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Lässiges Outfit für einen DFB-Präsidenten: Fritz Keller in Sneakern und roten Socken.

DFB-Präsident auf der Spobis

Fritz Keller: Der Anti-Löwe

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Fritz Keller erzählt auf der Spobis in Düsseldorf, wie er die ersten vier Monate als DFB-Präsident verbracht hat.

Die 100-Tage-Frist, die jedem Neuen zugestanden wird, hat Fritz Keller hinter sich gebracht. Seit dem 27. September vergangenen Jahres ist der 62-Jährige nun Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes (DFB). Und zwar ausdrücklich ein Präsident, der erstmals ausdrücklich vor Gnaden der mächtigen Deutschen Fußball-Liga (DFL) gescoutet und gewählt wurde. Seitdem hat der hochdekorierte Winzer aus dem schönen Freiburg schon mitbekommen, dass der Wind in Frankfurt, der Heimat des DFB, schärfer und kälter weht. „Das ist ein ganz anderer Apparat, als ich ihn von zu Hause gewohnt war.“

Der erste Mann im Fußballland hat eine mediale Ausstrahlung, die mit jener in Freiburg so gar nichts mehr gemein hat, Ein leichthin formulierter Satz wie Anfang der Woche der gestreng wirkende Hinweis darauf, dass er bei der EM in diesem Sommer mindestens das Halbfinale erwarte, wurde selbstverständlich überall im Land zitiert und nicht bloß in der treuen „Badischen Zeitung“. Das Statement hat für ein bisschen Zucken bei den DFB-Mitarbeitern gesorgt, wissen sie dort doch aus langjähriger Erfahrung, dass Bundestrainer Joachim Löw zwar ein friedliebender Mensch ist, es aber mal gar nicht leiden kann, wenn Funktionäre ihm ins Sportliche reinreden.

Nun ja, das Leben geht natürlich trotzdem weiter, sowohl für den Bundestrainer als auch für den Herrn Präsidenten, und so saß dieser nur vier Tage nach der Feier von Leipzig, wo der erwähnte Satz gefallen war, auf einer großen Bühne des Düsseldorfer Kongresszentrums vor tausend Zuhörern, um über seine Erfahrungen im größten Sportfachverband der Welt zu referieren. Keller, der auf den ersten Blick eher großväterlich daherkommt, hatte zu den lässigen Sneakers rote Socken gewählt. Staatsmännisch ist anders; vermutlich ein bewusstes Statement, das auch die Art und Weise seiner Personalführung dokumentiert. „Ich bin da nicht reingegangen und habe mich so verhalten wie der neue Löwe, der die alten Löwen erstmal wegbeißt.“

Lufthansa-Konzept

Er orientiere sich als Chef am „Lufthansa-Konzept“, erwähnte Keller. „Wenn der Co-Pilot dem Kapitän zum zweiten Mal sagt, es passiere gerade ein Fehler, dann wird auf den Co-Piloten gehört.“ Er setze auf Teamgeist, schließlich komme man „nicht allein gescheit auf die Welt“. Seine Mitarbeiter leite er nach den Grundsätzen der „Purpose-Führung“ an. „Ich habe ihnen mitgeteilt, dass sie jeden Tag, wenn sie nach Hause gehen, eine Minute innehalten und darüber nachdenken sollen, was sie für die Leute auf dem Fußballplatz getan haben“. Das sei die Messlatte.

Er selbst fühle sich als „Lobbyist derjenigen, die viermal die Woche unsere Kids vor der Verblödung vor den Bildschirmen wegholen“. Kellers Ausdrucksweise kann also brachial wirken. Als der DFB ihn gefragt habe, ob er, der Vereinschef des kleinen SC Freiburg, bereit sei, großer DFB-Präsident zu werden, habe er zunächst gefragt: „Seid ihr noch ganz dicht?“ Ja, das waren sie, und so ist es dann so gekommen, dass er zwei, drei Monate später tatsächlich Verbandschef wurde.

Wie man aus der Verbandszentrale hört, drückt der Neue ordentlich aufs Tempo. Sein Credo: „Wir müssen schneller werden.“ Denn: „Heute gewinnt nicht der Größere und der mit dem dickeren Geldbeutel, sondern der mit den besseren Ideen.“ Kellers erster Wohnsitz bleibt Südbaden, aber er ist regelmäßig in der Frankfurter Zentrale vor Ort, „und manches regeln wir auch per Videokonferenz“. Er ist der erste DFB-Präsident, der sein Amt ganz offiziell hauptamtlich ausführt. Das, sagt er zurecht, entspreche auch dem Arbeits- und Zeitaufwand: „Ich bin als Nomade für den Fußball unterwegs.“

Im DFB werde derzeit unter seiner Führung „alles ein bisschen auf den Kopf gestellt“, denn: „Ich möchte einen echten Neuanfang.“ Es tue dem DFB „gut, ein bisschen bescheidener aufzutreten und mehr Demut zu zeigen gegenüber den Menschen, für die wir das tun.“ Gute Worte, die man dann irgendwann an Taten messen muss.

Voraussetzung für seine Amtsübernahme war auch von Verbandsseite, dass er keinen Anspruch auf internationale Aufgaben in den Topgremien der Uefa und Fifa erhebt. Das soll der Bayer Rainer Koch tun. Vorerst jedenfalls. Keller sagt: „Ich muss erst lernen, meine Hausaufgaben im DFB zu erledigen. Dann kann ich auch mal über andere Dinge nachdenken.“ So bleibt dem Winzer des Jahres 2018 noch Zeit, dreimal in der Woche joggen zu gehen: „Damit die Hose noch passt.“

Von Jan Christian Müller

Wie DFB und DOSB sich als Lobbyisten der Sportvereine daranmachen, das angeblich vom Kollaps bedrohte System Ehrenamt aufzuwerten.

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