu Manchester City im Sommer hat er in neun Pflichtspielen bereits 13 Tore erzielt, in seiner Dortmunder Zeit in 89 Pflichtspielen 86 Treffer, er kam auf 109 direkte Torbeteiligungen. Der Mann, den der BVB schweren Herzens für 60 Millionen Euro hatte ziehen lassen müssen, kennt keine Grenzen - und er hat tatsächlich selbst einen Pep Guardiola zu einem erstaunlichen Paradigmenwechsel bewegt.

Denn der Fußballprofessor, der den Fachbegriff der falschen Neun erfunden hat, also das Spiel ohne echten Mittelstürmer, würde eigentlich am liebsten nur mit Mittelfeldspielern spielen, außer im Tor natürlich. Und dieser Taktik-Nerd holt einen der klassischsten Zielspieler in sein City-Team, das zuweilen 75- , 80 Prozent Ballbesitz hat und den Gegner mit ewigen Ballstafetten förmlich erdrückt? Einen Knipser, der oft abtaucht, am Mittwoch in der ersten Halbzeit auf ganze elf Ballkontakte gekommen war. Wie sollte das funktionieren? Zumal Haaland bei allen Qualitäten nicht dafür berühmt ist, sich an verwirrenden Kombinationen beteiligen zu können.

Zwei Monate Haaland auf der Insel haben ausgereicht, eines Besseren belehrt worden zu sein. Und auch Pep Guardiola hat offenbar gemerkt, was unlängst der „Süddeutschen Zeitung“ aufgefallen war: „Es muss gar nicht immer quer-quer-quer, tiki-taka-tuka oder kreisel-kreisel-kreisel sein, bis der Ball (vielleicht) im Tor ist. Es geht auch direkter, zum Beispiel mit einem Zuspiel auf den echten Neuner Erling Haaland.“ Und da ist es offensichtlich komplett egal, in welcher Höhe das Zuspiel auf den 150-Millionen-Mann kommt, „Erling“, sagt sein Coach grinsend, „ist elastisch“.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Dass BVB-Trainer Edin Terzic unmittelbar vor dem 1:1 Ausgleich durch John Stones auf Dreierkette umstellte, Stürmer Anthony Modeste aus- und Innenverteidiger Schlotterbeck einwechselte, mag nicht die beste Entscheidung gewesen sein. Bis dahin stand die Null. Zudem ließen die sichtlich müde gespielten Dortmunder sowohl Stones als auch Flankengeber Joao Cancelo unbedrängt agieren. Daran entzündete sich hinterher auch die Kritik von Hummels an Emre Can und Marco Reus.

Ein Wahnsinnstor war es dennoch. „Wir haben heute zwei wunderschöne Tore geschossen. Aber meines war ehrlich gesagt noch ein bisschen besser“, sagte Erling Haaland. Wer wollte widersprechen?

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