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Iranische Fußballnationalmannschaft der Frauen: Angefeindete Vorbilder

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Von: Frank Hellmann

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Jubelten in Usbekistan über ihre erstmalige Qualifikation für den Asien-Cup: die stolzen Fußballerinnen aus dem Iran. maryam Majd
Jubelten in Usbekistan über ihre erstmalige Qualifikation für den Asien-Cup: die stolzen Fußballerinnen aus dem Iran. maryam Majd © Maryam Majd

Das iranische Frauen-Nationalteam spielt erstmals beim Asien Cup mit. Trotz geringer Erfolgsaussichten auf eine WM-Teilnahme besitzt die Präsenz mehr als nur symbolischen Wert.

Frankfurt am Main - Vielleicht ist es in diesem Fall wirklich gar nicht wichtig, wie das erste Spiel des Gastgebers beim Asien-Cup der Frauen ausgeht. Wenn die indischen Fußballerinnen am Donnerstag (20.01.2022) um 19.30 Uhr Ortszeit in dem gewöhnlich für Cricket genutzten D.Y. Patil Stadium von Mumbai antreten, ist zunächst bemerkenswert, gegen wen sie dieses unter Hoheit der Asiatischen Fußball-Konföderation AFC stehende Turnier eröffnen: das iranische Frauen-Nationalteam, das sich erstmals in seiner Geschichte qualifiziert hat. In einer beeindruckenden Mixtur aus Trotz und Tapferkeit.

Die größten Widerstände gibt es noch im eigenen Land, wo das Regime die Frauenrechte beschneidet und die Sanktionen der USA gleichzeitig jene jungen Bevölkerungsschichten verzweifeln lassen, die eigentlich auf eine Öffnung zum Westen hoffen. Vorübergehend war der Iran aus der Weltrangliste im Frauenfußball verschwunden, weil die offiziellen Aktivitäten bis runter auf Vereinsebene zum Erliegen kamen. Weil aber der Weltverband Fifa auf Fortschritte und die Förderung des Frauenfußballs besteht, musste sich der iranische Fußballverband bewegen, zumal der Fußball bei Frauen und Mädchen sehr beliebt ist. Ganz zum Unwillen des erzkonservativen Klerus, der mit Verweis auf die strengen islamistischen Regeln den Frauen auch für Jahrzehnte rigoros den Besuch in Fußballstadien verbot.

Zeitweise war das Team völlig von der Bildfläche verschwunden

Nach zweijähriger Abstinenz wurde das iranische Frauen-Nationalteam von Maryam Irandoost wieder zum Leben erweckt, die im vergangenen Jahr zum zweiten Male als Nationaltrainerin einstieg und sich die Unterstützung von Shohreh Mousavi sicherte, die als Vizepräsident des iranischen Fußballverbandes über Einfluss verfügt, weil sie der AFC-Frauenkommission angehört. Die beiden international gut vernetzten Aktivistinnen räumten in wenigen Monate viele Blockaden beiseite. Schafften Ausrüstung an, sichteten die Spielerinnen und erreichten deren Unterbringung im Adazi-Sportkomplex von Teheran für die Vorbereitung auf erste Freundschaftsspiele. Die Funktionärin Mousavi drohte zwischenzeitlich mir ihrem Rücktritt, als der Verband keine Gehälter für den Frauen-Staff zahlen wollte.

Nicht durch kam die streitbare Trainerin mit ihrem Ansinnen, ihren Vater Nosrat Irandoost, einen ehemaligen Spieler und erfahrenen Vereinsmanager als Technischen Direktor fürs Frauen-Nationalteam zu gewinnen. Seine Anwesenheit untersagte das iranische Ministerium für Sport und Jugend mit der Begründung, es könne nicht sein, dass er den verschleierten Sportlerinnen aus nächster Nähe zusehe. Auch Vorbereitungsspiele für den Asien-Cup kamen nicht zustande, weil die Verbandsoberen meinten, die tapferen Pionierinnen in Stollenschuhen hätten schon genug Aufmerksamkeit bekommen. Tatsächlich sind die Popularitätswerte der Fußball-Nationalspielerinnen enorm gestiegen, von denen die meisten aus den unteren sozialen Schichten und aus weit entfernt von der Hauptstadt Teheran gelegenen Dörfern stammen – und deren Familien jetzt unendlich stolz auf sie sind.

Aus Jordanien kam der Vorwurf, die Torhüterin sei ein Mann

Der Iran geht als krasser Außenseiter in ein Zwölfer-Turnier, bei dem bis zum 6. Februar die fünf asiatischen Qualifikationsplätze und zwei weitere Playoff-Plätze für die Frauen-WM 2023 in Australien und Neuseeland ausgespielt werden. Mit der Aufstockung von 24 auf 32 Endrundenteilnehmer sollen eben nicht nur Nationen mit etablierten Frauenfußball-Strukturen wie Japan oder China an einer WM teilnehmen. Dennoch bleibt die Tür für das „Team Melli Bannovaan“ wohl noch zu, doch auch so gibt es ganz viel zu gewinnen. Mehr Wertschätzung und Respekt nämlich. Mögen sie Vorbilder für viele iranische Frauen sein, werden ihre Erfolge vom führenden Männer-Zirkel des Landes im Innersten abgelehnt - und vor allem die Unterstützer des Teams mehr oder minder offen angefeindet.

Ausgerechnet Prinz Ali bin al-Hussein, Sohn des verstorbenen König Hussein von Jordanien und Präsident des jordanischen Fußballverbands (JFA), hat die Bekanntheit der iranischen Fußballerinnen stark erhöht, als er nach der in Usbekistan ausgespielten Vorausscheidung eine Beschwerde vorbrachte, die hohe Wellen schlug. Der jordanische Prinz forderte von der AFC eine „Geschlechterüberprüfung unabhängiger medizinischer Experten“ der iranischen Torhüterin Zohreh Koudaei, nachdem die 32-Jährige den Sieg das Elfmeterschießen gegen Jordanien mit ihren Paraden entschieden hatte. Zudem twitterte er, dass der iranische Fußball „eine Vorgeschichte mit Geschlechter- und Dopingproblemen“ habe. Damit hatte der Fall politischen Sprengstoff.

Plötzlich kam auch Rückendeckung von den Männern

Trainerin Irandoost wies die Vorwürfe umgehend zurück. „Das medizinische Personal hat jede Spielerin des Nationalteams sorgfältig auf die Hormone untersucht, damit wir in dieser Hinsicht keine Probleme bekommen.“ Bereits vor einigen Jahren war der Verdacht aufgekommen, dass einige Spielerinnen Männer seien, die auf eine geschlechtsangleichende Operation warteten. Der AFC sah damals wie heute kein Grund zur Beanstandung, währenddessen das iranische Team aus der Heimat eine unverhoffte Welle der Unterstützung erreichte – speziell männliche Fans titulierten die Torhüterin plötzlich als das „tapfere und schöne Mädchen“ des iranischen Fußballs.

Zudem wurden Bilder aus dem Haus ihres Vaters gezeigt, wie ihre Mutter erst betete und später vor Freude weinte, als ihre Tochter den jordanischen Elfmeter hielt. Bereits als Schulkind, erzählte Kodaei, habe sie als Schreinerin gelernt, anzupacken. „Ich stamme aus einer Familie, in der ich früh arbeiten musste, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.“

Auch die freiberufliche Fotografin Maryam Majd, die über viele Jahre hinweg einen engen Draht zu den Spielerinnen aufgebaut hat, beteuert: „Alle medizinischen Belege und Untersuchungen haben gezeigt, dass sie eine Frau ist. Das ist die Wahrheit, die die ganze Welt wissen sollte“. Es gehe nicht, jemand allein nach seinem menschlichen Aussehen zu beurteilen. Die 34-Jährige hat übrigens ihre Ersparnisse zusammengekratzt, um beim Frauen-Asien-Cup 2022 als einzige akkreditierte Fotografin aus dem Iran dabei sein, wenn der unermüdliche Kampf um Anerkennung nicht nur für die Iranerinnen in die nächste Runde geht. (Frank Hellmann)

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