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Freiburg, Union und Köln auf der Überholspur

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Von: Jan Christian Müller

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Mit Inbrunst Richtung Europa: Christian Günter, Kapitän des SC Freiburg.
Mit Inbrunst Richtung Europa: Christian Günter, Kapitän des SC Freiburg. © dpa

Der SC Freiburg, Union Berlin und der 1. FC Köln machen ihre Fans glücklich und rangeln nun eng beieinander um Plätze in der Europa League oder sogar der Königsklasse

Es gehört zu den selbstverständlichen Eigenarten des Mannschaftssports: Wenn einige Teams mehr leisten und in der Tabelle deshalb höher klettern, als ihnen zuvor zugetraut worden ist, gibt es andere, die hängen bleiben. Gerade schaffen mehr als erwartet: der SC Freiburg, Union Berlin, der 1. FC Köln auf den Plätzen fünf, sechs und sieben. Zu den auffälligsten Underperformern dieser Bundesligasaison gehört (neben Wolfsburg und Hertha BSC) Borussia Mönchengladbach.

Das führte selbst beim 3:3-Ausgleich in Freiburg in der Nachspielzeit durch Lars Stindl dazu, dass die offensichtliche Mehrzahl der mitgereisten Fans es ablehnte zu jubeln. Stindl lief in gedämpfter Freude genau auf ein Plakat mit dieser wenig schmeichelhaften Aufschrift zu: „Kein Kampf, kein Wille, kein Charakter – ihr seid eine Schande für Stadt und Verein!“

In Freiburg, bei Union und in Köln dagegen könnte der Klebstoff zwischen Verein und Fans nicht stärker sein als im Frühjahr 2022. Die Performance dieser drei Teams und ihrer Trainer ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Union Berlin: Eine besondere Widerstandskraft, mit schmerzlichen Rückschlägen umzugehen, offenbarten die Köpenicker nicht nur am Samstag in Leipzig. Am selben Ort, an dem die Eisernen drei Tage zuvor in der Nachspielzeit so unglücklich das DFB-Pokalfinale verpasst hatten, lagen sie nun auch im Bundesligaspiel bis zur 86. Minute 0:1 zurück. Der Schiedsrichter hatte ihnen zudem erstaunlicherweise trotz Einsatz des Videobeweises zuvor einen Strafstoß verweigert, nachdem Nordi Mukiele mit den Stollen Niko Gießelmann am Knie getroffen hatte. Aber Union blieb dran, und wie: Joker Sven Michel traf per Flugkopfball nur 21 Sekunden nach seiner Einwechslung. Derselbe Michel legte bald darauf dem mit ihm eingewechselten Kevin Behrens sehenswert per Hacke zum heftig umjubelten 2:1-Siegtreffer auf.

Union hat die Widrigkeiten des Winters erstaunlich stabil überwunden, nachdem nacheinander Abwehrchef Marvin Friedrich (nach Mönchengladbach) und Max Kruse (nach Wolfsburg) abgeworben wurden. Es gab eine mehrwöchige Phase, deren Resultate wenig Trost spendeten. Dann schüttelten sich das Team von Urs Fischer und begann einfach weiter zu punkten, zuletzt mit vier Bundesligasiegen in Folge gegen Köln, die Hertha, Frankfurt und Leipzig. Super-Joker Michel spricht von einer „unfassbaren Mentalität“.

Die Union-Fans feierten noch ein bisschen ausgelassener als sonst, schließlich verbindet sie mit RB Leipzig eine herzliche Abneigung. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle aber auch, dass Union diese Saison in der drittklassigen Conference League nur eine viertklassige Leistung bot und ruhmlos schon in der Vorrunde ausschied.

1. FC Köln: Beim emotionalisierten Geißbock-Klub hört sich der aus guten Gründen hochgelobte Trainer Steffen Baumgart gerade wie in Endlosschleife wiederholen, dass sie natürlich nach Europa wollen, dass es aber auch dann eine tolle Saison wäre, wenn sie es nicht schaffen würden. Der Mann, der mit seiner Schiebermütze, dem weißen Kurzarm-Shirt und der schwarzen Weste mit Aufdruck des Supermarktsponsors auf dem Rücken aussieht wie ein Lieferbote, hat ja völlig Recht. Es gehört zu seinem Job, die Erwartungen in der von Erfolgen über viele Jahre hinweg ausgehungerten Stadt nicht zu drosseln, aber auch eine realistische Sicht der Dinge einzufordern. Denn nicht zu vergessen: Der FC gehörte als Relegations-Teilnehmer der weitgehend missglückten Vorsaison vor Beginn der aktuellen Spielzeit auf vielen Tippzetteln zu den designierten Abstiegskandidaten. Jetzt sagt Baumgart nach dem mühseligen 3:1 gegen Arminia Bielefeld: „Keiner von den Jungs hat in jüngster Zeit mal um Europa gespielt. Ich sehe gerade nicht, dass sie leichtfüßig unterwegs sind.“ Der Druck!

SC Freiburg: Nach dem 3:3 gegen Mönchengladbach geriet der Ärger darüber ärger, nach 3:2-Führung noch zwei Punkte verloren zu haben, als die Freude darüber, einen 0:2-Rückstand noch aufgeholt zu haben. „Die Jungs sind extrem enttäuscht“, berichtete Christian Streich aus der Kabine. Der Trainer sprach von einem „wahnsinnig tollen Spiel“, in dem er noch Reste des Adrenalins aus dem erfolgreichen Pokal-Halbfinale am Dienstag in Hamburg erkannt haben wollte. Streich gab den Leuten einen gut gemeinten, aber nicht ganz zu Ende gedachten Rat: „Ich würde mir eine Dauerkarte für nächstes Jahr kaufen.“ Es gibt nur keine mehr beim SC Freiburg. Alle 25 000 sind längst verkauft, die Warteliste ist lang, weil an diesem Standort auch in der neuen Arena zuverlässig gehobene Fußballkost geboten wird.

Nun rangeln sich die Überflieger Union, Köln und Freiburg um einen Platz in der Europa League. Für die Breisgauer könnte der letzte Spieltag bei Bayer Leverkusen gar zum Endspiel um die Qualifikation zur Champions League werden. Überholen erlaubt!

Die wundersame Reise geht weiter: Sven Michel (li.) und Taiwo Awoniyi jubeln nach dem 1:1 durch Michel in Leipzig.
Die wundersame Reise geht weiter: Sven Michel (li.) und Taiwo Awoniyi jubeln nach dem 1:1 durch Michel in Leipzig. © dpa

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