+
Colin Bell.

Frauenfußball-WM

Kolumne: Spion von der grünen Insel

Warum Colin Bell bei der Frauen-WM bei den deutschen Spielen ganz genau hinschaut. 

Rennes - Colin Bell bewegte sich hinterher schnellen Schrittes im Strom der Zuschauer, die im Roazhon Park von Rennes das 1:0 der deutschen Fußballerinnen gegen China gesehen hatte. Aber für ein Statement unter der Haupttribüne hatte der bestens gekleidete Fußballlehrer natürlich noch Zeit: „Ein typisch deutscher Sieg, der auch ein Zeichen von Stärke ist.“ Den Kraftakt zum WM-Auftakt hatte Bell aus einem besonderen Blickwinkel betrachtet: um einen kommenden Gegner zu beobachten. Wenn diese Frauen-WM in einem Monat schon wieder Geschichte ist, geht es bald mit der Qualifikation für die EM 2021 weiter.

Deutschland trifft in seiner Gruppe auf Ukraine, Griechenland und Montenegro – und auf Irland. Und damit kommt der Trainer ins Spiel, der 2015 den 1. FFC Frankfurt als bislang letzten deutschen Frauen-Vertreter zum Champions-League-Sieg führte. Der 57-Jährige verantwortet seit Februar 2017 Irlands Frauen-Nationalmannschaft. Bis vor kurzem hat er sich auch noch um den weiblichen U17-Nachwuchs gekümmert, um seine eigene Basis zu stärken. Es ist Pionierarbeit, die Bell auf der grünen Insel verrichtet.

Die irischen Fußballerinnen wollen unbedingt bei der EM in England dabei sein – für die WM hat es nicht gereicht

Die irischen Fußballerinnen haben sich nicht für die WM 2019 qualifiziert, aber in zwei Jahren bei der EM in England wollen sie unbedingt dabei sein. „Das ist unser Traum“, sagt der gebürtige Engländer, dessen Wurzeln in Leicester liegen. Das Turnier in seinem Geburtsland – da würde sich ein Kreis schließen. Anfang der 80er Jahre begann Bell als junger Kicker seine Deutschland-Reise, die ihn sogar für kurze Zeit zum Zweitligaprofi beim FSV Mainz 05 machte. 

Seine Erfahrungen als Spieler und Trainer sind ebenso vielfältig wie jene als Laienprediger, so dass der überzeugte Christ darüber mal ein Buch („Der beste Wechsel“) herausbrachte. Im März 2017 erschien ein weiteres Werk: „Der (Frauen)-Fußball-Versteher“. Wenn der jetzt mit bei den Qualifikationsspielen Irland gegen Deutschland am 11. April und 22. September 2020 an der Seitenlinie steht, will er schon ein Jahr vorher nichts mehr dem Zufall überlassen haben.

Bell wohnt im Westerwald, verbringt die meiste Zeit aber in Dublin

Und so fuhr er noch am Pfingstsamstag mit dem Auto nach Nantes, flog am Sonntag zurück nach Dublin. Über Brüssel kommt der Spion dann am Mittwoch wieder zurück nach Frankreich, um sich in Valenciennes unweit der belgischen Grenze auch das zweite Gruppenspiel Deutschlands gegen Spanien anzusehen.

Zwischenzeitlich kommentiert der Nationaltrainer für den irischen öffentlich-rechtlichen Sender RTE nämlich auch noch ausgewählte WM-Partien als Fernsehexperte. Zwar wohnt Bell, der kürzlich Großvater geworden ist, noch im Westerwald, weilt aber oft in Dublin, um seine Arbeit ganz gewissenhaft zu erledigen. Anders ist dem deutschen Frauen-Nationalteam im nächsten Jahr aus irischer Sicht sicher nicht beizukommen. Wenn überhaupt.

Von Frank Hellmann

Lesen Sie auch

Die Gwinner-Generation: Zwei Nesthäkchen setzen ein Ausrufezeichen: Mit Giulia Gwinn und Lena Sophie Oberdorf setzen zwei der Nesthäkchen bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gleich beim WM-Debüt wegweisende Ausrufezeichen.

WM-Auftakt gegen China: Zittersieg und Stoßgebet: Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft muss beim 1:0-Arbeitssieg gegen China zum WM-Auftakt viele Widerstände überwinden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion