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Fressen vor Moral

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Von: Jan Christian Müller

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Ohne Berührungsängste: DFL-Chefin Donata Hopfen. Foto: dpa
Ohne Berührungsängste: DFL-Chefin Donata Hopfen. © dpa

Die neue DFL-Chefin Donata Hopfen macht kein Hehl daraus, künftig auch heilige Kühe schlachten zu wollen. Ein Kommentar.

Wie es mit ihrer Nähe zu den Fußballfans tatsächlich bestellt ist, muss Donata Hopfen erst noch beweisen. Klar ist seit dem Wochenende, wie es sich mit der Nähe der Neuen in der Führung der Deutschen Fußball-Liga zu ihrem vormaligen Arbeitgeber Springer verhält. Dort agierte die 45-Jährige als Verlagsgeschäftsführerin der Bild-Gruppe.

Christian Seifert ist mit Springer verbandelt

Der „Bild am Sonntag“ gab Hopfen jetzt ihr erstes großes Interview. Schon ihr Vorgänger Christian Seifert hatte das Verhältnis gehegt und gepflegt und gemeinsam mit den guten Bekannten von „Bild“ politischen Druck in seine Lobbyarbeit zurück zum Re-Start der Bundesliga im Mai 2020 gebracht. Es war daher auch keine Sensation, als Seifert vergangene Woche bekanntgab, dass er in Zusammenarbeit mit Springer eine neue Sport-Streamingplattform auflegen will.

Die Bande zwischen dem Fußball und dem Konzern ist von jeher eng, der vormalige DFB-Mediendirektor kam aus dem Hause Springer und unterhielt fortan beste Beziehungen, Hopfen kommt ebenfalls von dort und verfolgt den pragmatischen Ansatz: „Wozu sind Freunde da?“ Was neben landsmannschaftlichen Verbindungen auch damit zu tun haben dürfte dass der Druck auf den Profifußball immens ist. So groß offenbar, dass Hopfen selbst einen deutschen Supercup in Saudi-Arabien nicht ausdrücklich ins Reich der Fabel verweist. „Wir können in dieser Hinsicht aktuell gar nichts ausschließen.“ Kurz zur Erinnerung: Bei Saudi-Arabien handelt es sich um jenes Land, in dessen Konsulat in Istanbul der Journalist Jamal Khashoggi im Oktober 2018 von einem Spezialkommando aus der saudischen Hauptstadt Riad getötet und zerstückelt wurde.

Ein DFB-Präsident geriete stark unter Druck

Man stelle sich vor, ein neuer DFB-Präsident hätte eine vergleichbare Antwort gegeben wie die neue Bundesligachefin. Er wäre in den Sozialen Netzwerken geteert und gefedert und in die ewige Verbannung geschickt worden, weil er die moralische Latte derart tief unterlaufen hätte. Auch Donata Hopfen wird bei Twitter wahrlich nicht mit Sanftmut behandelt - gipfelnd in der Frage: „Kann jemand diese Frau sofort wieder absetzen?“

Da bekommt eine gerade zu spüren, dass ein Job an der Spitze der Fußball-Bundesliga gesellschaftlich höchst relevant ist und anders bewertet wird als die von herkömmlichen Wirtschaftskapitänen. Vertrauen hat sie sich bei vielen Fans mit ihren Aussagen nicht erworben. Ein paar warme Worte ans einfache Publikum waren von der Managerin schon zu hören gewesen, mehr aber auch nicht. Ihren ersten Gastbeitrag schrieb sie im „Handelsblatt“ und setzte damit ein unzweideutiges Zeichen: Ihr vordringlicher Job ist es, Geld herbeizuschaffen.

FC Bayern München vor zehntem Titel in Folge

Weil das angesichts der Coronakrise und erwarteten Umsatzeinbrüchen von mehr als einer Milliarde Euro umso bedeutender erscheint, könnte sie sich bald auch daranmachen, heilige Kühe zu schlachten: „Wenn uns Playoffs helfen, dann reden wir über Playoffs.“ Das zeigt, wie hoch der Leidensdruck in der Liga im Spieljahr des zehnten Meistertitels des FC Bayern in Folge ist. Die internationalen Medienerlöse sind eingebrochen, das Publikum in Asien, Afrika und den USA vermisst die Spannung an der Spitze noch viel mehr, als es die Fans hierzulande tun. Hopfen hat in dieser Frage Recht, wenn sie tradierte Denkverbote aufzubrechen gedenkt. Aber dass das Fressen in einer Frage wie Saudi-Arabien vor der Moral kommt, ist in unserem Land der Fußball- und Fankultur wahrlich unerträglich.

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