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Matthijs de Ligt: Frühreife Führungsfigur

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Von: Daniel Schmitt

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Kindheitserinnerung: Matthijs de Ligt (2. von links) im Trikot seines Heimatklubs FC Abcoude.
Kindheitserinnerung: Matthijs de Ligt (2. von links) im Trikot seines Heimatklubs FC Abcoude. FC Abcoude © FC Abcoude

Der erst 22 Jahre alte Matthijs de Ligt soll in den nächsten Jahren die Bayern-Abwehr zusammenhalten - das lassen sich die Münchner einiges kosten.

In Abcoude ist nicht viel los, zumindest nichts, was auf den ersten Blick über die vermeintliche Normalität in einem 8000-Seelen-Örtchen der Niederlande hinausgeht. Radwege rundherum und mittendurch, kleine Häuser mit großen Gärten, einige Kanäle, das Flüsschen Gein, eine Kirche, ein Sportplatz. Allemal nett, lässt sich gewiss gut leben, vor allem in Ruhe, wo doch die ersten Ausläufer der lauten Metropole Amsterdam keine Viertelstunde entfernt sind.

Auf den zweiten Blick verbirgt die Gemeinde eine erstaunliche Geschichte, jene des FC Abcoude. Wenn man so will: einer (kleinen) Talentschmiede für den niederländischen Fußball. Auf der „Wall of Fame“ des Vereins sind über 40 Kicker verewigt, die in der knapp 50-jährigen Klubgeschichte den Sprung ins Profigeschäft geschafft haben. Freilich, über die Landesgrenze hinaus sind von ihnen nicht besonders viele bekannt, manch einer schaffte es aber gar bis nach Deutschland. Edson Braafheid zum Beispiel, 39, einstiger Linksverteidiger des FC Bayern und der TSG Hoffenheim. Oder, um den Bogen ins Hier und Jetzt zu spannen: Matthijs de Ligt.

Zwar noch nicht offiziell verkündet, aber seit dem späten Sonntagabend klar: Der 22-Jährige ist künftig ein Spieler des FC Bayern München. Er wechselt vom italienischen Rekordmeister Juventus Turin in die Stadt an der Isar. De Ligt unterschreibt bei den Bayern einen Fünfjahresvertrag bis 2027. Die feste Ablöse liegt dem Vernehmen nach bei 70 Millionen Euro, hinzu sollen Bonuszahlungen von 10 Millionen kommen. Viel Geld also, gewiss auch für die nach dem Abgang von Robert Lewandowski kurzzeitig gut gefüllten Konten des FC Bayern. Mehr Millionen hatten die Münchner bisher lediglich 2019 für Abwehrspieler Lucas Hernandez ausgegeben (80 Millionen plus Boni).

Doch zurück zu den Anfängen: Mit sechs Jahren trat Matthijs de Ligt das erste Mal beim FC Abcoude gegen den Ball. „Er ist einer der Jungs aus unserem Dorf. Wir sind absolut stolz auf ihn“, sagt Winand Paulissen nun. Der Wirtschaftsprüfer ist seit zehn Jahren Vorsitzender des FC Abcoude. Die aktive Zeit von de Ligt in seinem Verein erlebte er zwar nur am Rande mit. Doch aus Erzählungen kennt er die ersten Schritte des niederländischen Innenverteidigers genau. „Er war eigentlich ein Eishockeyspieler und kam nur über einen Freund, der ihn zum Training mitgenommen hatte, zu uns“, erzählt Paulissen. „Von diesem Moment an war er fußballbegeistert.“ De Ligt sei das Talent zwar nicht in die Wiege gelegt worden, „aber er war sehr enthusiastisch und wettbewerbsorientiert.“ Ein „echter Gewinner“, wie Paulissen anfügt.

Die von überbordenem Stolz gewiss etwas getrübten Erinnerungen mal subtrahiert, bleiben dennoch einige Fakten: Der kleine Matthijs war ein großer Junge. Er war seinen Altersgenossen körperlich überlegen. Er war nie ein Ballzauberer, auch als Jugendlicher nicht, sondern stets ein bissiger Verteidiger. Er zeichnete sich durch seine Technik, sein Passspiel und seinen strammen Schuss aus. Es dauerte daher nicht lange, bis größere Vereine auf ihn aufmerksam wurden. „Bei einem Spiel gegen Ajax Amsterdam fiel Matthijs auf“, erinnert sich Paulissen. Mit neun Jahren wechselte de Ligt zu Ajax.

Damals, 2009, war er an der Grenze zum Übergewicht. Er selbst verriet: „Als ich zu Ajax kam, haben sie mich sofort zu einem Ernährungsberater geschickt.“ Mit dessen Hilfe bekam er sein Laster in den Griff – und reifte beim Traditionsverein zum Topstar. Im November 2016 feierte er sein Ligadebüt, 17 war er damals, zwei Jahre später wurde er zum Kapitän ernannt. Nie war ein Ajax-Kapitän jünger. Zudem: Nach nur sechs Pflichtspielen für die Amsterdamer, davon vier als Einwechselspieler, durfte er erstmals für die niederländische Nationalmannschaft ran.

Das Talent des blonden Riesen, 1,89 Meter, war früh erkannt und gefördert. Als Ajax 2019 bis ins Halbfinale der Champions League vordrang, wussten vor allem die Frischlinge de Ligt und Frenkie de Jong (jetzt FC Barcelona) das Team zu tragen. Es folgte der Wechsel zu Juventus Turin – für eine Ablöse von 85,5 Millionen Euro.

Bei Juve ging es für de Ligt nicht mehr nur bergauf, ab und an sogar runter. Er war kein unumstrittener Stammspieler mehr, saß nicht selten draußen. Erst in der vergangenen Saison erarbeitete er sich im internen Konkurrenzkampf gegen die erfahrenen Toreverhinderer Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci mehr Spielzeit. Doch die Leistungen waren weiterhin schwankend, die statistischen Werte – 61,9 Prozent Zweikamkfquote, 68,1 gewonnenen Kopfballduelle, 88,9 Prozent Passquote – ausbaufähig. Keineswegs schlecht, vorderes Drittel auch in der Serie A, doch eben auch keine absolute Weltspitze. Unter Trainer Louis van Gaal ist de Ligt im niederländischen Nationalteam ebenfalls nicht immer in der Startelf gesetzt.

Winand Paulissen vom FC Abcoude hält den Schritt nach München dennoch für den richtigen. „Das könnte gut funktionieren.“ De Ligt passe rein beim zwar großen, aber doch verhältnismäßig familiär gehaltenen FC Bayern. „Er ist ganz normal, sehr bodenständig“, sagt Paulissen über den Verteidiger. „Seine Eltern wohnen noch immer hier. Wenn er Zeit hat, schaut er ab und an vorbei. Sein Bruder Wout spielt in der ersten Mannschaft. Manchmal kommt er zum Training oder zu den Spielen. Auch Freunde von ihm sind im Verein. Man kann ihn immer ansprechen und quatschen. Er ist ein netter Kerl.“

In München soll de Ligt vor allem die Lücke schließen, die David Alaba bereits im vergangenen Jahr mit dem Wechsel zu Real Madrid hinterließ, jene als Abwehrchef. Weder Lucas Hernandez, Benjamin Pavard oder der nach Dortmund abgewanderte Niklas Süle, noch der aus Leipzig geholte Dayot Upamecano wussten diese Rolle zuletzt zur Zufriedenheit auszufüllen - sie waren im Grunde stets damit beschäftigt, ihre eigenen Leistungen auf einem stabilen Niveau zu etablieren (was ihnen auch nicht dauerhaft gelang). De Ligt wird diese Doppelfunktion künftig zugetraut, er soll auf Sicht zweikampfstarker Verteidiger und führender Kopf des Teams sein.

Der Niederländer ist in diesem aus Münchner Sicht ereignisreichen Transfersommer bereits der vierte Neue. Zuvor hatten die Bayern Stürmerstar Sadio Mane vom FC Liverpool (32 Millionen Euro plus Boni) sowie von Ajax Amsterdam Mittelfeldmann Ryan Gravenberch (18,5 plus Boni) und Rechtsverteidiger Noussair Mazraoui (ablösefrei) unter Vertrag genommen. Die Lewandowski-Millionen werden gleich wieder in der Fußballwelt verteilt. Und die bajuwarischen Planungen scheinen längt noch nicht abgeschlossen. Mit Stade Rennes verhandeln die Münchner derzeit offenbar über einen Transfer des 17 Jahre alten Sturmtalents Mathys Tel, er soll 25 Millionen kosten. Interesse besteht ebenfalls an Mittelfeldspieler Konrad Laimer vom Ligakonkurrenten RB Leipzig.

Die Bayern machten sich am Montag auf in die USA - noch ohne ihren neusten Neuzugang. Er soll in den kommenden Tagen nachfliegen. Das kommt für Leon Goretzka nicht infrage. Den Pechvogel hat es schon wieder erwischt, er muss am Knie operiert werden. Der Mittelfeldspieler fällt bis zu acht Wochen aus. Die Odyssee des Leon Goretzka geht weiter.

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