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Fundament mit Fragezeichen

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Von: Jan Christian Müller

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Jung und Alt auf der Matte vereint: Mario Gomez (links) und Joshua Kimmich.
Jung und Alt auf der Matte vereint: Mario Gomez (links) und Joshua Kimmich. © Imago

Bundestrainer Joachim Löw ist darum bemüht, die Balance aus Mutmachen für die jungen Kerle und Vertrauen in die etablierten Kräfte sensibel auszutarieren.

Wenn Oliver Bierhoff an den Confederations Cup zurückdenkt, wird dem Teammanager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft noch immer ganz warm ums Herz. „Ich gebe zu, dass wir im Vorfeld nicht unbedingt ,Hurra‘ geschrien haben, aber im Nachhinein war alles super.“ So ist das manchmal im Leben. In dem von Bierhoff ganz besonders. Dieser Tage, da am heutigen Freitagabend (20.45 Uhr, RTL) die WM-Qualifikationspartie in der mutmaßlich binnen zwölf Stunden von fast 30 auf 13 Grad heruntergekühlten tschechischen Hauptstadt Prag ansteht, wird der einstige Mittelstürmer an seiner größte Sekunde erinnert: das goldene Tor als Joker im Endspiel der EM 1996 gegen Tschechien. Wenn Bierhoff den einstigen tschechischen Weltstar Pavel Nedved trifft, was regelmäßig geschieht, sage der alte Rivale regelmäßig zu ihm: „Hör bloß auf, du bist ein schwarzes Tuch für uns.“

Mal ganz abgesehen von der Farbenlehre – ein rotes Tuch ist die deutsche Mannschaft für ihre Gegner nicht erst seit dem Husarenstreich des B-Teams beim Confed-Cup und der U21-Mannschaft bei deren EM-Sieg. „Wir sind mächtig stolz darauf, was der deutsche Fußball in diesem Sommer erreicht hat“, freut sich Bierhoff deutlich vernehmbar. Noch deutlicher vernehmbar ist allerdings die Botschaft mit Sicht auf die WM 2018: „Ich warne davor, jetzt die falschen Schlüsse zu ziehen.“ Jenen Schluss nämlich, dass mit den bärenstarken Confed-Cup-Männern zuzüglich der nun zurückgekehrten Weltmeister geradezu logisch am Ende nur der Titelgewinn stehen kann.

Die imaginäre Warnweste trägt Bierhoff mit Überzeugung, vor den EM-Endrunden 2012 und 2016 hatte er seismografisch präzise schon im Vorfeld erspürt, dass es am Ende nicht ganz reichen könnte. 2012, weil es zu viele Grüppchen im Team gab, 2016, weil der Sättigungsgrad vom WM-Titel 2014 bei allen Beteiligten noch zu hoch war.

Weder das eine noch das andere möchte der 49-Jährige 2018 noch einmal erleben. Derzeit sind keine Anzeichen von Hochmut oder teaminternem Ungemach zu diagnostizieren. Im Gegenteil. Bierhoff erwähnt den „großen Vorteil“ der „hohen Flexibilität an taktischen Aufstellungen, die unsere Mannschaft beherrscht“, die auf einer penibel abgestimmten Dreier- oder Viererkette sowie auf stabilen personellen Säulen fußt: Manuel Neuer im Tor, Mats Hummels und der derzeit noch im Aufbautraining befindliche Jérôme Boateng in der zentralen Verteidigung, Toni Kroos und Thomas Müller davor, laut Bierhoff bilden diese Spieler das „Fundament“.

Ein bestens gelaunter Joachim Löw nannte bei der Pressekonferenz im Prager Teamhotel Hummels, Kroos und Müller als „Fixpunkte“ und zählte zudem André ter Stegen, Mesut Özil, Joshua Kimmich, Jonas Hector und Stürmer Timo Werner als sichere Startelfkandidaten auf. Hinzu kommen Weltkeeper Neuer und die aktuell unpässlichen Boateng und Sami Khedira. Ein stabiles Fundament aus Fixpunkten ist das. Einerseits. Andererseits aber auch ein Fundament mit Fragezeichen. Denn Boateng ist weitaus öfter verletzt, als ihm lieb ist; Özil befindet derzeit mal wieder, sicher nicht ohne Grund, im Unwetter der Kritik der Londoner Hauptstadtblätter, Khedira ist wegen Knieproblemen nicht einsatzbereit und muss sich zu seinem Verdruss nie enden wollenden medialen Misstrauens erwehren, Draxler hat in Paris in den ersten vier Ligapartien exakt zwölf Minuten gespielt, Müllers Situation in München ist prekär.

Wie geht ein Bundestrainer damit um, der eher Vertrauen schenkt, aber in einem sehr prominenten Fall auch vor einer persönlich schwierigen Entscheidung nicht zurückschreckte, als er dem mehr als hundertfachen Nationalspieler Per Mertesacker nach dem WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien einen Platz auf der Ersatzbank zuwies? Verbal hat Löw den Konkurrenzkampf so arg wie nie zuvor ausgerufen. Wie tief werden seine Worte mit Inhalt gefüllt?

Gestern wies er darauf hin, dass „eigentlich niemand“ einen „Freifahrtschein“ für die WM habe, aber die Vokabel „eigentlich“ sollte dabei sicher mehr beachtet werden als das „niemand“ dahinter. Denn fast im selben Atemzug interpretierte der Bundestrainer den Confed-Cup-Sieg zurückhaltend als „Weiterentwicklung in der Breite“ und keineswegs als Frontalangriff auf die Spitze. Einer wie Mats Hummels muss sich selbstverständlich keine fundamentalen Sorgen um seinen Status machen, bloß, weil Kerle wie Niklas Süle oder Antonio Rüdiger beim Kontinentalturnier im Sommer überzeugt haben. Entsprechend entspannt kann der Bayern-Verteidiger auch äußern, er glaube, dass der „Druck auf die Etablierten uns deutlich stärker machen wird“.

Und wenn Löw wiederholt fordert, die Spieler mögen sich schon jetzt „mit dem Großereignis Weltmeisterschaft, dem Größten, das es geben kann“ auseinandersetzen, kann Hummels ganz entspannt bleiben und ehrlich sagen: „Das Turnier ist noch gar nicht im Kopf bei mir. Stand jetzt ist es etwas sehr Fiktives.“ Im Gegensatz zum Bundestrainer müssen die Profis halt noch bedeutende Aufgaben für ihre Arbeitgeber erledigen.

Kommende Topspiele eingetütet

Was die Nationalmannschaft angeht, hat der DFB die Termine am 10. und 14. November bislang nicht offiziell mit Testspielen belegen dürfen, schließlich könnte es noch zu Relegationspflichten kommen. Eine allerdings angesichts der unangefochtenen Führung in der Qualifikationsgruppe eher theoretische Annahme. Praktisch hat Bierhoff bereits eine Partie gegen England in Wembley und gegen Frankreich oder die Niederlande in Köln eingetütet. „Wir wollen ja so oft wie möglich gegen starke Gegner spielen.“ Im kommenden März stellen sich deshalb Spanien und Brasilien in Düsseldorf und Berlin vor, „bis zur WM“, weiß Bierhoff, „treffen wir uns nur noch drei weitere Male.“ Irgendwann wird man dann sehen, wie hoch der Konkurrenzdruck tatsächlich gehalten wird, ohne dabei die Gemütslagen der Stammkräfte allzu arg zu belasten. Musterschüler Jonas Hector verspricht jedenfalls ganz ähnliche Wachsamkeit wie auf der A3 am Kreuz Köln-Heumar: „Hier bei der Nationalmannschaft kann man sich nicht ausruhen. Sonst kommt einer auf der Überholspur und rast an einem vorbei.“

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