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Zünglein an der Waage: Fedor Smolov traf entscheidend zum 2:0.

Confed Cup

Frisch verliebt

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Zum Auftakt blamiert sich Russland nicht, weil Neuseeland genau der richtige und die Nerven beruhigende Gegner war.

Bei der Eröffnungspressekonferenz mit Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura und Fußball-Verbandschef Witali Mutko hatte die Simultanübersetzung im Krestowski-Stadion von St. Petersburg noch prächtig funktioniert. Als jedoch nach dem 2:0-Sieg Russlands zum Auftakt beim Confederations Cup gegen Neuseeland der „Man of the Match“ Auskunft geben sollte, versagte die Technik. Der Pressechef schlug vor, Trainer Stanislaw Tschertschessow solle die Worte von Stürmer Fedor Smolow ins Deutsche übersetzen, er würde dann das Englische übernehmen.

„Kein Problem“, konterte Tschertschessow, „Fedor spricht sehr gut Englisch.“ Das stellte der 27-Jährige umgehend unter Beweis, und sein Trainer sagte danach grinsend: „Der erste Schritt in die Premier League.“

Smolow lächelte geschmeichelt, doch ganz ohne Hintergrund war Tschertschessows Bemerkung nicht. Dem Trainer ist es gar nicht recht, dass sein gesamtes Team bei Klubs der russischen Liga unter Vertrag steht. Doch die Spieler gehen ungern ins Ausland, weil sie es daheim gemütlicher haben und auch dort ausgesprochen gut verdienen. Fedor Smolow gehört nicht zu dieser bodenständigen Spezies. Er war in jungen Jahren schon mal von Dynamo Moskau an Feyenoord Rotterdam ausgeliehen und würde sehr gern in Westeuropa spielen. „Seien wir ehrlich, die europäischen Ligen sind besser und stärker, und wenn wir auf einem höheren Niveau spielen, sind wir auch besser für das Nationalteam vorbereitet“, sagte er jüngst dem „Observer“. Seine Vorliebe gilt jedoch gar nicht England, sondern der Bundesliga. Bereits im Winter wurde er mit Borussia Dortmund in Verbindung gebracht.

Wenn er an das anknüpft, was er im Eröffnungsmatch in St. Petersburg zeigte, wird sich die Zahl der Interessenten gewiss erhöhen.

Es war ein kompliziertes Spiel für die Sbornaja, was sich schon lange vor dem Anpfiff zeigte. Da wurden die meisten Spieler im mit 50 251 Zuschauern längst nicht ausverkauften Stadion bei der Vorstellung erst einmal ausgepfiffen. Was daran lag, dass Tschertschessow zwar elf Leute aus Moskau und vier aus Rostow im Kader hat, aber nur zwei von Zenit St. Petersburg. Vor allem die sechs Moskauer in der Startelf wurden kräftig ausgebuht.

Nicht ausgebuht wurde Wladimir Putin bei seiner Eröffnungsrede, ganz im Gegensatz zu seiner brasilianischen Kollegin Dilma Rousseff vor vier Jahren. Die hatte nur mit einem Satz das Turnier eröffnet, Russlands Staatschef hingegen stellte deutlich länger unter Beweis, dass er alles andere als ein mitreißender Redner ist. Dafür fasste sich Fifa-Chef Gianni Infantino kurz und bekam sogar Beifall, ebenfalls anders als sein Vorgänger Joseph Blatter, dessen Ausführungen damals in Brasilia im Pfeifkonzert untergingen.

Die Einheit Russlands war erst hergestellt, als Denis Gluschakow von Meister Spartak Moskau nach dem 1:0 in der 31. Minute glücklich das Emblem auf seinem Trikot küsste und die Zuschauer das von ihm erzwungene Führungstor frenetisch bejubelten. Dabei hätte Gluschakow eigentlich das Emblem auf dem Trikot des Neuseeländers Michael Boxall. küssen sollen, denn dem wurde der Treffer als Eigentor angerechnet. Die Befürchtungen, dass sich Russlands Team sogar gegen die Ozeanier blamieren würde, waren groß gewesen vor diesem Spiel, doch Neuseeland erwies sich als der geeignete Gegner, um die Nerven zu beruhigen, Selbstbewusstsein aufzubauen und in jene Spur zu finden, die bisher noch jedes Heimteam seit 2001 ins Halbfinale des Confed- Cups geführt hat.

Die All Whites mit ihrem Unterhachinger Keeper Stefan Marinovic, der nur bei Fernschüssen unsicher war und sonst stark hielt, waren unbedarft, vor allem im Spiel nach vorn, aber es reichte zunächst, um die Mängel in Russlands Passspiel zu exponieren. Gefährlich wurden die Gastgeber, wenn sie, wie beim 1:0, nach gegnerischen Ballverlusten Räume für ihr schnelles Angriffsspiel fanden. Gluschakow und der 21-jährige Alexander Golowin, ebenfalls ein Auslandskandidat und beim FC Arsenal im Gespräch, bemühten sich um Spielkultur im Mittelfeld, vorn sorgte Smolow für Gefahr.

Der ist ein technisch starker, beweglicher Mittelstürmer, zieht gern von außen in die Mitte, wie Arjen Robben, bloß von links, und er genoss die Freiheit, die ihm Tschertschessow gewährt. Smolow trieb sich überall herum, so wie er es seit 2015 bei FK Krasnodar tut, wo ihm ein später Durchbruch gelang, nachdem er zuvor, etwa bei Antschi Machatschkala, kaum als Torjäger aufgefallen war. Zuletzt war Smolow zwei Mal Torschützenkönig in Russland, und warum, zeigte er in der 69. Minute. Seinen Treffer aus Nahdistanz bereitete er selbst mit einem Sprint durch die Mitte und einem Pass auf Flankengeber Alexander Samedow vor. „Wir wollen die Menschen in Russland glücklich machen“, sagte er später, „und erreichen, dass sie sich wieder in unser Team verlieben“. Zu verhindern gedenkt das am Mittwoch ein Gegner von anderem Kaliber: Europameister Portugal.

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