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Knapp vorbei: Nils Petersen (links) im Luftzweikampf mit dem Wolfsburger Jeffrey Bruma. 

Interview 

„Für Bayern wäre ich nie wichtig gewesen“

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Torjäger Nils Petersen über die Freiburger Idylle, Politik-Lehrmeister Streich und die Fußball-EM ohne ihn.

Herr Petersen, Sie wollten sich schon vor Wochen die Tabelle einrahmen. Wie viele haben Sie sich inzwischen eingerahmt?

Hätte ich genug Rahmen gehabt, wären es einige gewesen (lacht). Leider hatte ich keinen, aber ich habe tatsächlich noch etwas aufgehoben: Den Statistik-Zettel, den man im VIP-Bereich immer nach einem Spiel bekommt. Da standen wir wirklich sehr gut da, den wollte ich nicht wegschmeißen. Und auch jetzt sind wir ja nicht so weit weg. Es ist ja nicht so, dass wir schon durchgereicht wurden. Das ist ein schönes Gefühl.

So macht es Spaß, oder?

Ja, weil es a) einfach ungewohnt ist, wir aber b) die Situation einzuschätzen wissen. Wir kriegen keine Höhenflüge, wenn wir im März Zwölfter sind, sagen wir nicht: Oh, jetzt sind wir eingebrochen. Wir wissen, dass es auch in die andere Richtung gehen kann. Trotzdem darf man stolz sein auf das, was wir erreicht haben.

Punkte gab es vor allem gegen die Großen – müssen die Bayern zittern?

Das stimmt, aber im Normalfall plane ich trotzdem keine Punkte gegen die Bayern ein. Es wäre keine große Überraschung, wenn wir dieses Spiel verlieren. Nun ist aber diese Saison vieles nicht so normal, darauf hoffen wir ein bisschen. Auf die Flutlichtatmosphäre, auf die besondere Konstellation, den großen Druck bei den Bayern, die den Anschluss halten wollen. Wir haben eine Ausgangslage, in der es Spaß macht, gegen die Bayern zu spielen. Und wir hätten auch Bock drauf, mal wieder was gegen sie zu holen. Das sollten die Bayern zu spüren bekommen.

Bayern hat sich in Freiburg oft schwer getan.

So gerne reist man nicht nach Freiburg – in unserer aktuellen Form sowieso nicht. Man darf jetzt aber auf keinen Fall eine zu große Klappe riskieren (lacht).

Nach dem Wolfsburg-Spiel war der SC besser als in seiner besten Saison 1994/95 – kann man sich Freiburg in der Champions League vorstellen?

Ich finde schön, dass der SC damit in Verbindung gebracht wird. Wir wissen aber, dass wir am Limit gepunktet haben. Wir haben keine Weltklassespiele absolviert, hier und da mal Punkte geholt, die man auch nicht hätte holen können. Wir hatten ab und zu Glück, haben viele Spiele 1:0 gewonnen. Deshalb wissen wir das einzuordnen.

Im neuen Jahr stünde pünktlich das neue Stadion. Wird sich eigentlich etwas an der Freiburger Idylle ändern, wenn der Standort ein neuer ist?

Das wird schon Zeit brauchen. Wir spielen ja sehr gerne in unserem Stadion, das hat einfach eine lange Geschichte, und auch jeder Gegner spricht ja immer davon, dass Freiburg etwas Besonderes hat. Aber auch das neue Stadion wird seine Geschichte schreiben, das ist doch klar.

Freiburg ist etwas Besonderes, gilt als „Oase“ der Liga. Das Aushängeschild ist Christian Streich, der stets unantastbar wirkt. Ist Freiburg der Gegenentwurf zum schnelllebigen Fußballbusiness?

Das kann man durchaus so sehen. Auch wenn man Volker Finke und Robin Dutt sieht, Trainer haben hier eine längere Lebensdauer. Man hat hier nicht das mediale Umfeld wie in den großen Städten, der Freiburger an sich ist auch nicht interessiert an Skandalen rund um den Verein. Das ist das Gemütliche hier. Wenn ich das öffentliche Training mit dem in München vergleiche, dann ist das ein Unterschied von 4500 Zuschauern – das ist schon etwas anderes. Man hat hier Ruhe, sich zu entwickeln, es sogar zum Nationalspieler zu bringen, wenn ich jetzt Luca Waldtschmidt oder Robin Koch sehe. Wir haben uns das aber hart erarbeitet – auch Christian Streich. Dass aber nicht mal nach einem Abstieg über ihn diskutiert wurde, fand ich krass. Krass toll.

Wie lebt er den Freiburger Weg vor?

Er vertritt ja schon bestimmte Werte, die er auch öffentlich preisgibt. Aber auch intern merkt man täglich, dass er über den Tellerrand hinausschaut. Er interessiert sich für jeden einzelnen, fragt nach, wie es einem geht, nimmt sich Zeit für die Familien. Und er hat eine enorme Überzeugungskraft. Er geht voran, will ein Vorbild sein, egal, ob in ökologischer Sicht oder wenn etwas wichtiges in der Weltpolitik los ist. Er versucht dann nicht, uns eine Meinung einzutrichtern, aber zumindest Themen anzuschneiden, damit es auch bei uns Fußballern nicht nur um Fußball geht. Er arbeitet da ein bisschen gegen die Fachverblödung, das finde ich gut.

In Freiburg brauchen die Leute keine Titel. Aber: Was passiert momentan morgens beim Bäcker?

Man merkt schon, dass da eine Euphorie da ist – also eine Euphorie für Freiburger Verhältnisse. Die Leute haben Lust, wissen, dass wir momentan jeden schlagen können. Es macht ihnen Spaß, uns zu unterstützen, weil wir marschieren. Die Leute merken, dass wir alles dafür tun, im neuen Stadion erstklassig zu sein. Man merkt, dass der Verein in der Wachstumsphase ist. Fritz Keller ist DFB-Präsident, Waldschmidt und Koch sind Nationalspieler – all das ist kein Zufall.

Wie war es eigentlich in München beim Bäcker? Kannte man Sie da?

Da war ich ein kleiner Fisch. Es war eine wahnsinnig schöne Zeit, das mitzunehmen, aufzusaugen, zu erleben. Ich habe ja keinen Vergleich, wie es gewesen wäre, wäre ich nicht in München gelandet wäre. Aber ich bereue es keineswegs. Ich habe viel mitgenommen – und allein die Tatsache, dass ich heute noch auf die Zeit angesprochen werde, heißt ja doch, dass es ein Ausschlag in der Vita ist, auf den man stolz sein kann. Ich hatte ein bisschen Pech, hätte hier und da ein Tor machen können. Aber der größte Makel: Ich hätte gerne einen Titel gewonnen. Ich glaube, seitdem ich weg bin, haben die Bayern jedes Jahr die Meisterschaft geholt. Aber gut, ich bin Realist: Für Freiburg bin ich wichtig, für Bayern wäre ich nie wichtig geworden.

Sind Sie also einer wie Baumjohann und Schlaudraff – oder ist das bei Ihnen anders gelaufen?

Ich tauche in dieser Liste auch manchmal auf – und ich finde es wahnsinnig respektlos gegenüber diesen Spielern, wenn man nicht mit ihnen in einer Riege stehen will. Die haben auch alle ihre Knochen für Bayern hingehalten.

Welche Rolle spielte Jupp Heynckes für Sie?

Ich habe ihn wahnsinnig geschätzt, eine Papa- oder Opa-Figur. Der gute Mensch, der einen in der Arm nehmen kann, aber genau weiß, wie er auch Franck Ribery oder Arjen Robben anpacken muss. Es ist nie leicht, Bayerntrainer zu sein, weil nur elf Spielen können. Das hat er gut hinbekommen, das zu vermitteln, auch an Spieler wie mich.

Man sagt, Hansi Flick sei einer wie er – also passt er gut zu diesem Team, oder?

Ich kenne Hansi Flick ja von den Olympischen Spielen, das ist ein sehr angenehmer Mensch und fantastischer Trainer. Ich habe mich gefreut, als ich gehört habe, dass er es macht – auch wenn es ihn ein paar graue Haare mehr bringen wird. Und mich würde natürlich auch freuen, wenn er weiter machen darf.

Trifft man Joachim Löw eigentlich in Freiburg auf der Straße – und hat da einen Standortvorteil?

Lustigerweise habe ich ihn in den fünf Jahren hier genau ein einziges Mal zufällig in der Stadt getroffen. Ich kenne aber Leute, die sind gerade mal einen Tag hier und sehen ihn im Café sitzen. Aber selbst wenn ich ihn treffen würde: Ich würde ihn kurz grüßen, das war es. Er ist ja meist im Stress.

Einen Mini-EM-Traum haben Sie nicht mehr?

Gar nicht. Ich habe ehrlich gesagt nie geträumt, weil ich am Ende der Karriere so viele Dinge habe erleben dürfen, an die ich nie gedacht hätte. Wenn man träumt, wird man vielleicht enttäuscht. Da sind jetzt andere Spieler im Vorteil, da findet ein Umbruch statt. Das ist gut so, wie es ist.

Sie sprechen vom Ende der Karriere – mit 31? Claudio Pizarro stürmt noch mit 41.

Ich will so lange es geht, auf diesem Niveau spielen, aber Pizarros Altersrekord? Puh! Den werde ich nicht schaffen.

Immerhin als bester Bundesliga-Joker haben Sie ihn vor Kurzem abgelöst.

Ja. aber er hört ja nicht auf (lacht). Das bleibt ein heißes Rennen.

Interview: Hanna Raif

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