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Bollwerk gegen einen Landsmann: Die Dortmunder Abdou Diallo und Dan-Axel Zagadou verteidigen gegen Monaco-Angreifer Moussa Sylla.

Franzosen in der Bundesliga

French Connection

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Die Bundesliga hat ihr Qualitätsniveau mit Hilfe der Weltmeisternation angehoben, um in den Europapokalwettbewerben wieder wettbewerbsfähig zu sein.

Noch immer kommt es vor, dass der Fußballlehrer Lucien Favre bei der Erklärung von komplizierten Zusammenhängen gerne seine Muttersprache bemüht. Oder es dankbar annimmt, wenn ihn Fragen auf Französisch erreichen, die er dann aber höflichkeitshalber in Deutsch beantwortet. Nach dem 2:1-Sieg beim FSV Mainz 05 ging es in der Pressekonferenz nämlich bald darum, dass solch ansehnliche Bundesligaspiele deswegen vermehrt zustande kommen, weil die deutsche Eliteklasse von weltmeisterlicher Hilfe profitiert. „Die Qualität der Bundesliga ist sehr, sehr gut“, sagte Favre, „und französische Spieler sind sehr, sehr gut ausgebildet.“ Die Indizien sind erdrückend, dass der frankophone Einfluss viele Mannschaften besser macht. Für den aus dem französischsprachigen Distrikt Gros-de-Vaud stammenden Schweizer ein willkommenes Thema.

Der 61-Jährige zählt nicht nur seine Abwehrspieler Dan-Axel Zagadou (22 Jahre) und Abdou Diallo (21) zu dieser Fraktion, sondern auch Axel Witsel (29) und Raphaël Guerreiro (24). Der belgische Mittelfeldorganisator Witsel sei französischsprachig, betonte Favre, das portugiesische Multitalent Guerreiro in der Grande Nation geboren. Und der Trainer hat selbst in zwei Jahren bei OGC Nizza seinen Horizont erweitert. Ergo: Der Frankreich-Faktor hilft dem BVB, der veranschaulicht, wie sich deutsche Klubs bei der wirtschaftlich übermächtigen Konkurrenz aus England in der Kaderplanung aufstellen müssen, um sportlich mitzuhalten.

In den Europapokalwettbewerben erlebt Deutschland nach einer furchtbaren Spielzeit 2017/2018 eine Art Renaissance und ist im laufenden Wettbewerb mit 8,64 Punkten pro Klub hinter Spanien die zweitbeste Nation. Gut möglich, dass alle sieben Starter in Champions League oder Europa League überwintern. Kurioserweise sichert die Bundesliga in der Uefa-Fünfjahreswertung ihren vierten Rang mit aktuell mehr als zwölf Punkten Vorsprung gegenüber der Ligue 1 ab, die von deutschen Klubs nach Verstärkungen durchforstet wird.

Noch nie war Frankreich als Exportnation so wichtig. Hinter den Österreichern (28) stellen Franzosen (25) den höchsten Anteil bei den 276 ausländischen Spielern (siehe Grafik). Es wären sogar mehr, wenn nicht in Frankreich aufgewachsene bzw. ausgebildete Spieler wie Amine Harit (21, FC Schalke) oder Ishak Belfodil (26, TSG Hoffenheim) für nordafrikanische Nationalteams spielen würden. Und vermutlich hätte der FC Bayern seine Krise unter Trainer Niko Kovac längst ein bisschen abgefedert, wenn nicht Weltmeister Corentin Tolisso (Kreuzbandriss) und Toptalent Kingsley Coman (Syndesmoseband) seit Wochen auf der Verletztenliste stehen würden. Statt dessen hat sich Borussia Mönchengladbach dank seines Torjägers Alassane Plea (25) und RB Leipzig mit seiner vierköpfigen French Connection – Jean-Kévin Augustin (21), Dayot Upamecano (19), Nordi Mukiele (20) und Ibrahima Konaté (19) – vor den Branchenprimus platziert.

In der Saison 2012/2013, als die Bundesliga mit dem deutschen Champions-League-Finale von Wembley auf dem absoluten Peak angekommen war, hatten die 18 Klubs gerade mal drei Franzosen unter Vertrag: Neben Franck Ribery (FC Bayern) waren Jonathan Schmid (SC Freiburg) und Matthieu Delpierre (TSG Hoffenheim) so etwas wie Exoten. Drei Jahre später mischten immerhin schon acht Spieler aus dem Nachbarland mit, aber zu diesem Zeitpunkt dominierten noch Legionäre aus der Schweiz (23), Österreich und Brasilien (je 19). Erst in den vergangenen drei Spielzeiten wurden 20 französische Profis unter 25 Jahren angelockt; das Gladbacher Toptalent Michael Cuisance (19) oder der Stuttgarter Weltmeister Benjamin Pavard (22) sogar direkt aus den dortigen Leistungszentren. 18 der 53 derzeit besten europäischen Ausbildungsvereine liegen laut einer Studie inzwischen in Frankreich, wo sich eine solch bunte Palette entwicklungsfähiger Akteure tummelt, dass die Talentspäher mit dem Scouting kaum noch hinterherkommen. „Wir können die Trainer der U-Nationalmannschaft dort nur beneiden“, sagt Leipzigs Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick, „denn es gibt viele Spieler, die bis jetzt gar nicht berücksichtigt wurden.“ Heißt: Französische Fußballer werden auf absehbare Zeit der wichtigste Exportartikel der Bundesliga bleiben.

Rangnick kann ausführlich über die Thematik referieren, die der deutschen Nachwuchsarbeit im Gegenzug nicht das beste Zeugnis ausstellt: „Wir suchen nach Spielern, die Straßenfußballkultur haben, mit einer guten technischen und taktischen Ausbildung. Frankreich ist dafür ein guter Markt. Das Land hat von der Qualität, aber auch der Breite her ein sehr gutes Ausbildungsniveau bei den Jugendmannschaften.“

Vor allem für den gesunden Mittelbau lohnt die Kosten-Nutzen-Rechnung. Der FSV Mainz habe „gefühlt zwölf“ Franzosen unter Vertrag, scherzte gerade erst Trainer Sandro Schwarz. Mit Moussa Niakhaté (22), dem für die ivorische Nationalmannschaft spielenden Jean-Philipp Gbamin (25) und Jean-Philippe Mateta (21) setzt er auf eine Achse mit enormem Wertsteigerungspotenzial, das sich am Beispiel Diallo orientiert: Gekauft wurde der Verteidiger für fünf Millionen Euro aus Monaco, um ihn diesen Sommer bereits für 28 Millionen an Dortmund zu veräußern. Je acht Millionen davon wurden für Niakhaté und Mateta direkt an den FC Metz bzw. AC Le Havre reinvestiert. Beide Spieler versprechen wieder beste Rendite, gelten als lernwillig und anpassungsfähig, weil sie wissen, dass sie sich in der Bundesliga auf einem ganz neuen Niveau beweisen müssen. So entsteht eine Liaison, die nicht ewig halten muss, aber beide Seiten voranbringt. Denn die jungen Franzosen schwärmen von den höheren Zuschauerzahlen in Deutschland, der perfekten Organisation. Dass die Bezahlung natürlich auch besser ist, als in Montpellier, Bordeaux, Lens oder Metz versteht sich von selbst. Doch das Geld ist nicht allein der Antrieb. Es hat sich herumgesprochen, dass viele junge Spieler in den aufgeblähten Kadern der Premier League kaum eine Chance bekommen – und sich damit auf lange Sicht für ihre Karriere selbst ausbremsen.

„Die Franzosen in der ersten, aber auch in der zweiten Liga sind sehr robust, sehr gut ausgebildet“, erklärt der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder. „Sie haben gute Charaktere, eine gewisse Dynamik. Sie passen gut zum deutschen Fußball.“ Und auch besser ins Gehaltsgefüge als so mancher Möchtegernstar mit wenigen Einsätzen in deutschen U-Nationalmannschaften, der schnell zwei Millionen Euro jährlich fordert.

Auch Fredi Bobic als Sportvorstand von Eintracht Frankfurt richtet deswegen gleich den Blick über die Grenzen und hat mit Sébastien Haller (24) und Evan Ndicka (19) zwei Coups mit Franzosen gelandet. Haller schoss seine Tore recht unbemerkt von den Großklubs beim niederländischen Ehrendivisionär FC Utrecht, ehe die Eintracht 2017 sieben Millionen Euro Ablöse locker machte. Für Ndicka gingen sechs Millionen an den AJ Auxerre. Viel Geld für ein Verteidigertalent aus der Ligue 2, doch gut genug war der junge Franzose allemal, um mitzuhelfen, dass mit Olympique Marseille der Europa-League-Finalist bereits aus dem diesjährigen Wettbewerb ausgeschieden ist, bevor der französische Renommierklub am Donnerstag in Frankfurt antritt.

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