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Frauenfußball in England: Lauter Ausrufezeichen

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Von: Frank Hellmann

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Kultstatus auf der Insel: Rekordtorschützin Ellen White wird auf die Kreidefelsen von Dover projiziert.
Kultstatus auf der Insel: Rekordtorschützin Ellen White wird auf die Kreidefelsen von Dover projiziert. © dpa

England stärkt mit Macht den Frauenfußball und will sich jetzt mit dem EM-Titel im eigenen Land belohnen. Am Mittwoch eröffnet die Mannschaft das Turnier gegen Österreich.

Direkt im Herzen des Londoner Stadtteils Brentford liegt der Pub „The Six Bells“. Von der Schleuse am Flüsschen Brent führt ein Zebrastreifen über die Brentford High Street. Auffällig sind an dieser Stelle die Regenbogenfarben rechts und links. Die Kneipe war lange ein prominenter Anlaufpunkt für Schwule und Lesben. Nach zweijähriger Umbauphase in der Corona-Pandemie hat Besitzer Peter Clark bei der Wiedereröffnung ausdrücklich betont, neben der LBGTIQ-Gemeinde auch allen anderen Gästen die Tür zu öffnen. Ihm kommt die Frauen-EM im eigenen Land jetzt wie gerufen. Die Flaggen der 16 Teilnehmer sind seit Tagen akkurat in den Fenstern drapiert. Jetzt müssen nur noch Leute vorbeikommen, die sich von diesem Turnier animieren lassen, bei ihm ein London Pride zu bestellen.

Doch es gibt eigentlich keine Zweifel, dass England gewillt ist, diese Party zu feiern. 500 000 Tickets sind bereits verkauft – mehr als doppelt so viele wie bei der Europameisterschaft vor fünf Jahren in den Niederlanden. Am Fernseher werden 250 Millionen Zuschauer erwartet – auch das wäre Rekord. Der englische Verband FA kündigt „das größte europäische Frauensport-Event der Geschichte“ an. Das Eröffnungsspiel England gegen Österreich (Mittwoch 21 Uhr/ARD) im Old Trafford ist seit Monaten ausverkauft.

Mehr als 74 000 Menschen werden nicht nur ein Heidenspektakel veranstalten, sondern auch den EM-Rekord mit 41 000 Besuchern beim Finale 2013 im schwedischen Solna locker überbieten, als die deutschen Fußballerinnen nach einem 1:0 gegen Norwegen den letzten EM-Titel feierten.

Beim Endspiel am 31. Juli in Wembley wollen jetzt aber die „Three Lionesses“ jubeln und beweisen, dass sie es besser können als die Männer an selber Stelle vor einem Jahr. Der einhellige Tenor: Es wäre Zeit für den allerersten Titel Englands im Frauenfußball, nachdem das einzige Finale bei der EM 2009 verloren ging. 2:6 gegen Deutschland. Wie sollte es anders sein. Nach dem dritten Platz bei der WM 2015, übrigens ein 1:0 im kleinen Finale gegen erschöpfte Deutsche im kanadischen Edmonton, haben sich Verband und Vereine und später auch Medien und Sponsoren diesem Projekt verschrieben. Als 2018 die Women’s Super League (WSL) als reine Profiliga aus der Taufe gehoben wurde, stellte die FA-Verantwortliche Katie Brazier eine einfache Gleichung an: Professionelles Umfeld bringt mehr Qualität, was zu mehr Publikum und mehr Geld führt. Die Rechnung geht auf. Die WSL-Partien erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Angeblich hat sich die Reichweite der TV-Übertragungen in der vergangenen Saison vervierfacht. Die Spielerinnen verdienen im Schnitt jetzt 30 000 Pfund im Jahr, die Stars sogar bis zu 200 000 Pfund. In der Vermarktung, in der Professionalisierung, erklärte der deutsche Spielerberater Dietmar Ness bereits vor geraumer Zeit, ist die englische Liga führend. Und bei der Bezahlung mittlerweile auch. Nach dem Turnier sollen 500 000 mehr Möglichkeiten für Frauen und Mädchen im Fußball geschaffen werden – ob als Spielerin, Trainerin oder Schiedsrichterin.

Die Zugmaschine soll Englands Nationalteam sein, die in der Vorbereitung einen gänzlich anderen Weg als die DFB-Auswahl nahm. Nicht so viel Training, dafür mehr Spiele, die reichlich Rückenwind gaben: 3:0 gegen Belgien, 5:1 gegen den Europameister Niederlande und 4:0 gegen die Schweiz. Es scheint kaum vorstellbar, dass ein Ensemble mit Torhüterin Mary Earps, Kapitänin Leah Williamson oder Dampfmacherin Lucy Bronze gegen die Österreicherinnen stolpert. Das Toreschießen funktionierte sogar ohne die an Corona erkrankte Ellen White. Die 32-jährige Galionsfigur ist überlebensgroß an die berühmten Kreidefelsen von Dover projiziert worden. Ausrufezeichen allerorten. Selbst die für Manchester City spielende Lauren Hemp verrät, dass sie es „kaum noch erwarten“ könne, das prall gefüllte Old Trafford zum Aufwärmen zu betreten.

Unmoralisches Angebot

„Ein Erfolg wäre es für England, wenn sie die Trophäe stemmen“, sagt Ex-Nationalspielerin und BBC-Moderatorin Alex Scott. „Bei allem Aufwand und was sie sonst in den Fußball investiert haben, sollten sie das Turnier gewinnen.“ Die hohe Erwartungshaltung war Nationaltrainerin Sarina Wiegman bewusst, als die Niederländerin 2020 die Nachfolge von Phil Neville antrat. Sie hat ja schon 2017 ein Heimturnier gewonnen: Gastgeber Niederlande hatte anfangs eigentlich niemand auf dem Zettel, ehe sich die Begeisterung von Spiel zu Spiel steigerte. Orchestriert von einer Nationaltrainerin, die genau wusste, was sie tut – und 2019 die „Oranje Leuwinnen“ noch bis ins WM-Finale führte.

Nun soll die 52-Jährige erneut den EM-Thron erklimmen, wobei es schon im Viertelfinale in Brighton zu einem Duell gegen Deutschland kommen könnte. „Ich hoffe, wir werden es zu einem Ereignis machen, an das sich alle für immer erinnern werden“, sagt Wiegmann. Das Energielevel könnte kaum größer sein. Gerade hat die „Daily Mail“ enthüllt, dass ein Private-Equity-Unternehmen 150 Millionen Pfund geboten hat, um die kompletten Rechte der WSL zu übernehmen – die FA hat vorerst dankend abgelehnt. Aber allein das unmoralische Angebot zeigt, welche Potenziale auf der Insel schlummern. Nicht nur in den Pubs von Brentford.

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