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Auch beim Purzelbaum mit keiner wirklich guten Haltungsnote: Thomas Müller.

Thomas Müller

Freudloses Jubiläum

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Die Begleitumstände des 100. Länderspiels von Thomas Müller decken sich mit dem Bedeutungsverlust eines Führungsspielers.

Die marktschreierischen Ansagen bei Heimspielen der deutschen Nationalmannschaft haben längst Methode. Wenn schon keine Stimmung herrscht, wird eben der Geräuschpegel künstlich erhöht. Die Nummer 13 hatte inzwischen seine wärmende Mütze abgesetzt und den Trainingsanzug abgestreift. Der Mann, auf den alle warteten, lief tatsächlich nach 66 Minuten aufs Feld, als über die Lautsprecher dreimal der Vorname „Thomas“ erklang. Die vom Publikum eingeforderte Ergänzung „Müller“ wurde allerdings nur halb so laut erwidert. Das Ruhrgebiet ist eben nicht das natürliche Revier dieses bayerischen Unikums.

Und so hat halt an diesem kalten Novemberabend auf Schalke vieles nicht gepasst: Das 100. Länderspiel lief für Thomas Müller genau so, wie es hinterher Bundestrainer Joachim Löw sehr treffend zusammenfasste: „Das ganze Jahr war nicht das Jahr des Thomas Müller. Er hatte einfach bei den Bayern nicht diese Form, die man aus vergangenen Jahren von ihm kennt. Nichtsdestotrotz sind 100 Länderspiele – und das fast in Serie – eine große Leistung. Das verdient absoluten Respekt.“ Gewiss.

Doch das Weißbier, das Löw am Vortag versprochen hatte, tauchte nirgendwo auf. Und vermutlich hätte der Jubilar auch nicht dran genippt. Nicht wenn eine 2:0-Führung gegen die Niederlande noch verspielt wird und alle Kollegen bedröppelt vom Feld schleichen. „Es ist die bittere Pille, die man schlucken muss – so fühlt es sich nicht ganz so toll an“, gestand der 29-Jährige, der nach seiner Hereinnahme nur eine gute Szene hatte, als er eine Chance von Leroy Sané mit einleitete. Ansonsten deckten sich die Begleitumstände seines Feiertags mit seinem Bedeutungsverlust als Führungskraft.

„Natürlich haben die Kollegen und der Bundestrainer mir gratuliert, aber ich bin hier hingekommen, um das Glücksgefühl des Sieges zu erfahren und nicht um mein 100. Länderspiel zu begießen.“ Dafür ist Müller das große Ganze immer noch zu wichtig. „Ich habe viele erfrischende Angriffe gesehen, und wir müssen das 3:0 nachlegen – auf einmal steht es dann 2:2. Wie im falschen Film.“

Kein Platz für den Schleicher

Müller sprach mit ruhiger Stimme, die vom Missmut genauso weit weg schien wie vom Übermut. Da hat einer mitbekommen, wie ihm die rasend schnelle, deutliche jüngere Konkurrenz – Timo Werner, Serge Gnabry und Sané – den Rang abgelaufen hat. In dieser 3-4-3-Ausrichtung mit schnellen Umschaltbewegungen ist kein Platz für einen Schleicher wie ihn, der beim geduldigen Ballbesitzspiel früher auf die freien Räume lauerte. Müller hat in diesem Jahr nur ein einziges Mal für die DFB-Auswahl getroffen: Zum 1:1-Ausgleich gegen Spanien im März, als nicht ansatzweise zu erahnen war, was im nächsten Dreivierteljahr alles schieflaufen würde.

Müller ist schon jetzt ein Opfer eines Umbruchs geworden, der keine echte Verwendung mehr für diesen Gute-Laune-Kicker hat. Wenn er selbst den neuen Schwung lobt, den die verjüngte Mannschaft entfacht („Man hat gesehen, was mit der veränderten Mannschaft möglich ist“), ist er nicht mehr mittendrin. Er muss sich mit einer Rolle arrangieren, die in ähnlicher Interpretation einst Lukas Podolski über Jahre im Nationalteam besetzte: mit seiner Präsenz den Wiederkennungswert bewahren und mit seinem Wesen das Binnenklima heben.

Seine Natürlichkeit verliert der Fußballer Thomas Müller – erst der 14. Spieler in der DFB-Historie im Klub der Hunderter – nicht so schnell wie seine Leichtigkeit. Und er glaubt ja auch: „Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir haben wieder Spielfreude und freuen uns füreinander. Wir beherzigen das, was bei der WM gefehlt hat. Man sieht, dass der Trend in die richtige Richtung geht.“ Auch wenn er wohl allenfalls noch als Teilzeitarbeiter gebraucht wird. Löw hat dafür aber einen neuen Begriff erfunden: Energiegeber. Klingt besser.

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